Das Chaos

    • Fast vier Stunden Arbeit.

      [...]
      Tuomas tastete nach der Sofalehne und ließ sich dann auf die Couch fallen. Vanessa stand neben ihm und bestand darauf, ihm bei allem, was er tat, zu helfen.
      „Vanessa, ich bin nicht querschnittsgelähmt oder so“, knurrte er und scheuchte sie davon. „Mach mir ’nen Kaffee und guck, ob irgendwo meine Kippen rumliegen, das hilft mir mehr, als wenn du mir andauernd in den Füßen stehst!“
      „Der Arzt hat gesagt, ich soll ein Auge auf dich haben!“, verteidigte Vanessa sich.
      „Ich hab selber ein Auge auf mich“, brummte Tuomas und brachte Vanessa zum lachen.
      „Tut mir leid“, entschuldigte sie sich und presste sich den Handrücken gegen die Lippen. „Das ist gemein. Ich... geh dir Kaffee machen.“
      „Siehst du, so einfach ist das.“ Tuomas ließ den Kopf langsam nach hinten fallen. Er lauschte auf die Geräusche in seiner Wohnung, die Kaffeemaschine, Vanessas Schritte...
      „Wie lange, hat der Arzt gesagt, muss ich den Verband noch drauflassen?“, fragte er, als er das Klappern von Geschirr hörte und sich Vanessa mit ihren schweren Springerstiefeln wieder näherte.
      „Bis morgen Abend“, sagte sie, nahm sachte seine Hand und ließ ihn die Kaffeetasse greifen. „Sechs Löffel Zucker, nicht wahr?“
      „Stimmt so.“ Tuomas fand den Löffel und rührte langsam um. Sein Kopf war noch immer verbunden, er war ganz auf seine Ohren und Vanessa angewiesen. Seine Welt bestand aus nichts als Dunkelheit, in der Vanessas Stimme der einzige Lichtstrahl war.
      Sie saß neben ihm, die Hände auf den Knien und beobachtete ihn angespannt. Er trank wortlos. Generell sprach er wenig, seit er vor einigen Stunden aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Nicht, dass er in den zwei Tagen Aufenthalt, die er gehabt hatte, viel gesprächiger gewesen war.
      „Tuomas“, sagte sie schließlich, „was ist zwischen dir und Jack passiert? Er ist einfach so verschwunden. Und man merkt, dass dich das bedrückt, also was ist los?“
      Tuomas setzte die Kaffeetasse an die Lippen und genoss den vertrauten Geschmack des Kaffees auf der Zunge. Süß und heiß, und noch immer ein wenig bitter. „Er hat eine andere Unterkunft gefunden“, sagte er. „Dass er bei mir wohnen wollte war sowieso nur vorübergehend. Tut mir Leid für dich, man hat gemerkt, wie gut ihr euch verstanden habt.“
      Sirius war so freundlich gewesen, noch einige Dinge für Tuomas zu klären. Die Tatsache, dass Tuomas keinen Ausweiß besaß, hatte er geregelt, und man hatte Tuomas ohne weitere Fragen nach seiner Versicherung behandelt. Mittlerweile hatte ihn wahrscheinlich jeder Arzt und jede Schwester vergessen. Anders hätte es knapp für Tuomas werden können.
      Und dann hatte Sirius sich verabschiedet. „Ich darf keine Zeit verlieren“, hatte er gesagt. „Tut mir leid. Mach’s gut... Hoffen wir, dass wir uns vielleicht noch mal wiedersehen, wenn all das ausgestanden ist.“ Und damit war er verschwunden.
      Vanessa war an Tuomas’ Seite geblieben. Er versuchte mittlerweile nicht mehr, sie fortzuscheuchen, und ebenso unaufgefordert half sie ihm, mit seiner neuen Behinderung klarzukommen.
      Es war still in dem kleinen Wohnzimmer. Vanessa starrte auf ihre Füße, und Tuomas saß ein wenig zusammengesunken neben ihr, sein heiles Auge unter dem Verband geschlossen, und lauschte ihrem ruhigen Atem.
      „Wie spät ist es?“, fragte er nach einer Weile und stellte seine leergetrunkene Tasse vor der Couch auf den Parkettboden.
      „Kurz nach sechs“, sagte Vanessa. „Als wir aus dem Krankenhaus gegangen sind, war es gerade halb, erinnerst du dich?“
      „Kommt mir wie ’ne Ewigkeit vor. Ich hab mein Zeitgefühl verloren“, stellte Tuomas seufzend fest. „Furchtbares Gefühl.“
      „Uhm.“ Vanessa sah ihn einen Moment lang ratlos an. Dann kam ihr eine Idee. „Warte, bin sofort wieder da!“, sagte sie, stand auf und lief davon. Tuomas hörte die Wohnungstüre aufgehen, und dann klopfte Vanessa irgendwo endlos weit weg von ihm im Flur an eine Türe. Tuomas verstand kein Wort von dem, was gesprochen wurde. Er seufzte nur, tastete mit einer Hand nach seiner Kaffeetasse und stand dann auf, machte einen Schritt.
      Es waren fast zehn Schritte bis zur Tür, und er hatte nur eine vage Idee, in welche Richtung er gehen musste. Tuomas zögerte, streckte die linke Hand aus und ging in die Endlosigkeit hinein, die sein kleines Zimmer geworden war.
      Schon nach ein paar Schritten traf er auf ein Hindernis, stieß sich das Knie und fluchte. Er klammerte sich an die Kaffeetasse in seiner Hand als wäre sie ein Ast, der in den reißenden Fluss aus Dunkelheit ragte, in dem er verzweifelt versuchte, nicht zu ertrinken.
      „Ist alles okay?“ Vanessa war sofort wiedergekommen, packte ihn am Arm. Tuomas suchte nach ihrer Hand, die sie ihm helfend reichte. Sofort fühlte er sich wohler. Aus dem Zweig, an den er sich geklammert hatte, wurde ein stabiler Stamm.
      Er atmete aus. „Ja, ich hab mich nur etwas in der Richtung verkalkuliert“, murmelte er. „Wogegen bin ich gelaufen?“
      „Deinen Gitarrenständer“, sagte Vanessa. „Ist aber nichts passiert, deiner Gitarre geht’s gut.“
      „Freut zu hören.“ Tuomas runzelte die Stirn. „Was ist das für ein Geräusch?“
      „Hah!“ Vanessa grinste. „Ein Wecker. Er tickt ziemlich laut, was? So ein typischer Wecker halt, wie alte Leute ihn haben. Frau Jakobs hat ihn mir geliehen. Er macht auch jede volle Stunde ein Geräusch, sagt sie.“ Sie nahm Tuomas fester am Arm und leitete ihn sanft in die Küche. „Damit du dein Zeitgefühl nicht völlig verlierst, bis ich dir den Verband abnehmen darf.“
      „Keine dumme Idee“, sagte Tuomas. Und stieß sich erneut das Knie. „Autsch, verdammt, wo gehst du hin!“
      „Tut mir leid! Das war der Stuhl!“
      „Pass gefälligst besser auf, sonst lande ich direkt wieder im Krankenhaus!“, knurrte er, tastete mit einer Hand den Tisch ab, fand den Stuhl, ließ sich darauf fallen.
      „Vorhin meintest du noch, du brauchst keine Hilfe“, stichelte Vanessa.
      „Mach mir endlich Kaffee“, knurrte er und hielt seine Tasse in die Richtung, in der er Vanessa vermutete.
      „Nix da, sonst kannst du heute Nacht nicht schlafen. Und du musst dringend ein bisschen Energie sammeln“, sagte Vanessa. „Ich werd jetzt duschen gehen, und danach koche ich dir was zu Essen.“
      „Ich hab keinen Hunger, mach Kaffee!“, protestierte Tuomas. Vanessa sagte nichts, stattdessen ertönte ein kurzes, schleifendes Geräusch. „Was war das?“
      „Der Stecker“, grinste Vanessa. „Versuch doch mal, den blind wieder einzustöpseln und dir selbst Kaffee zu machen. Wenn du das schaffst, hast du ihn dir sogar verdient.“
      „Du Biest!“
      „Danke gleichfalls. Also, ich geh duschen, dauert auch nicht lange.“ Sie streckte die Hand aus und verwuschelte ihm die Haare wie einem kleinen Jungen, und dann war sie lachend aus dem Zimmer gelaufen.
      Tuomas verzog das Gesicht und blieb stumm sitzen, bis er von nebenan das Prasseln des Wassers vernehmen konnte. Dann schnaubte er leise, fasste den Rand des Tisches und stand auf.
      Er hasste dieses Gefühl, nicht mehr recht zu wissen, wo oben und unten war. Ohne den Tisch loszulassen streckte er die andere Hand aus, weiter, weiter in die Leere hinein.
      Er stieß sich den Finger an den Schränken über seinem Herd, ließ den Tisch los und suchte nach den Türgriffen. Er fasste ein paar mal in die Leere, fand sie aber schnell, zog den Türgriff auf und tastete nach dem Inhalt. Tassen. Erster Schrank von links. Seine Finger wanderten über die Schränke und fühlten nach den Kerben, wo sie aneinandergereiht waren. Erster Schrank mit den Tassen und Gläsern, zweiter Schrank mit dem Geschirr, dritter Schrank mit Vorräten. Er zog die Tür auf und tastete hinein. Er fand seine Zigaretten sogar auf Anhieb, weil er schon oft nachts im Dunkeln danach gesucht hatte. Er schob sich eine Kippe zwischen die Lippen und zündete sie an, inhalierte tief.
      Und dann drehte er sich um und ging einfach geradeaus, zwei Schritte, und stand an der anderen Wand. Den Tisch und den Stuhl wiederzufinden war jetzt leicht. Er setzte sich wieder, streckte die Beine aus und blies den Tabakrauch langsam durch die Nase. „Na also“, sagte er zufrieden. „Ist doch gar nicht so schwer. Ging auch ohne sie.“
      Einen Moment lang war er euphorisch genug, um sich selbst an den Stecker seiner Kaffeemaschine zu trauen zu wollen, ließ es aber dann doch sein. Er blieb sitzen und rauchte; blies langsam den Rauch seiner Zigarette davon und lauschte dem Ticken des Weckers. Er tickte und tickte. Tuomas zählte aus Langeweile mit.
      Vanessa blockierte seit einer halben Stunde das Bad, und langsam bekam er doch Hunger. Seufzend drückte er seine Zigarette aus, erhob sich und tastete sich langsam zur Badezimmertüre.
      Er überlegte, ob er einfach die Tür öffnen sollte und ihr sagen sollte, dass sie sich gefälligst zu beeilen hatte. Er ließ es bleiben, weil das wahrscheinlich sehr unhöflich gewesen wäre und sie es ihm wochenlang vorhalten würde und ihn grinsend einen Spanner nennen würde, trotz der Tatsache, dass er nichts sah. Im schlimmsten Fall würde sie in ihn hineininterpretieren, das er doch was von ihr wollte.
      Seufzend hob er die Hand und wollte höflich-zurückhaltend an die Tür klopfen, da hörte er es:
      Vanessas Stimme, zuckersüß stöhnend. Seinen Namen stöhnend. Tuomas, Tuomas. Ganz leise. Aber er hörte sie trotzdem.
      Tuomas’ Hand stoppte auf halbem Weg gegen die Tür. Er würde sich jetzt still und leise wieder in die Küche verkrümeln und eine Menge rauchen.
      Er blieb vor der Tür stehen und starrte in die Dunkelheit um ihn herum. Kein Zweifel, über das regelmäßige Rauschen des Wassers schwebte Vanessas lustvolle Stimme. Als sich ein Bild von Vanessas zierlichen, nackten und zusätzlich nassen Köper in Tuomas’ Hirn einbrannte, seufzte er. „Ja“, sagte er. „Zigaretten.“ Er atmete einmal tief durch, drehte sich zur Küche zurück tastete nach seinen Zigaretten und dem Stuhl.
      Er schwieg und rauchte, still und allein in seiner Küche.
      Vanessa duschte lange, und Tuomas rauchte in dieser Zeit einfach nur. Er saß bewegungslos am Tisch, sah nichts, bemühte sich, nichts außer dem Ticken des Weckers zu hören und als im Badezimmer das Wasser abgestellt wurde und Vanessa ein paar Minuten darauf die Tür öffnete, seufzte er erleichtert auf.
      Ihr Haar war noch nass und sie trug nur einen dunkelroten Slip und ein enges, gestreiftes Top, das sich leicht über dem Bauch und ihren Brüsten spannte. Er sah sie ja sowieso nicht, fand sie, insofern war es auch egal.
      „Ich bin fertig“, sagte sie und blieb im Türrahmen stehen, betrachtete den mit Zigaretten nahezu überquellenden Aschenbecher.
      Tuomas drückte auch die letzte Zigarette aus und kam um den Tisch, den er mit zwei Fingern streifte, um sich zu orientieren.
      „Kommst du allein zurecht?“, fragte Vanessa verwirrt, als er sie an den warmen, nackten Schultern fasste und langsam in den Flur schob. „Du musst es nur sagen, und ich helf dir, wenn etwas ist und so.“ Sie stand nun mit dem Rücken zur Wand und wahrscheinlich hätte sie einfach weitergeredet, aber Tuomas brachte sie zum Schweigen.
      Er küsste sie, leicht, auf die feuchten Lippen, seine Finger fest um ihre dünnen Oberarme gelegt. Sie fühlte den Druck seiner Lippen und sah regungslos gegen den Verband um seine Augen.
      Sie wandte den Kopf beiseite. „Lass das!“ Er ließ sie los und sie sah, wie er sich kurz die Lippen leckte. Auf seine ungestellte Frage hin meinte sie: „Du meinst es doch eh nicht ernst!“
      „Wahrscheinlich hast du recht“, sagte er. „Macht das einen Unterschied?“
      „Für mich schon!“
      „Das wäre das erste Mal.“
      „Du bist was anderes! Ich liebe dich, falls du es immer noch nicht kapiert hast, und ich will nicht, wenn du nicht willst!“
      Tuomas’ Finger wanderten ihre Arme entlang und er spürte ihre Gänsehaut darauf, die er auslöste. Er griff sanft nach ihren Händen. „Nimm mir den Verband ab“, sagte er leise. „Ob nun heute order morgen, das ist vollkommen egal.“
      „Der Arzt hat gesagt...“, begann Vanessa, brach aber stöhnend ab. „Na gut, okay, aber auf deine Verantwortung!“ Sie packte ihn und bugsierte ihn ins Badezimmer, das noch immer warm vom Wasserdampf der Dusche war. Sie drückte ihn auf den Rand der Badewanne, und er war selbst im Sitzen fast noch immer so groß wie sie. Ein wenig unwirsch öffnete sie den Verband und wickelte ihn ab. Langsam drang das Licht der Lampen wieder zu seinem geschlossenen Auge durch, es wurde hell.
      „So“, sagte Vanessa. „Das Pflaster ist noch drauf. Aber du kannst das Auge jetzt aufmachen.“
      „Welches, das rechte oder das linke?“
      „Ich bin gespannt, wie du das rechte Auge aufmachen willst“, sagte sie sarkastisch.
      Tuomas blinzelte im Licht. Es war alles unglaublich hell. Aber er sah wieder, er sah wieder etwas, es machte ihn richtig euphorisch. Und vor ihm Vanessas Umriss, dunkel vor den Lampen über seinem Spiegel. Sie hatte den Verband noch in der Hand.
      „Keine Schmerzen?“, fragte sie, als er aufstand.
      „Nein.“ Er schob sich an ihr vorbei und betrachtete sein Spiegelbild. Er hatte einen großen Wattebausch über der rechten Augenhöhle, die mit einigen Klebestreifen angeklebt war. Das Ding abzubekommen würde schmerzhaft werden.
      „Der Arzt meinte, ein Glasauge könntest du tragen“, sagte Vanessa hinter ihm.
      „Ich will kein Glasauge“, murmelte Tuomas und begann, die Klebestreifen vorsichtig von seiner Wange zu lösen.
      Vanessa verdrehte die Augen, warf den Verband auf den Boden und verließ das Badezimmer. Tuomas machte sich nicht die Mühe, ihr zu folgen. Es dauerte eine Weile, bis er das Pflaster endlich ganz abgepult hatte, und sein Auge tränte sogar ein bisschen.
      Er betrachtete die leere Augenhöhle eine Weile. Kein schöner Anblick, beschloss er – und dann fiel sein Blick auf die Augenklappe, die auf dem Waschbecken lag. Der Arzt hatte sie ihm mitgegeben, für die ersten Tage. Eigentlich waren alle davon ausgegangen, dass er sich ein Glasauge beschaffen würde. Tuomas nahm die Augenklappe, legte sie auf und zog sich den Gummizug um den Kopf, zog die langen Haare darunter hervor, kämmte sie kurz durch.
      Kein Glasauge, soviel stand fest. Seine Augen waren einzigartig, und er würde keine billige Kopie aus Glas jemals akzeptieren. Es würde die Augenklappe bleiben.
      Er verließ das Bad. Wie erwartet stand Vanessa in der Küche und kochte. Sie sah auf, als er in die Küche trat. Er schien noch etwas unsicher – mit einem Auge zu sehen war besser als gar nicht, nichtsdestotrotz aber ungewohnt.
      Sie lächelte schwach. „Sieht besser aus als mit Verband“, sagte sie.
      „Sieht nicht nur besser aus, man sieht auch besser“, sagte Tuomas und beugte sich über Vanessas Schulter. Seine Haare kitzelten ihre Schultern. „Was kochst du?“
      „Nudeln“, sagte sie. „Wieder. Ist am einfachsten. Ich hoffe, das stört nicht.“
      „Nein“, meinte er und lächelte. „Hauptsache, man kann es essen.“
      Sie sah ihn an. Er sah zurück. Einen Moment lang zögerte sie, unsicher, was sie tun sollte – und starrte dann wieder in den Topf. „Dauert noch was“, murmelte sie.
      „Okay.“ Er wich zurück, die Wärme seiner Nähe schwand. Er nahm sich eine neue Packung Zigaretten aus dem Schrank und wanderte ins Wohnzimmer. Vanessa unterdrückte einen Seufzer und zwang sich, sich wieder auf die Töpfe zu konzentrieren. Es wollte ihr nicht so ganz gelingen, aber eine halbe Stunde später hatte sie das Essen doch fertig.
      „Lass uns hier essen“, sagte Tuomas, der im Wohnzimmer auf der Couch saß und die Abendnachrichten sah. Vanessa fragte gar nicht erst nach, sie füllte zwei Teller und trug sie zu ihm. Sie aßen schweigend; er mit dem Teller auf den Oberschenkeln, sie mit angezogenen Beinen und dem Teller auf den Knien.
      Sobald er aufgegessen hatte, stellte er seinen Teller auf den Boden, beugte sich zu ihr und nahm ihr sanft die Gabel ab. Er war ihr ganz nah, seine Haare kitzelten ihr Dekolleté, seine Lippen streiften ganz kurz ihre Lippen.
      „Ich esse noch“, flüsterte sie.
      Entweder hörte er sie nicht, oder er ignorierte sie, denn er rückte einfach ein bisschen weiter zu ihr, bis sie fast auf dem Sofa lag und den Teller mit einer Hand festhielt, während er über sie gebeugt war und sie küsste, leidenschaftlicher und heftiger diesmal.
      Vanessa schaffte es, sich zu befreien. „Ich esse noch“, sagte sie wieder.
      Er seufzte und nahm ihr den Teller ab, stellte ihn auf den Boden. Ihre Lippen trafen sich wieder und diesmal gab Vanessa nach, schlang die Arme um seinen Nacken, vergrub die Hände in seinem Haar. Er küsste ihre Lippen, ihren Kiefer, ihr Ohr, ihren Hals und den Ansatz ihres Busen über dem Ausschnitt, seine Fingerspitzen rutschten leicht unter den Saum ihres Tops und Vanessa blieb gar nichts anderes übrig, als ergeben zu seufzten, weil sie wusste, genauso wie er selbst auch, dass es sowieso nichts brachte und wenn es jetzt nicht geschah, dann nie wieder, und als ihre Lippen wieder aufeinander gefunden hatten, wollte sie sich nicht wieder von ihm lösen, aber er ließ ihr gar keine andere Wahl, als er ihr Top nach oben und über ihren Kopf zerrte, achtlos auf den Boden warf und jeden Zentimeter neu freigelegter, nackter heißer Haut küsste, auf die Brust, die Schultern, den Nacken die Lippen und seine Haarsträhnen rahmten sein Gesicht ein wie ein Ring aus Feuer.
      Irgendwann sah er auf und sie sahen einander einen atemlosen Moment lang an. „Was ist?“, fragte er leise. Ihre Hände waren nach wie vor in sein T-Shirt gekrallt, sie hatte sich kaum bewegt.
      „Ich... ich hab Angst“, flüsterte sie. „Angst, dass das hier falsch sein könnte...“
      Er wich zurück, setzte sich auf. Vanessa rieb sich über die Augen, verdeckte ihren nackten Oberkörper mit den Armen und wagte nicht, ihn anzusehen. Tuomas lehnte sich zurück und sagte nichts.
      Es war still.
      Irgendwann fragte sie: „Du... spielst du mir mal was vor?“
      Er sah sie an und seine Augenbraue rutschte fragend in die Höhe. „Auf der Gitarre?“ Sie nickte. Er zuckte die Schultern. „Ich hab lange nicht gespielt“, sagte er. „Wahrscheinlich krieg ich keinen Akkord mehr hin.“ Trotzdem stand er auf, nahm die schwarze Gitarre, ließ sich zurücksinken, stimmte die Saiten und fing an, die erste Melodie zu spielen, die ihm in den Sinn kam.
      Vanessa hatte sich ihr Top wieder übergezogen, saß neben ihm und hörte ihm zu. „Ich kenne dieses Lied“, sagte sie irgendwann. „Was ist das?“
      „Ich weiß nicht“, sagte Tuomas leise. „Ich kenne diese Melodie instinktiv. Es war nur schwer, die richtigen Töne aus der Gitarre herauszubekommen.“
      „Etwas von früher?“
      „Wahrscheinlich.“ Er legte die Flache Hand über die Saiten und die Melodie verklang. „Ich werde schlafen gehen“, sagte er und stellte die Gitarre zurück. „Gute Nacht, Vanessa.“
      „Tuomas?“, rief sie ihm nach, als er schon im Flur war. „Es tut mir leid.“
      Er winkte ab. „Gute Nacht“, sagte er wieder und schloss die Türe hinter sich.

      wird fortgesetzt.

      Und das ganze mit Paul Durhams Stimme im Ohr... *seufz~*
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    • Ich muss sagen, ich finde es gut, dass es keine volle Liebesszene ist... wäre irgendwie unpassend. Aber so gefällt es mir, auch wenn Tuomas Eifer so... neu ist? xD;
      Ich hab dir ja schon aufgezählt warum ich den Part hier mag ^^ Die Arbeit hat sich auf jedenfall gelohnt, braves Fo |3 *keks geb*.

      Au revoir
      Taya

      PS: Mit seiner Pyrokinese könnte Tuomas Vanessa ja richtig heiß machen 8D~

      Always
      I wanne be with you
      And make believe with you

      [Blockierte Grafik: http://img408.imageshack.us/img408/4391/robotunicornattack238ks.jpg]
      And live in
      HARMONY HARMONY
      OH LOVE



    • Respect, yo. oOv

      Es ist zwar ein Klischee, aber Frauen scheinen die gefühlsbetonten Szenen immer besser hinzukriegen als die Männer. *schielt auf seine kläglichen Versuche*

      Nja, die Szene war imo perfekt. Realistisch, passend, authentisch, süß, aber nicht kitschig. *verneig*

      (*neidisch sei, weil das nicht kann*)


      EDIT: Warte mal, die Duschszene kenn ich ja schon. xD *klebt ein "FSK-16"-Schild an den Thread*


      (Ja, man kann draufklicken)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Ulyaoth ()

    • Ob nun heute order morgen

      Müsste das nicht "oder" statt "order" heißen?! ;)

      Jo, ansonsten, es wurde ja schon gesagt, wie toll dieser Teil ist, da kann ich mich nur anschließen ^^

      Sonst... äh... tja, einziger Fehler den ich gefunen habe, habe ich oben genannt... mist, habe sonst schon wieder nix zu sagen... also, dann gehen wir halt zum letzten Teil über:

      Weiter! ^^
    • Vielleicht bin ich zu jung, aber mir gefällt dieser Teil, vom Inhalt her, absolut nicht.
      1. Warum so plötzlich?
      2. Warum überhaupt?
      3. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass einem so schnell klar wird, dass man jemanden liebt.

      Ansonsten waren alle bisherigen Teile sehr schön.
    • Ich könnte jetzt rumspoilern...naja, schau mal auf Fo's Doll-Page, dann siehst du das nicht mehr so eng. ^^

      Naja, so schnell würd ich nicht sagen. Das hat sich ja bei Tuomas langsam herangeschlichen. In den vorangegangenen Abschnitten konnte man immer wieder einen Aufflug von Eifersucht herauslesen, wenn z.B. Sirius mit Vanessa gesprochen hat.

      Warum überhaupt? Naja, siehe Doll-Page ^^

      zu 3. Das geht ganz schnell ^^
      Original von Sirius
      "Leise rollt ein Spambusch durch die Threadwüste,
      während ein einsamer Cowboy auf seiner Mundharmonika
      das Lied vom schließenden Moderator spielt.
      "

      ~ Bye folks. I enjoyed these past years within this community. 9 years ♥ ~
    • Original von Toby
      1. Warum so plötzlich?

      Wieso plötzlich?
      Wir sind in Kapitel sieben, und die Story hat nur neun Kapitel! (Voraussichtlich.) Und Tuomas und VAnessa kennen sich seit Kapitel zwei.

      2. Warum überhaupt?

      Lies die Geschichte und die Antwort wird kommen.
      ich will nicht zu viel Spoilern. Und ich weiß ja, dass du gern ein bisschen emo bist. Und ich weiß auch, dass ich immer lieber Zwsichenmenschliches geschrieben habe als Action und Blutbäder.
      Und das hier ist nicht mal 'ne Liebeszene. Eigentlich ist es kaum mehr ald eine Kusszene. Jedes Buch mit 'ner Beziehung drin braucht früher oder später eine verdammte Kussszene.

      3. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass einem so schnell klar wird, dass man jemanden liebt.

      Ich spreche aus eigener Erfahung, das kann innerhalb von Sekunden gehen.
      Außerdem: Warum schnell?
      Ich verweise auf oben; die zwei kennen sich schon fünf Kapitel lang und außerdem... ... Gut, okay, keine Spoiler.

      Ich find deine kritik ein wenig.. spärlich. oô Wenn du wirklich Antworten haben willst, musst du wohl etwas genauer werden.


      ETA:
      Original von Onox

      Naja, so schnell würd ich nicht sagen. Das hat sich ja bei Tuomas langsam herangeschlichen. In den vorangegangenen Abschnitten konnte man immer wieder einen Aufflug von Eifersucht herauslesen, wenn z.B. Sirius mit Vanessa gesprochen hat.

      Aufmerksame leser! *weinend in Arme schmeiß* ist das schön, sie bemerken, auf was ich hinaus will! xD
      (Verdammt, ich hab nicht darauf geachtet, dass ich Leser haben könnte, die auch die Page kennen.. gah! xD)
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    • @ FoWo
      1. Erst weist er sie 5 Kapitel lang ab und dann springt er sie an?
      2. emo? siehe 1. Ich meinte, warum er es genau DANN macht, zu diesem Zeitpunkt. Aber wenn gespoilert wird, ist die Frage sowieso egal.
      3. Gut, das wusste ich nicht, ich habe in sowas nämlich noch keine Erfahrung.
      Lass mich raten... oh, ich denke, ich schicke dir meine Vermutung lieber per PN...


      @ Kritik
      Danke. vielen, vielen Dank.
    • Original von Toby
      @ FoWo
      1. Erst weist er sie 5 Kapitel lang ab und dann springt er sie an?


      Er weist sie nicht ab, er tut nur so. Bärbeißiger, introvertierter Brummbär, der er ist. Glaub mir, ich kann hier aus Erfahrung sprechen :ugly: - er hat sie alles andere als abgewiesen. Okay, vielleicht ganz am Anfang. Aber später... hatte er vielleicht einfach nur Angst, jemanden in seine Nähe zu lassen...


      (Ja, man kann draufklicken)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Ulyaoth ()

    • Dieser Absatz ist nicht halb so lang und halb so gut wie ich wollte, aber ich hab doppelt so lange dran gearbeitet wie nötig gewesen wäre. xD; Dementsprechend erbitte ich mir ein bisschen Hilfe, zumal ich wirklich unzufrieden damit bin. ^^;;
      Special Thanks gehen an Tayalein, weil ich den ganzen gottverdammten Absatz mit "Der Flüsterer im Dunkeln" geschrieben habe. Merkt man das? xD;


      [...]
      Herr Schlange hatte schlechte Laune. Und er ließ keine Gelegenheit aus, das kundzutun.
      Ferry hörte ihm mittlerweile nicht einmal mehr zu. Er verdrehte nur die Augen, wenn die Stimme seines Freundes erklang.
      „Und überhaupt könntest du die verdammte Malerei mal sein lassen“, sagte Herr Schlange gerade pikiert. „Seit Jahren manövrierst du dich von einem Schlamassel nach dem nächsten, und noch immer kannst oder willst du es nicht einsehen.“
      „Es macht mir nun mal Spaß“, sagte Ferry grummelig. „Lass mich.“ Er zog geräuschvoll die Nase hoch und wischte sich die nassen Haare aus dem verkohlten Gesicht. Tuomas’ Angriff war nicht vollkommen an ihm vorbeigegangen, und obwohl er keine Schmerzen hatte, war sein Gesicht kein schöner Anblick. Er hatte eine zerrissene Hose, eine mit Blut befleckte Zwangsjacke, keine Schuhe und ein verschlacktes Gesicht – ihm waren die Hände gebunden. Vor Einbruch der Nacht, wenn kein Mensch mehr auf den Straßen war, konnte er nicht aus seinem Versteck heraus. Die letzte Frau, die er umgebracht hatte, hatte er zum Teil gegessen, weil er solchen Hunger hatte. Hunger, und außerdem brauchte er einen anderen Geschmack im Mund. Denn der Geschmack der immer näher rückenden Schwärze war allgegenwärtig.
      Er saß auf einer Mülltonne in einem verwaisten Hinterhof. Das Haus davor stand seit Jahren leer und niemand hielt sich mehr in diesem Viertel auf.
      Er war am Abgrund.
      Ein schönes Ende, nicht wahr?
      „Sei endlich still“, knurrte Ferry und schlang die Arme um die angezogenen Beine. Seine Zehen waren taub, seine Lippen zitterten.
      Du hast nicht mehr lange.
      „Du sollst still sein“, sagte Ferry irritiert. Normalerweise hörte Herr Schlange auf seine Befehle, so frech er auch sein mochte.
      „Ich hab gar nichts gesagt!“, verteidigte Herr Schlange sich auch schon.
      Bald ist es aus mit dir, Alpheraz.
      Ferry rieb sich müde die Augen. Er sah nicht mehr deutlich, es war, als würde sich ein dunkler Schleier über alles legen.
      Hörst du schon die Stimme des Nichts in deinen Ohren, Alpheraz?, flüsterte es neben ihm. Ferry zuckte herum – da war nichts. Alarmiert stand er auf. „Wer ist da?!“, fragte er ins den leeren Hinterhof.
      Die Vorboten der Endlosen Schwärze, Alpheraz, wimmerte eine Stimme, die klang, als würde sie gleich anfangen zu weinen. Deine... Freunde...
      Ferry kannte diese Stimme, auch wenn es sehr lange her war, seit er sie das letzte mal gehört hatte. „Suhail... Hadar...?”, flüsterte er.
      „Nett von ihr, dich noch als Freund zu bezeichnen.“ Die schräg in den Angeln hängende, morsche Tür des Hauses zum Hinterhof öffnete sich quietschend. Acrux schob die Hände in die Hosentaschen und lehnte sich an den Türrahmen. Ferry erschrak heftig und wich zurück. „Ihr zwei habt euch immer gut verstanden. Eigentlich haben wir uns alle gut verstanden“, sagte er und zog eine Zigarre aus einer Tasche, zündete sie an und blies den Rauch aus. „Schade, dass du dich dann gegen uns gestellt hast.“
      „Hab ich nicht!“
      „Schon klar.“ Acrux zuckte mit den Schultern und schlenderte auf Ferry zu, der weiter zurückwich, bis er die Mauer im Rücken hatte. „Ich werde dich aus dem Weg räumen, Alpheraz“, sagte er. „Befehl von oben.“
      „Von oben?“, fragte Ferry schwach.
      „Lucifer“, sagte Acrux und zuckte wieder die Schultern. „Mir soll es recht sein – ich habe nichts dagegen, mich an dir zu rächen. Du verdammter Verräter.“ Seine Faust schnellte vor, traf Ferry in seinem verkohlten Gesicht und knallte seinen Kopf gegen die Backsteinmauer. Blut spritzte, Ferry ging lautlos zu Boden. Acrux wedelte die Hand aus und bewegte die Finger ein paar mal, stieß Ferry mit den ungeschnürten Herrenschuhen an. „Spiel nicht ohnmächtig, du verdammte Lemure“, sagte er. „Sonst werd ich erst recht ungemütlich.“
      Ferry stöhnte auf und stemmte sich an den dürren Armen hoch. Beim Atmen blies er eine Blutblase aus der Nase, die zerplatzte und den Boden rot sprenkelte. Ferry rappelte sich irgendwie wieder hoch, hielt sich an den Mülltonnen und der Backsteinmauer hinter sich fest. Seine Nase war schief und sah mehrfach gebrochen aus.
      „Du bist verdammt noch mal älter als ich!“, sagte Acrux und packte Ferrys Gesicht mit beiden Händen, öffnete ihm den Mund. Ferrys Zunge war pechschwarz, ebenso wie seine eigene, aber bei ihm war der gesamte Mundraum auffällig dunkel. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis die schwärze sich zu Ferrys Wirbelsäule vorgearbeitet hatte. „Du hättest schon lange vergessen werden sollen! Stattdessen musste ich Suhail Hadar verlieren!“ Acrux’ Gesicht war hassverzerrt und er schmetterte Ferrys Kopf wieder gegen die Mauer. „Du hättest an ihrer Stelle verlöschen sollen, Bastard!“
      Ferry stöhnte gurgelnd, schaffte es aber diesmal, auf den Beinen zu bleiben. „Sie hatte nie diesen Lebenswillen“, brachte er röchelnd hervor. „Aber ich wollte nie verlöschen, auch jetzt nicht! Sie hat es nicht anders verdient.“
      Acrux hätte wohl wieder zugeschlagen, aber seine Faust verharrte auf halbem Weg, als Suhail Hadars zitternde Stimme neben ihm erklang. Er hat Recht, Acrux, flüsterte sie. Ich hatte nie wirklich den Mut zu leben.
      „Sei still! Das hat damit nichts zu tun! Du hättest nicht verlöschen dürfen!“
      Richtig so. Neben Acrux’ anderem Ohr ließ sich Ras Alhague, der schon immer der aggressivste der drei Erloschenen gewesen war, vernehmen. Er klang gehässig und intrigant. Alpheraz hat das Leben deiner Geliebten gegen seins getauscht. Es ist nur richtig, es ihm heimzuzahlen! Zeig ihm den Schmerz, den du hast erfahren müssen!
      Ras Alhague, sei still!
      Das erste Mal seit ihrem Erlöschen klang Suhail Hadar wütend. Red ihm nicht deine Hassgefühle ein! Acrux! Ein schwarzer Schleier tanzte vor Acrux’ Augen und trübte ihm den Blick auf Ferry, der noch immer vor ihm an der Wand lehnte. Acrux, bitte.
      „Ich werde ihn nicht verschonen, Suhail Hadar“, sagte Acrux monoton und blickte starr in die schwarzen Schleier. „Allein schon, weil er Lucifer gefährlich werden könnte.“ Er sah es nicht, aber Ferry merkte auf. „Ich kann dein Erlöschen nicht rückgängig machen, aber Alpheraz wehrt sich gegen alle Gesetze und Regeln. Das kann man nicht unbestraft lassen. Geh beiseite.“
      Lass ihn, Suhail Hadar, meldete sich Yed Prior zu Wort. Während Ras Alhague von Hassgefühlen und Suhail Hadar von Trauer getrieben wurde, war ihm nichts geblieben als Lethargie. Er sprach nicht viel und es war abzusehen, dass bald nicht einmal mehr die Erinnerung an ihn bleiben würde. Er kann entscheiden wie er will.
      Suhail Hadar zögerte, dann lösten sich die Schleier auf und gaben den Blick auf Ferry wieder frei.
      „Ich habe nie ihr Leben gegen meins getauscht“, murmelte Ferry, der sich eine Hand gegen die Nase drücke, um die Blutung einzudämmen. „Ich bin lediglich schneller weggelaufen als sie.“
      Acrux schlug ihm wortlos die Hand ein weiteres Mal ins Gesicht, worauf Ferry wieder zu Boden geschleudert wurde. Acrux kniete sich zu ihm und meinte: „Mir ist scheißegal, was du getan hast. Du lebst, sie nicht. Du solltest tot sein, sie nicht. Das ist alles, was für mich zählt. Aber wenn es dich tröstet, ich werde dich ja nicht nur aus persönlichem Hass umbringen“, setzte er hinzu. „Wenn du auf die Idee kämst, Lucifer hindern zu wollen, hätten wir ein Problem. Also beenden wir das hier lieber jetzt.“ Ein weiterer Schlag kam und traf Ferry an die Schläfe. Er wäre zusammengesackt, aber Acrux packte ihn bei den Schultern und rammte ihm das Knie in den Bauch.
      Ferry war schon am Rande der Ohnmacht, als Lucien sich endlich zeigte. Er schob die Tür des Hauses mit dem Fuß auf. „Es scheint dir Spaß zu machen“, sagte er trocken und blieb auf einer der Stufen, die zum Hinterhof führten, stehen.
      „Nicht besonders“, sagte Acrux und wandte sich von Ferry ab, der auf dem Boden zusammenbrach. „Allerdings sprechen hier sehr viele Jahrtausende Hass aus meiner Faust.“
      „Ziemlich primitiv, oder?“ Lucien wedelte mit gerümpfter Nase die Schwarzen Schleier der drei Erloschenen beiseite, die sich sofort um ihn geschlungen hatten und sein Licht eindämpften.
      „Das sagst ausgerechnet du“, murrte Acrux. „Weil du auch überhaupt nicht von Hassgefühlen geleitet wirst!“
      „Ich? Nein. Überhaupt nicht.“ Lucien strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und betrachtete dann abwertend das brüchige Mauerwerk neben sich. „Ich habe lediglich vor, uns alle von den Gesetzen, an die wir gebunden sind, zu lösen.“ Er wandte sich Acrux wieder zu, und sein Gesicht veränderte sich schlagartig. „Acrux, hinter...!“
      Acrux konnte sich noch halb umdrehen, da traf ihn ein Schlag heftig am Kopf und ließ ihn in die Knie gehen. Ferry griff nach seinen langen, braunen Haaren und schleuderte ihn beiseite, ehe er Lucien anstarrte, der etwas bleich um die Nase geworden war, sich aber schnell fasste.
      Ferry aber ließ ihm kaum zeit, sich gegen einen etwaigen Angriff zu wappnen, er stob auf ihn zu und packte ihn, genauso wie Acrux schon, einfach an den langen Haaren und riss ihn einmal herum, schleuderte ihn in den Hinterhof, wo Lucien durch die Backsteinmauer prallte und ein paar Meter weiter liegen blieb.
      Keuchend starrte Ferry auf die beiden leblosen Körper, fasste dann mit verzerrten Gesicht an seinen linken Arm, der gebrochen war. „Agh, mir tut alles weh“, stöhnte er. Es war tatsächlich das erste Mal seit langer zeit, dass er Schmerzen fühlte. Mehr als seine Körper- und Abwehrkraft hatte er nie besessen, und ohne diese hätte er Acrux wohl gerade auch kaum überlebt. So aber war es ihm möglich gewesen, sich schnell wieder zu sammeln und sich wenigstens einen kurzen Gegenangriff zu vollbringen. Trotzdem war seine Nase und sein Arm gebrochen, und es würde sicherlich ein paar Stunden Zeit in Anspruch nehmen, bis das alles geheilt war. Zeit, die er sicherlich nicht hier verbringen würde.
      Er packte seinen Arm und hetzte davon, einfach so schnell wie möglich so weit weg wie möglich von Acrux und Lucifer.
      „Du steckst ganz schön in der Scheiße“, sagte Herr Schlange. Ferry antwortete nicht.


      Wird fortgesetzt.

      Ein Absatz noch, dann geht's an Kapitel acht, und somit das vorletzte der Story. ^___^/
      Næhmachinery
      Premonitions in the rising wind; tonight the stars will fall.
      The world in a cyclone, pouring out.
      No escape, but hey, who cares? Just go with the flow.
    • Nun, ich habe meine Meinung dazu schon gesagt. Auch wenn Ferry übermenschlich stark ist, wirkt es doch seltsam, dass er erst am Rande der Ohnmacht sein soll und dann plötzlich die Kraft hat die beiden zu Boden zu schleudern und davonzurennen.
      Acrux dagegen wirkt auf mich sehr glaubhaft mit seiner Besessenheit, Ferry aus dem Weg zu räumen.

      (Wieso habe ich jetzt dieses Bild von einem Chibi-Ferry und einem Chibi-Acrux im Kopf, die mit Stummelärmchen gegeneinander kämpfen? xD aaargh..)

      Au revoir
      Taya

      Always
      I wanne be with you
      And make believe with you

      [Blockierte Grafik: http://img408.imageshack.us/img408/4391/robotunicornattack238ks.jpg]
      And live in
      HARMONY HARMONY
      OH LOVE



    • Original von FoWo
      Seit Jahren manövrierst du dich von einem Schlamassel nach dem nächsten, und noch immer kannst oder willst du es nicht einsehen.


      Ein Formulierungsfehler:
      Von einem Schlamassel in den nächsten

      Ansonsten das Übliche:
      Gut geschrieben, wenn auch an der von Taya angemerkten Stelle etwas seltsam.
      Du hältst dich wie immer gut, Fo ^^
      senfsamen (22:58): außerdem gebe ich nichts, ich nehme nur. deine würde, deinen stolz, dein gefühl, eine privatssphäre zu haben 8D

      Ein wenig Drama zum Whine?
      ... aber ich mag doch den Keks ... T_T
      Geh in die Küche und wein.
    • Also ich find das eigentlich sehr gut - Ferry ist ja kein Mensch, er sieht nur so aus. ^^" Da finde ich es nicht unlogisch, dass er sich schnell erholt.
      Zumindest hab ich den Eindruck. ^^

      Nja, was noch - ich will nie wieder hören, das du keine Kampfszenen schreiben kannst, passt ja alles. :3


      (Ja, man kann draufklicken)
    • Du hast zweimal schwarz groß geschrieben... ich weiß nicht, ob das nicht in beiden Fällen irgendwelche Namen sind (wenn ja, dann verzeihe mir *unschuldig guck* ) aber ich dachte, ich erwähne es mal:

      Die Vorboten der Endlosen Schwärze, Alpheraz,


      Lucien wedelte mit gerümpfter Nase die Schwarzen Schleier der drei Erloschenen beiseite,
    • Original von Ulyaoth
      Also, im ersten Fall stimmt das schon. "Endlose Schwärze" ist ein Eigenname. Es ist ja quasi DIE Endlose Schwärze und nicht irgendeine. xD"

      Beim zweiten Mal, da... vermute ich einen Tippfehler. *lol*

      Signed.


      Uly habt ihr btw auch diesen neuen Absatz zu verdanken. Das kommt davon, wenn man fast vier STunden lang auf einen neuen P42-Absatz warten muss und sich irgendwie die Zeit vertreiben will. xD;

      Kleine Planänderung btw, jetzt schon Kapitel acht. (Danke, Sirius! ^^)



      Kapitel 8:
      Das Chaos

      Tuomas blies langsam den Rauch seiner Zigarette aus und streckte die Füße von sich. Er saß auf einem der weißen Klappstühle aus der Küche in der Mitte des Wohnzimmers, in der einen Hand eine Kippe, in der anderen eine Kaffeetasse und betrachtete Vanessa beim schlafen.
      Gestern, nach dieser wirklich unbekannten und irgendwie verfahrenen Situation, war er ins Bett gegangen und hatte sich stundenlang schlaflos hin- und hergewälzt und hatte, weil er einfach nicht schlafen konnte, irgendwann angefangen, seine Bücher zum tausendsten Mal zu lesen, besonders die philosophischen Werke, an denen man jeden Satz mindestens zweimal lesen musste, um ihn zu verstehen. Schlaf hatte er wie so oft jedoch nicht mehr gefunden.
      Er seufzte nur ein weiteres Mal und nippte an seinem Kaffee. Er hatte sich gestern sehr untypisch verhalten, und das wusste er. Es war so über ihm gekommen, die ganzen Ereignisse des gestrigen Abends waren einfach zu viel gewesen; ihre Stimme, ihre Haut, ihr Geruch, ihre einfache Anwesenheit. Und wie sollte man bei jemandem wie Vanessa auch einen klaren Kopf bewahren? Wahrscheinlich lag es einfach in ihrer Natur, Männern den Kopf zu verdrehen, egal wie standhaft sie sein mochten.
      Und... wer weiß? Vielleicht war es ja an der Zeit, endlich mal jemanden in seinem Leben zu akzeptieren.
      Er trank die Tasse leer und sah hinab auf ihren grazilen Körper. Sie schließ noch, tief und fest, friedlich wie ein Engel. „Werd nicht sentimental, verdammt“, sagte Tuomas zu sich selbst. Dann stellte er lautlos die Kaffeetasse beiseite, kniete sich neben die Couch, auf der Vanessa sich unter einer Decke klein zusammengerollt hatte und strich ihr ganz vorsichtig eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn. Schöne, lebensfreudige, aufopferungsvolle Vanessa. Die ihm nicht von der Seite gewichen war, egal, wie sehr er sie mit den Füßen getreten hatte.
      „Jetzt, wo Sirius nicht mehr da ist und ich offenbar nicht die Welt retten muss, gefällt mir der Gedanke, dass du bei mir bist, auch viel besser“, sagte er leise und beugte sich ein bisschen vor. Seine Lippen streiften ihren Hals, ihre Wange. Ihr Körper war warm. Er seufzte leise und einen Moment lang blieb er so bei ihr hocken.
      „Verdammt noch mal, lass das!“ Er stieß sich vom Sofa ab und stapfte in die Küche, machte sich neuen Kaffee und kippte ihn in einem Zug runter. „Heute schmeiß ich sie raus, ein für allemal“, erzählte er seiner Kaffeemaschine. „Verdammt noch mal.“
      Er füllte sich noch eine Tasse mit Kaffee und setzte sich dann auf den verbliebenen Stuhl, schob wieder die Beine von sich und starrte gegen seine Spülmaschine. Er ließ eine kleine Flamme auf seiner Handfläche erscheinen und sah ihr zu, wie sie langsam immer größer wurde, bis sie seine ganze Hand einrahmte.
      „Nicht Sol, huh?“, murmelte er leise und trank einen Schluck. „Der Kerl hat echt Tomaten auf den Augen.“ Er schüttelte den Kopf und musste daran denken, dass er wahrscheinlich nicht mehr lange zu leben hatte, wenn Sirius es nicht bald schaffte, Sol ausfindig zu machen und Lucifer zu hindern.
      Es ärgerte Tuomas, wahrscheinlich niemals zu erfahren, wie diese Geschichte ausgehen würde. Aber ändern konnte er es wohl auch nicht mehr.
      Irgendwann, und Tuomas wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, stand Vanessa im Türrahmen. Sie hatte zum Schlafen mittlerweile immer einen von Tuomas’ Pullovern an, damit sie unter der dünnen Wolldecke nicht völlig erfror. Sie drehte den Saum des Pullovers zwischen den Fingern.
      „Guten Morgen“, sagte er und drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus. Vanessa sah auf ihre Füße, was ihn wunderte.
      Sie murmelte etwas, wahrscheinlich sollte es auch ein Morgengruß sein.
      Stille.
      „Ha- hast du schon gegessen?“, fragte Vanessa den Fußboden dann irgendwann.
      Tuomas ließ sie nicht aus den Augen und schüttelte langsam den Kopf.
      „Ich könnte Brötchen kaufen gehen oder so“, nuschelte Vanessa.
      Tuomas zündete sich eine neue Zigarette an und schob seine Kaffeetasse unter die Espressomaschine, ließ sie voll Kaffee laufen. „Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte er dann.
      „Der Bäcker ist ja nicht so weit von hier weg“, murmelte Vanessa und sah hinab auf ihre Finger. „Du... uhm, du müsstest mir nur etwas Geld geben.“
      Tuomas seufzte und suchte sich Geld zusammen, das er Vanessa dann hinhielt. Sie musste auf ihn zukommen, wenn sie das Geld nehmen wollte, und als sie neben ihm stand, hielt er sie am Handgelenk fest. „Was ist los mit dir?“, fragte er kopfschüttelnd.
      „Ich geh mich eben anziehen“, sagte Vanessa, ohne ihn anzusehen, riss sich los und verschwand im Badezimmer.
      Vanessa plagten Schuldgefühle seit gestern Abend. Sie fühlte sich furchtbar, Tuomas abgewiesen zu haben, obgleich sie noch immer der Meinung war, dass es das richtige gewesen war.
      Nur warum?
      Dass sie Tuomas mochte, war ja kein Geheimnis mehr, lange nicht. Trotzdem hatte sie einfach Angst davor gehabt, ihm näher zu kommen. Völlig ungewöhnlich für sie!
      Vanessa verstand sich selbst nicht mehr.
      Sie zog sich schnell an, wusch und schminkte sich nur nebenbei und huschte leise aus der Wohnung, ohne sich von Tuomas zu verabschieden, und lief hinunter zur Haltestelle der Straßenbahn. Sie musste nur eine Station fahren, bis sie zum nächsten Bäcker kam, kaufte ein paar Brötchen und Croissants und wollte sich schon auf den Weg zurück zu Tuomas’ Wohnung machen, als sie innehielt.
      Sie war sich nicht sicher, warum, aber sie wandte sich ab und ging in die entgegengesetzte Richtung ihres eigentlichen Weges davon, die Brötchentüte fest in der Hand.
      Vor ihr begann ein kleiner Park, und Vanessa beschleunigte ihre Schritte ein wenig. Normalerweise wimmelten die Parks der Stadt immer vorn Menschen; Jogger, alte Frauen mit Hund, Jugendliche, die herumlungerten. Bis vor kurzem hatte Vanessa noch zu ihnen gehört.
      Dieser Park hier aber war wie ausgestorben.
      Vielleicht lag es daran, dass es hier schon sehr herbstlich aussah, die Blätter waren alle schon gelb und zu großen Teilen zu Boden gefallen, über dem kleinen See schien ein wenig Nebel zu hängen, alles sah ein wenig unwirklich und fremd aus, als würde man das Photo eines Ortes betrachten, an dem man nie selbst gewesen ist.
      In der Nähe einer Holzbank stand ein Straßenmusiker mit einer Geige und spielte eine traurige, leise Melodie. Verwirrt trat Vanessa näher, weil ihr die Melodie stark bekannt vorkam. Als sie fast neben ihm stand, war sie überrascht, wie jung er noch war, jünger als sie, und trotzdem fast so groß wie Tuomas. Seine Züge waren zart und ein wenig feminin, er hatte schöne Lippen und dichte Wimpern. Vanessa konnte sich nicht helfen, aber sie entwickelte sofort Zuneigung zu diesem Jungen, und dass er vollkommen altmodische Kleidung trug, fiel ihr überhaupt nicht weiter auf.
      Sie griff nach dem Wechselgeld, dass sie noch übrig hatte und wollte es dem Musiker geben, sah aber dann, dass er keine Schachtel, keinen Teller und auch nicht seinen Geigenkoffer neben sich stehen hatte, in den man Geld hätte werfen können.
      Unsicher ließ Vanessa die Hand wieder sinken und hörte ihm einfach nur zu, betrachtete die fast porzellanweißen Finger, die den Bogen führten und sicher und geübt die Saiten der Geige griffen.
      Bis das Stück zuende war.
      Es war, als wachte man aus einem Traum auf. Vanessa blinzelte ein paar Mal und bemerkte erst dann, dass der Junge sie ansah. Er hatte unglaublich tiefe, schwarze Augen und blinzelte nicht.
      „Das... war wunderschön“, sagte Vanessa langsam. Sie merkte, dass ihr das Blut in den Wangen brannte und konnte sich nicht erklären, warum.
      „Vielen Dank, junges Fräulein“, sagte er leise. Er hielt die Geige noch in der Hand und sah sie an.
      Vanessa schluckte leicht und fragte dann höflich: „Was für ein Stück war das? Es kam mir bekannt vor.“
      „Ich habe es vor langer Zeit für eine Frau geschrieben, die ich sehr liebe“, sagte Mane, wandte dann endlich den Blick ab und legte die Geige sanft in ihren Koffer, schloss diesen zu.
      Vanessa lachte, aber Manes Blick ließ sie schnell verstummen. „Na ja, du scheinst noch recht jung, also kann es kaum so lange her sein, nicht wahr?“, verteidigte sie sich schwach.
      „Ein Tag kann schnell vorübergehen oder endlos sein“, sagte Mane und richtete sich wieder auf, den Geigenkasten in der Hand. „Die eigentliche Zeitspanne tut dabei nichts zur Sache. Es kommt auf das Ergebnis an.“
      Vanessa runzelte die Stirn. „Wie heißt du?“, fragte sie.
      Mane sah sie einen Augenblick lang an. Dann sagte er leise: „Mane, junges Fräulein.“
      „Ein schöner Name“, sagte Vanessa vorsichtig, obwohl sie sich nicht sicher war, ob es überhaupt ein Name war. „Spielst du... oft hier?“
      „Ja.“
      Vanessa ließ den Blick über den traurigen See schweifen. Es sah alles ziemlich trostlos aus. „Vermisst du sie sehr?“, fragte sie dann leise.
      Mane zuckte ganz kurz die Schultern. „Sie ist nicht wirklich fort. Ich kann nur nicht bei ihr sein.“
      „Warum das?“, fragte Vanessa verwirrt. „Wollen ihre Eltern das nicht?“
      Mane sah sie an, und für den Bruchteil einer Sekunde schien er zu lächeln. „Ja, so könnte man es ausdrücken“, sagte er leise, dann verbeugte er sich, griff sanft nach ihrer Hand und hauchte einen Kuss auf die Knöchel. „Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest, mein Fräulein...“ Er richtete sich wieder auf, richtete mit einer Hand sein Sakko. Er sah sie noch einmal ernst an. Etwas Undeutbares lag in seinem Blick. „Pass auf dich auf, mein schönes Fräulein“, flüsterte er, und für einen Augenblick war er ihr ganz nahe, strich ihr eine Locke aus der Stirn, aber der Moment war genauso schnell vergangen, wie er gekommen war und Mane ging langsam davon.
      Vanessa klammerte sich an ihre Brötchentüte und sah ihm hinterher, bis er verschwunden war.
      Dann schüttelte sie den Kopf, erinnerte sich daran, dass Tuomas auf die wartete und lief los, um die nächste Straßenbahn noch zu bekommen. Sie musste sich an einigen Menschen vorbeiprügeln, denn die Straßen füllten sich langsam mit Leben. Dabei stieß sie eine junge Frau im weißen Kostüm um, die stolperte und nur gerade noch von ihrem Begleiter, einem wahren Hünen in einem unordentlich aussehenden Anzug, aufgefangen werden konnte.
      „Sachte, Kleine, pass auf, wo du hinläufst!“, knurrte der Mann mit rauchiger Stimme und stellte seine Begleiterin wieder auf beide Beine.
      „’tschuldigung!“, rief Vanessa und wedelte mit der Brötchentüte und wäre schon weitergelaufen, aber die Frau griff nach ihrem Handgelenk und hielt sie fest.
      „Warte mal, meine Hübsche“, sagte sie langsam und starrte Vanessa aus zwei nahezu gruseligen, grellblauen Augen an. Ihr griff war hart und unerbittlich wie ein Schraubstock.
      „Hey, ich hab mich entschuldigt, ich hab’s eilig, lass mich los!“, sagte Vanessa und zog an ihrem Handgelenk.
      „Acrux“, sagte die Frau. „Ich glaube, ich habe gerade rein zufällig einen sehr interessanten Fang gemacht.“ Nur eine Kopfbewegung, und die Welt wurde grau wie ein altes Photo. Die Menschen erstarrten mitten in ihren Bewegungen. Alles stand still, nur Vanessa zerrte noch immer an ihrem Handgelenk.
      „Wieso?“, fragte Acrux und rieb sich über eine nur langsam verheilende Wunde an der Schläfe, wo Ferry ihn gegen das Mauerwerk geschleudert hatte.
      Lucretia seufzte und verdrehte die Augen. „Wie du sicherlich weißt, mein lieber Acrux, habe ich, im Gegensatz zu euch, die Gabe, uns von normalen Menschen zu trennen. Und hier steht ein Ehrengast vor uns.“ Sie fixierte Vanessa wieder mit Blicken. „Wie heißt du, Teuerste?“
      „Va- Vanessa“, sagte Vanessa. Sie hatte aufgehört, an ihrem Handgelenk zu zerren, und starrte Lucretia nur voller Furcht an. „Was... willst du von mir?“
      „Ach, gar nicht mal so viel.“ Lucretia lächelte und strich Vanessa mit einer Hand eine Locke aus der Stirn. Acrux stand neben ihr, die Hände in den Hosentaschen, und schien mit dem Gehabe seiner Herrin wenig anfangen zu können. „Nur eine kleine Auskunft. Magst du Tiere?“
      Vanessa nickte entfremdet.
      „Und Pflanzen?“, fragte Lucretia und näherte sich Vanessa, bis ihre Gesichter einander ganz nahe waren.
      „Ja“, flüsterte Vanessa und wich zurück, soweit sie konnte.
      „Bist du aufopfernd, immer um das Wohl anderer besorgt, kannst du zu niemandem nein sagen, der deine Nähe braucht, hast du schon mal für die armen kleinen verreckenden Kinder in Afrika Geld gesammelt, hast du dich für Frauenrechte eingesetzt, hast du alten Damen die Einkäufe nach Hause getragen, hast du womöglich schon Kinder geboren?!“ Lucretias Stimme wurde ekstatisch, in ihren Augen glänzte reiner Wahnsinn.
      „Ja, ja, ja! Habe ich, alles schon!“ In Vanessas Augen traten Tränen. „Ich schlafe mit Männern, die einsam sind, ich hab mein Konto für die Waisen aufgelöst, ich habe ein paar Monate lang für die Großmutter eines Bekannten gekocht und eingekauft und ich bin Mutter mehrerer verdammter Kinder!“, rief sie und begann, panisch an ihrem Handgelenk zu reißen. „Alles, alles schon gemacht, du hast Recht! Lass mich los, bitte, lass mich los!!“
      Lucretia fing an zu lachen. Innerhalb von Sekunden verwandelte sich ihre Gestalt, bis sie in ihrem männlichen Körper dastand und mit beiden Händen Vanessas schmales, schönes Gesicht umfasste. Vanessa selbst registrierte Lucifers Verwandlung mit Entsetzen. „Meine schöne, meine herzallerliebste kleine Dame“, sagte Lucien entzückt, „ich könnte dich hier und jetzt küssen.“ Dann wandte er sich Acrux zu, der das ganze Geschehen etwas verwirrt beobachtet hatte. „Acrux, mein Liebster. Weißt du, wer das hier ist?“
      „Nein“, sagte Acrux trocken. „Aber ich nehme an, du wirst es mir mit Freuden mitteilen.“
      Lucien lachte hell auf. „Acrux, mein kleiner Blindfuchs, vor dir steht die einzigartige, wunderschöne, machtvolle und absolut ahnungslose Inkarnation Gäas!“

      Worst Cliffhanger ever and to be continued.
      Næhmachinery
      Premonitions in the rising wind; tonight the stars will fall.
      The world in a cyclone, pouring out.
      No escape, but hey, who cares? Just go with the flow.
    • Ja, der Cliffhanger ist in der Tat äußerst böse. x3

      Zum Kapitel selbst sei gesagt, dass ich ich den Teil mit Mane, den du im Vergleich zur Erstversion noch ergänzt hat (der Teil mit "Vermisst du sie?" etc.), für sehr passend halte - fügt sich gut ein. :3
      Überhaupt ist Mane mir äußerst sympathisch. Altmodische Kleidung, spielt Geige... hrr, äußerst toll. Auch wenn Gespräche mit ihm scheinbar immer darin enden, dass sein Gesprächspartner nicht das erfahren hat, was er eigentlich wissen will. xD;
      In dem Teil, in dem Lucifer auftritt, ist dieser mir sogar zum ersten Mal sehr sympathisch (liegt wohl an der Inspiration... |D) - auch deshalb, weil er mal ohne sein überhebliches Rumstrahlen auskommt. xD;

      Und ich muss dir wiederum denken, dass du die Änderung übernommen hast. So finde ich es nämlich gleich viel schöner. :3

      dead girls dry each others eyes
      and pretend for a while
      that we're still alive.


      ________

      Twitter | DIE BASIS
    • Original von FoWo
      Sie schließ noch, tief und fest, friedlich wie ein Engel.


      Sie schließ wie ein engel? 8o kannst du mir mal beibringen wie man wie ein engel "schließt"? :ugly:
      oder soll das"schlief" heißen ?


      najo, war das der offensichtlichsten fehler, den ich gefunden habe... naja finden stimmt da nicht. er sprang mir direkt ins gesicht :tongue:

      äh, nice story und schreib weiter, ich warte.

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