BFS8 - the buttfucking stories

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    • BFS8 - the buttfucking stories

      Welche der Storys dieser schönen Runde konnte euch am meisten überzeugen? (bis zu 3 Antworten möglich) 5
      1.  
        Vaylins "Sexy Selbstentzündung" (0) 0%
      2.  
        Yunikos "Schattenwal" (1) 20%
      3.  
        Wons' "Die Wahrheit über die Kulturrevolution" (3) 60%
      4.  
        Crèx' "Ein nachweihnachtlicher Trip" (2) 40%
      5.  
        TheMadZockers "Relics: Getragen vom Wind" (0) 0%
      6.  
        BadBadJellyBeans "Die LVA Trier" (3) 60%
      7.  
        pondos "Keine Panik!" (3) 60%
      8.  
        shadow mirrors "Achromasie" (0) 0%
      9.  
        CaptSiggis "Aller Anfang ist schwer" (0) 0%
      10.  
        CAMIRs "Auf dem Weg zur Erleuchtung" (3) 60%
      11.  
        Sirius' "Kapitel 14" (0) 0%
      +++ Pflücket und frohlocket: Die Arbeit trägt Früchte! +++



      Liebe Wildgänse,


      bisweilen war es ein zähes Ringen: um die richtigen Worte, um Contenance, um Freiheit & Weisheit, doch

      BÄÄM

      da sind sie nun: Die elf Storys der achten Runde schräger Geschichten und skurriler Einfälle!
      Harten Applaus an dieser Stelle für alle Teilnehmer:innen, denn letztendlich haben ALLE ihre Story eingereicht, womit wir wieder auf eine saubere Abgabequote von 100% kommen - nach wie vor ist das keine Selbstverständlichkeit.

      Doch gesabbelt wurde schon genug, jetzt geht es ans Eingemachte; daher nur noch die harten Fakten zum Download, zur Abstimmung und zum Feedback.








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      Für die ganz Eiligen, hier der

      Download:



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      Darüber hinaus gibt es natürlich noch etwas zur Abstimmung zu sagen:
      Es sind elf Storys, die zur Abstimmung stehen. Da das nach wie vor zu viele Storys sind, um bloß eine Stimme zur Verwendung zu haben, und weil zwei eine komische Zahl ist, hat ein jede:r wieder drei Stimmen zur Verfügung! Damit muss man sich quasi gegen acht Storys entscheiden, die keine Stimme von einem bekommen, das ist hart genug, denk ich.
      Für die Abstimmung sind erstmal drei Wochen angesetzt - ggf kann aber noch verlängert werden, denn der Mammutteil ist ja geschafft, die Storys selbst der Hauptgewinn und alles andere nur noch Schleife und Sahnehäubchen. Das heißt: am 31. Oktober wird der oder die neue Buttfucking Queen oder King bestimmt! Wer wird diese Runde die Story schreiben, die den Nerv der Zeit trifft? Who knows!
      Ganz wichtig dabei: Abstimmen darf, wie immer, jede:r! Je mehr, desto besser!


      Und dann sei als Letztes daran erinnert, dass sich jede:r Teilnehmer:in über Feedback freut - ob Leser:in oder Schreiber:in, wenn du das hier liest, bist du gefragt!



      Zusammengefasst:


      - Lesen im Medium nach Wahl
      - Abstimmen bis zum 31. Oktober, jede:r ist gefragt und eingeladen!
      -> jede:r hat 3 Stimmen zur Verfügung!
      - zack bumm, das wars!



      Was noch?
      Nix mehr!



      Auf gehts -


      HAPPY READING / POSTING / FEEDING!








      BUTTFUCKING STORY 8
      ~ A Summer Night's Dream ~






      Sexy Selbstentzündung (Vaylin)



      Sexy Selbstentzündung: Der neue Trend im Rotlichtmilieu



      Deutschland, Frankfurt/Main. Auf der Polizeiwache ist gegen Abend des 27. Septembers wenig los, bis ein seltsamer Anruf für Verwunderung in den Büros der Donutliebhaber sorgt. „Da liegt ‘ne brennende Nutte im Straßengraben.“ Heißt es laut Protokoll. Auch wenn es erst für einen Streich betrunkener Jugendlicher, die zu viel Billig-Gin intus haben, gehalten wurde, schickte man einen Streifenwagen los. Was man sah, verstörte sehr. Eine wirklich heiße Bordsteinschwalbe zündete sich eine Zigarette an. An ihrem Dekolleté.
      Der Pelzmantel der Dame stand in Flammen und das Feuer griff langsam auf ihre übrige Kleidung über. Nach Verständigung der Feuerwehr und dem Aufklären des Missverständnisses, dass sie nicht angeheuert wird (zumindest nicht in der Dienstzeit), erkundigte man sich wie sie zu diesem auffälligen Kostüm kam. Offenkundig handelte es sich um einen neuen Trend, der unter Freiern soeben die Runde zog. Weitere Untersuchungen ergaben, dass dieser Modekult nicht aus den USA kam, da keine Waffen involviert sind. Doch wie kommt es dazu, dass einige viele Leute „lit“ so wörtlich nehmen?


      Unsere Reporter begaben sich tiefer in die Materie und fanden schnell raus wo der Ursprung innerhalb ‘Schland lag: Hamburg. Ohne zu zögern schickten wir unsere wollüstigen Herren in den Norden. Aufgrund mehrerer Ausfälle mobiler Endgeräte musste das Radio auf der Fahrt eingeschaltet werden, was zu schweren psychischen Störungen führte. Wake me up when September ends wird wieder hoch und runter gespielt. Wir bitten um eine Schweigesekunde an dieser Stelle.
      Nach einem solch anstrengenden Weg, begaben sich unsere mutigen Männer sofort auf die Reeperbahn. Zum Glück all unserer Leser sitzt der Stock im Arsch unseres Journalisten Hans fest, weshalb er sich zuerst informierte, bevor sich dem Vergnügen hingab. Seinen schnell hingekritzelten Notizen zufolge nennt man diese brandheiße Entwicklung „Sexy Selbstentzündung“, kurz: Sese. Interessierte Brandstifter müssen nur dieses unschuldige Wort verlieren, um den letzten Funken ihrer Unschuld zu verbrennen. Der Appeal dabei wäre die Frage, ob es in einem verbrannten oder gerissenen Kondom endet. Das Ganze mag auf den Normalsterblichen wie ein krankes Survival Game des 21. Jahrhundert wirken, jedoch berichten Freier von einem unvergleichlichen Gefühl, das jedes andere Techtelmechtel in den Schatten stellt oder besser gesagt: im Rauch verschwinden lässt. Natürlich gibt von diesem Phänomen auch seine Abhandlungen:
      Manch einer will hinterher Stockbrot oder Marshmallows am Partner rösten.
      Orgien beginnen nicht selten mit einem Fackelzug.
      Viele gehen hinterher Nacktbaden, um auszukühlen.
      Andere fragwürdige Methoden sind uns ebenfalls bekannt, werden zur Sicherheit unserer Leser nicht erwähnt.


      Doch wie wurde dieser Trend geschaffen? Hans, mit seinem verkeilten Geäst im Anus, forschte weiter und sein Weg führte ihn schlussendlich nach Ungarn. Nachdem er den dortigen Nutten klarmachen konnte, dass er vorerst nicht als Kunde an ihnen interessiert ist, fand er Einiges heraus.
      In einer Nacht erklang vom einem in der Hauptstadt befindlichen Stadions die wunderbare Melodie der Band Rammstein, was die in der Nähe befindliche Hippie-Bewegung in Aufruhr versetzte. Lauter als die Gitarren als auch die Anlage des siebziger Jahre VW-Busses musste ein anderes Mittel zur Unterhaltung gefunden werden. Nach Zeugenaussagen handelte es sich erst um eine Runde des Partyspiels „Wahrheit oder Pflicht“ und entwickelte sich zu einer der heißesten Orgien der Neuzeit. Die Römer hätten es nicht besser gekonnt!


      Seit jener schicksalhaften Nacht vor zwei Wochen ist dieses Fest zu einer jährlichen Tradition geworden. Und Rammsteins „Deutschland“ zu kontern, welches in der Ursprungsnacht lief, läuft acht Stunden am Stück die spanische Nationalhymne, wie entschieden wurde. Der Text daraus sage den meisten daraus am ehesten zu. Sie besitzt keinen.
      Wie neuste Untersuchungen ergaben, ist die Sese-Nacht nicht mehr aus diesem Lang weg zu denken. Durch das Verbrennen der Hippies stieg das Bruttoinlandsprodukt enorm und die Arbeitslosigkeit sank auf ein neues Allzeittief.
      Für die Sicherheit der Bürger ist auch gesorgt: Um auf das Partygelände gelassen zu werden, muss man seinen Ausweis vorzeigen. Minderjährige und Business-Tycoons sind ungern gesehen (Kredithai dafür umso mehr)! Es ist also kein Wunder, dass ein solch wirtschaftliches Wunder auf eine Industrienation wie Deutschland überschwappte!


      Falls Sie sich nun fragen sollten, warum wir unsere Ökos nicht auch verbrennen, müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass die Regierung wegen unseres Hintergrunds dies verbietet. Trotz mehrerer Aufstände der örtlich ansässigen Hippies konnte keine Genehmigung ausgehändigt werden. Wir haben keine Müh gescheut und einen Ober-Öko zu diesem Thema genauer befragt.
      Im Verlauf des Interviews bezog sich „Bigby Big Foot“ -wie er genannt werden möchte- oftmals auf die Ungerechtigkeit des Staats gegenüber den einfachen Leuten, die laut ihm hier sehr gut zur Geltung kommt. Des Weiteren sagte er nicht weniger als 144-mal „man“ und versicherte unserer Reporterin, dass am Vorurteil mit den großen Füßen etwas dran wäre und gab ihr seine Nummer. Sie wird sich nicht melden. Tut uns leid, ihr nicht.
      Wir bedankten uns für dieses Gespräch mit einem Schwamm.
      Doch wer glaubt, dass Hippies so schnell Ruhe geben? Niemand. Auf den Straßen munkelt man von einem Event, dass zur Halloweenzeit stattfinden soll. Die Stimmen werden immer lauter, doch sind in keinem harmonischen Klang. Manch einer spricht von Blumenparaden, untermahlt mit feinster Mundorgelmusik. Live, versteht sich.
      Andere sprechen wiederum davon, dass die Regierung ihre eigene Medizin zu schmecken bekommen soll, indem man gegen den Bundestag bei flackerndem Lagerfeuerlicht pisst. Was Selbstentzündung und Pinkeln miteinander zutun haben ist bei Redaktionsschluss nicht klar.


      Wir wünschen allen Lesern schöne Träume von Rauchschwaden, gegrillten Hippies, verbrennenden Freiern und sonstige Entzündungen – selbst wenn man es selbst ist.
      Selbstverständlich werden wir Ihnen die neusten Neuigkeiten über sämtliche Schattentänze informieren.


      Ihr Reisemeiseblatt





      Schattenwal (Yuniko)



      Schattenwal






      „… In den Schleiern der Nacht und
      dem Grauen des Tages ist er zu finden.
      Bedeckt von den ersten Tropfen des Tages
      und geführt von den letzten Sternen der Nacht,
      wird der Suchende ihn niemals finden.“



      Weiß wie Schnee und so gigantisch, dass sie mit nur einem einzigen Flossenschlag ganzen Landstrichen einen Kahlschlag verpassen können, tauchen sie meistens, da auf wo man sie nicht erwartet. … Himmelswale … wunderschön und gleichzeitig die nervigsten Bewohner des weiten Wolkenmeeres.


      In der Fantasie der Erdlinge sind sie nur Traum gestalten. Für Thanatos und alle anderen Kapitäne des Wolkenmeer leider all zu oft eher ein Ärgernis und manchmal eine echte Gefahr. Warum? Nun ja leider scheinen diese Geschöpfe gefallen daran zu finden sich unter Luftschiffe zu setzen und diese empor zu heben. Nur machen die Schiffe dabei nicht selten einen Salto, was für die Besatzung absolut kein Spaß ist.


      Und trotzdem kann er sich einfach nicht dem Bann entziehen, den diese Geschöpfe auf ihre Beobachter ausüben. Wunderschön und majestetisch wie sie dort in ihrer kleinen Gruppe durch das Wolkenmeer streifen. Den Göttern sei dank mit ausreichend Abstand zu seinem Schiffe. Konnte sich Thanatos dennoch nicht verkneifen zu denken. Wie er so in Gedanken versunken mit einem Glas Limonade an der Reling seiner Jolly Roger stand und den Weg der Wale durch die Zuckerwatte-Wolken verfolgte.


      Mit einem inneren Grinsen dachte er, wenn die Erdlinge wüssten, was ihnen ihre romantischen Sommergewitter eigentlich bescherte, würden keiner von ihnen mehr träumerisch in diesem örtlich begrenzten warmen Platzregen mehr tanzen wollen. Aber gut wer seines gleich in sogenannte Irrenhäuser steckt, weil sie Dinge gesehen haben, die sie nicht erklären können, hat wohl das Duschen in den Ausscheidungen eben solcher Dinge wohl verdient, dachte er sich schnaubend.

      Eigentlich eher traurig in ihren ersten Jahren auf dieser Welt haben die Erdling einen wundervoll offenen und Fantasie vollen Geist doch bis auf wenige ausnahmen verlieren sie diese Eigenschaft sehr schnell. Stattdessen schlagen sie sich mit selbstgeschaffenen Problemen herum wie CO2-neutrale Fortbewegung, Überdüngung der Meere und Gendering. Darüber konnte Thanatos nur traurig den Kopfschütteln. Soviel verschwendetes Potenzial.


      „THANI … ! Hier steckst du!“ hörte er da plötzlich einen schrillen Schrei der ihn unwillkürlich zusammenzucken ließ. Mit einem unterdrückten Stöhnen wandte er sich von dem Anblick der Himmelswale ab, um dem Besitzer der schrillen Stimmer entgegen zu treten. „Captain Thanatos Flying Hook! Wenn du immer nur an der Reling stehst und diese riesigen weißen Mistviecher anstarrst, werden wir ihn niemals finden!“. Den letzten Schiffssalto hat meine kleine Schwester Elvira den Walen wohl übel genommen. Dabei war sie eine der Wenigen, die Unterdeck waren und somit nicht in Gefahr wahr eine ungewollte Stippvisite zum Erdboden zu machen. Tja und der Name ist ein eher ungewolltes Anhängsel von den verloren Jungs, die es irre komisch fanden mir diesen Titel zu geben, nachdem wir ein Friedensabkommen mit Ihnen erreichten und sie dafür sorgten das mein Jolly Roger nun fliegen kann. Auch wenn die meisten mich seit dem nur Captain Flying Hook nennen, findet Elvira es super mich damit zu tritzen wenn ihr irgendwas nicht passt.


      „Unter diesen Viechern werden wir ihn sowieso nicht finden! Du weißt doch es gibt keinen einzigen Augenzeugenbericht, der ihn je mit irgendwelchen anderen Wesen gesehen hat.“ Mit einer Lakritzstange zwischen den Zähnen und ungeduldig mit dem Fuss klopfend stand sie da und sah mich erwartungsvoll an.


      Elvira Hook, die Qual und gleichzeitig der einzige Antrieb meins Lebens. Die Idee auf die Suche nach dem Schattenwal zu gehen stammte übrigens von ihr. Schon als Kind faselte sie ununterbrochen von dieser Legende.


      „Einen Wal soll es geben in lila, blau und grau,
      gekleidet in ein Glitzkleid im Zenit,
      sodass es Sonne und Mond gleichsam zu ihm zieht. ...“



      … bla bla bla … Von derartigen Sprüchen habe ich nie wirklich viel gehalten. Aber gut für mich war es eine Ablenkung aus der Eintönigkeit. Und mal abgesehen von den Wenigen die ihn gesehen haben wollen, glaubt eh kaum einer daran, dass es diesen Wal wirklich gibt.


      Aber für mich war es ein Grund weg zu kommen, weg vom Nimmerland mit seiner immer währenden guten Laune. Denn nach dem mein nichtsnutziger Onkel James es sich dummer Weise mit einem Rudel Lawinenhunde verscherzte hat und im Anschluss daran in einem Schneesturm geriet, wart er nie mehr gesehen und ich durfte mich mit seinem Zeug rumschlagen. Das einzig gute daran: ab dem Moment gehörte die Jolly Roger mir. Aber zugegeben ich selbst habe immer daran geglaubt, das Tictoc das Tickende Krokodil ihn irgendwann erwischt und um ehrlich zu sein hätte es das auch verdient. Nach dem verschwinden meines Onkels machte Tictoc einen wirklich bedrückten Eindruck. Irgendwie hat es meinen Onkel wohl wirklich gemocht, auf seine eigene verquere Weise.


      Wie dem auch sei danach ist es wirklich ruhig geworden im Nimmerland. Ich schloss Frieden mit den verloren Jungs. Diese lebten immer weiter ihr Abenteuer aus, Bei denen ich gelegentlich als Pirat mit ihnen die Klingen kreuzte und den Rest der Zeit verbrachten wir durch Scharmützel mit den Indianer Jungs und beim Nacktbaden in der Lagune mit den Nymphen. Und dennoch irgendwann wird auch das irgendwie langweilig. Wahrscheinlich hat mein Onkel es auch nur dank Peter Pan solange im Nimmerland ausgehalten. Ein anständiger Rivale belebt das Geschäft, wie es bei den Erdlingen heißt.


      Naja jedenfalls zog ich dann irgendwann mit der Jolly Roger los, um meine eigenen Abenteuer zufinden. Denn dank den verlorenen Jungs und Tinkerbell konnte diese ja nun fliegen. Zumindest dachte ich so. Denn außer einigen heftigen Unwettern – eine Achterbahn ist nix dagegen – und vom Himmel fallenden leuchtenden Steinen – angeblich sollen das Kernkristalle sein, schön anzusehen aber nichts wert – bestand wohl mein größtes Abenteuer darin, mit den Wächtern der Himmelsforte darüber zu diskutieren, wie blödsinnig Himmelshochzeiten sind. Denn mal ehrlich, ein wahnsinns Fest zu organisieren, dass nach drei Stunden zwangsbeendet werden muss, weil die Gäste sonst - im wahrsten Sinne des Wortes - aus allen Wolken fallen würden, ist doch einfach nur blödsinnig.


      Jedenfalls hat mich dadurch Elvira ziemlich schnell dazu überreden können mit ihr auf die Suche nach diesem ominösen Schattenwal zu gehen. Im nach hinein hätte ich mir damals wohl lieber einen Drachen als Haustier zulegen sollen, dass wäre wohl weniger anstrengend geworden. Ständig nur dieses Atemlose hin und her gehetzte. „Thani schau hier.“, „Thani lass und da mal nachsehen.“, „Oh Thani dort wurde er gesichtet.“. Ich bin mir mittlerweile ziemlich sicher diesen Wal gibt es garnicht. Alles nur erfunden.


      „Himmel an Thanatos! Bist du noch da? Oder muss ich dich erst von Board werfen bevor du dich rührst!“ ungeduldig stampfte Elvira mit dem Fuss auf. „Wir wollten doch heute noch zur Schenke und den Augenzeugen befragen!? Und nicht erst über morgen. Also hör verdammt nochmal auf zu träumen!!“. Mit diesen Worten drehte sich Elvira schwungvoll um und stapfte wütend In Richtung der Kajüten.


      Und das halte ich jetzt schon fünf Jahre lang aus. Fünf Jahre, die wir schon nach diesem dähmlichen Phantomwal suchen…


      - Fortsetzung folgt -






      Die Wahrheit über die Kulturrevolution (Wons)



      Die Wahrheit über die Kulturrevolution
      Oder: 101 Gründe, Tomaten noch mehr zu hassen als ohnehin schon



      Der Blutmond stand schon hoch am Himmel, als der kleine Zhang und sein Kollege Li sich durch das letzte bisschen totes Gestrüpp kämpften und die ranzige Mahjongg-Hölle betraten. Hatte ihnen die feuchtkalte Nacht gerade noch eine Gänsehaut über den ganzen Körper gejagt, so schlug ihnen jetzt eine Welle der Hitze und des Gestanks entgegen. Kaum fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss, fühlten sie sich gefangen in einer Welt, die nicht die ihre war. Grüne Tische standen eng an eng beisammen, dazwischen ein Gewusel von Menschen, begleitet von ohrenbetäubenden Geräuschen, Gläserklirren, Gelächter, Gestöhne, das Klicken der Spielsteine. Die Luft war zum Zerschneiden dick angereichert mit Rauch, der einen die Gesichter der anderen Menschen durch das schummrige rote Licht nur erahnen ließ.
      Der kleine Zhang, der eigentlich stramm auf die sechzig zuging und nur deshalb klein genannt wurde, weil es im Büro einen noch älteren Mann gleichen Namens gab, hustete und wischte sich angestrengt eine Träne aus dem Augenwinkel. Hier sollte er sein, der Mann, nach dem er und sein Kollege so dringend suchten. Andrew Wong, jener Halbamerikaner, der ihrer aller Rettung sein sollte. Er, der die Schrecken der Kulturrevolution mit eigenen Augen gesehen hatte, wie man sich erzählte. Ende der Sechziger Jahre war er aus seiner zweiten Heimat zurück aufs Festland berufen worden; statt Disco und Nacktbaden im Land der großen Freiheit hatten im Mutterland nur Feldarbeit und Mühsal auf ihn gewartet, so sagte man. Von all den Gerüchten, die über Wong existierten, war dieses neben dem Gerücht über seinen mit Feigwarzen verseuchten Riesenhoden vermutlich das einzige, das der Wahrheit halbwegs nahekam. Ansonsten erzählte man sich über ihn, er habe schon Zombies und Vampire gejagt – manch einer behauptete gar, Wong sei selbst ein Vampir. Er selbst hatte zu all dem freilich stets geschwiegen und so das Mysterium um seine eigene Person weiter genährt. Anfang der Siebziger war er spurlos verschwunden – nicht aber die Gerüchte über ihn. Die Regierung habe ihn für unmenschliche Experimente missbraucht, hörte man hier und dort. Andere waren überzeugt, dass er selbst in die Machenschaften der Regierung verwickelt gewesen sei und nach dem totalen Krieg trachtete. Das war jetzt schon über eine Dekade her. Mit den Jahren wurden die Gerüchte weniger – bis Andrew Wong so plötzlich, wie er verschwunden war, wieder auftauchte und damit das allgemeine Interesse an ihm erneut in ungeahnte Höhen katapultierte. Wong aber schwieg weiterhin beharrlich und so wusste man, obwohl er bekannt war wie ein bunter Hund, nach wie vor nicht viel über ihn, abgesehen davon, dass er das größte Kneipentier der Provinz Yunnan war, dem Tabak und den schönen Damen nicht abgeneigt war und jeden Großmeister im Mahjongg vernichten konnte. Mit anderen Worten: Dieser sagenumwobene Mann war die einzige Hoffnung, die dem kleinen Zhang, seinem Kollegen Li und allen Chinesen, womöglich sogar der ganzen Menschheit, noch blieb.
      Als der kleine Zhang und sein Kollege Li die Mahjongg-Hölle betraten, nahm niemand auch nur im Entferntesten Notiz von ihnen. Zhang räusperte sich. Keine Reaktion. Pikiert rückte er seine Brille zurecht; ein solches Verhalten war er nicht gewohnt. Erst als die beiden sich einige Schritte weiter hinein in das verruchte Etablissement wagten, regte sich etwas. Ein bildhübsches, blutjunges Mädchen in einem mit smaragdfarbenen Drachen bestickten Kleid schmiegte sich lasziv an Li heran, dem sofort der Schweiß ausbrach. Mit einem unwürdigen Quieken wich er zurück und verzog sich in eine Ecke der Kaschemme. Zhang seufzte. Dann blieb die Sache wohl wie immer an ihm hängen. „Wir suchen Andrew Wong“, erklärte er dem Mädchen, dieses jedoch sah ihn nur dümmlich lächelnd an und brabbelte in einem merkwürdigen Dialekt unverständliche Worte vor sich hin. „Andrew Wong!“, wiederholte Zhang betont langsam, damit sie ihn auch ja verstand. Sie musste wohl schon von Wong gehört haben und ihm Auskunft geben können, ob er hier war oder nicht. Immer noch keine Reaktion außer einem fragenden Blick.
      Vielleicht war Wong doch nicht hier? War all die Suche etwa umsonst gewesen? Sollte er umkehren und anderswo weitersuchen?
      Nein. Er hatte genug Zeit darauf verwendet, Wongs Aufenthaltsort herauszufinden, seine Quelle war sich ganz sicher gewesen. Wong musste einfach hier sein.
      Gerade als er sich an jemand anders wenden wollte, um nach Wong zu fragen, hörte Zhang zu seiner Linken ein grimmiges Knurren. „Suchst du mich?“
      Und da saß er, zusammen mit drei weiteren, quasi gesichtslosen Männern, die er gerade vernichtend geschlagen hatte. Sein Gesicht war so zerschlissen und vernarbt, wie man sich überall erzählte, und im ersten Moment schnappte Zhang erschrocken nach Luft, was seinem Gegenüber ein heiseres Lachen entlockte. „Setz dich.“
      Wie auf Kommando machte eine der drei gesichtslosen Gestalten Platz, sodass Zhang sich Wong gegenüber niedersinken lassen konnte. Ungefragt wurde ihm ein viel zu großer Becher Reisschnaps vor die Nase gestellt.
      „Ich trinke nicht“, warf er höflich ein und wusste dabei schon, dass diese Ausrede heute nicht zählen würde.
      „Ich auch nicht“, erwiderte Wong und hob das Glas.
      Zhang unterdrückte einen weiteren Seufzer. Musste das nun wirklich sein? Ausgerechnet Reisschnaps? Sollte er wirklich seinen Körper und seine Gehirnzellen für den Rest des Abends zerstören?
      Er musste. Wenn er Wong heute nicht auf seine Seite ziehen konnte, dann wäre das Ende der Welt vermutlich ohnehin nicht mehr weit, und dann konnte er mit seinen restlichen Gehirnzellen auch nichts mehr anfangen. Also hob er ebenfalls das Glas und kippte sich das widerliche Gesöff schaudernd in den Körper.
      „Also dann“, griff Wong das Gespräch wieder auf, nachdem er sich den Mund abgewischt hatte. „Lass mich raten: Es geht um die Tomaten.“
      Er wusste also schon Bescheid. Das wunderte Zhang nicht sonderlich. Umso besser; so musste er weniger Zeit mit langen Erklärungen verschwenden.
      „Tomaten… ausgerechnet. Hab ich schon immer gehasst. Widerliche, schleimige Dinger. Schon als Kind konnte ich nicht ausstehen, wenn meine Mutter scharfen Tofu in Tomatensoße machte… Dass unser schönes Mutterland aber ernsthaft von Killertomaten fast gänzlich zerstört wird – das konnte selbst ich mir als kleiner Hosenscheißer nicht ausmalen.“ Kopfschüttelnd exte er ein weiteres Glas Reisschnaps. „Dass ich Tomaten leidenschaftlich hasse, heißt aber nicht, dass ich sie euch einfach so vom Hals schaffe. Ich wüsste auch gar nicht, wie.“
      Zhang nickte wissend. „Li“, rief er in die Ecke, in der sein Kollege verschwunden war. Zögerlich trat Li an den Tisch heran und legte den Koffer, den er mitgebracht hatte, darauf. Inzwischen hatten sich bereits einige Schaulustige um sie herum versammelt. Li öffnete den Koffer und ein überraschtes Raunen ging durch die Menge der Umstehenden, als diese den Inhalt erblickten. Selbst in Wongs Augen blitzte es kurz auf, zumindest bildete Zhang sich das ein. Auch in einer fast gänzlich zerstörten Welt war Geld doch immer noch das Einzige, womit man sich Alkohol kaufen konnte.
      „750 Millionen Yuan“, sagte Zhang, bevor Wong überhaupt fragen konnte. Und auch als Wong nun den Mund öffnete, kam Zhang ihm zuvor: „Und nicht nur das. Wir haben hier außerdem Pläne der Regierung, aus denen hervorgeht, dass die Quelle der Seuche hier“, er zeigte mit dem Finger auf eine Karte der Provinz, „in einer Höhle liegt.“
      Anfangs hatte er die Echtheit der Dokumente selbst angezweifelt. Dass der Ursprung der Seuche, das, was auch immer die Tomaten hatte mutieren lassen, ausgerechnet hier in Yunnan lag, der einzigen Provinz, die noch nicht komplett zerstört worden war, war ihm doch sehr unwahrscheinlich erschienen; doch je mehr er darüber nachdachte, desto mehr Sinn ergab es. Die Provinz war sozusagen das Auge des Sturms.
      Andrew Wong ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Mittlerweile war es fast schon unheimlich still geworden in der ranzigen Mahjongg-Hölle; alle Augen schienen auf dem seltsamen Trio zu ruhen und niemand sprach mehr ein Wort.
      „Ich mach’s“, sagte Wong schließlich. „Unter einer Bedingung.“


      „Aber das kann doch nicht sein Ernst sein!“ Lis Stimme überschlug sich fast vor Verzweiflung. Unbehaglich schaute er sich um.
      Der einzige, der sich prächtig zu amüsieren schien, war Andrew Wong. „Obacht, dein kleiner Freund macht sich ja bald ins Hemd. Der guckt ja, als wäre irgendein verrückter Axtmörder hinter ihm her.“
      „Ein Axtmörder vielleicht nicht, aber als ob Killertomaten so viel besser wären!“, ereiferte sich Li. Aus dem Gebüsch links von ihnen drangen unheimliche Laute herüber; mit einem Schrei sprang Li hinter den kleinen Zhang. „Was war das?“
      „Nur eine Eule“, entgegnete Zhang brummend. Mittlerweile war selbst er, der er immer für seine Geduld bekannt gewesen war, genervt von seinem Kollegen. Sie waren noch nicht lange unterwegs, doch in dieser kurzen Zeit hatte Li die Gruppe schon so oft behindert, dass Zhang bereits ernsthaft in Erwägung gezogen hatte, Li einfach zurückzulassen. Auf einen mehr oder weniger kam es letztendlich auch nicht an.
      „Laut Karte ist es nicht mehr weit“, mischte sich Wong ein, um die erhitzten Gemüter etwas zu besänftigen. „Wenn wir Glück haben und ihr Recht hattet, können wir schon bald mit dem Wiederaufbau des Mutterlands beginnen. Und wenn nicht… ja, dann bin ich um 750 Millionen Yuan reicher und kann mich für den Rest meines Daseins besaufen. Auch gut.“
      Das ungleiche Trio kämpfte sich weiter durch den Dschungel Yunnans, durch Engelstrompeten und Stechäpfel, durch Büsche und Sträucher, durch allerlei Pflanzen, von denen Zhang gar nicht gewusst hatte, dass sie hier wuchsen. Allesamt Giftpflanzen. Dass ausgerechnet mutierte Tomaten das Land überwuchern und unter sich begraben würden statt irgendeiner dieser Giftpflanzen, war beinahe ironisch.
      „Warum Tomaten?“, platzte es schließlich aus Zhang heraus. „Was hat die Regierung in ihnen gesehen? Was ist während der Kulturrevolution wirklich passiert?“
      Wong schüttelte den Kopf. „Die Kulturrevolution ist vorbei. Die Viererbande ist tot. Es gibt nichts mehr, was darüber noch gesagt werden muss.“
      Schweigend kämpfte Zhang sich weiter durch das wuchernde Unkraut um ihn herum. All die jungen Männer wie Andrew Wong, die während der Kulturrevolution zur Landarbeit geschickt wurden… waren sie alle nur Werkzeuge gewesen, um Tomaten zu sammeln, die dann für Experimente missbraucht wurden? All die Ärzte, Wissenschaftler und Professoren, die zu jener Zeit verschwunden waren – waren sie dazu benutzt worden, das tödliche Mutantenvirus zu erschaffen? Vermutlich war Andrew Wong einer der wenigen noch lebenden Menschen, die darüber Auskunft geben könnten, und doch schwieg er hartnäckig. Zhang wiederum, der selbst für die Regierung arbeitete, wusste nichts. Auch er war nur eine Spielfigur. Jetzt, da die Regierung begriffen hatte, dass die Sache aus dem Ruder gelaufen war und die Tomatenplage schnellstmöglich zerstört werden musste, kamen ihm doch langsam seine Zweifel. Waren es am Ende gar nicht die Amerikaner gewesen, die ihnen diese Plage auf den Hals gehetzt hatten? Waren die mutierten Tomaten eine chinesische Eigenkreation?
      Wongs kratzige Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Hier muss es sein.“
      Vor ihnen tat sich ein gewaltiges eisernes Tor auf, überzogen von Poison Ivy und Rost, das in eine Höhle hineinzuführen schien. Nach all der Zeit, in der das Tor hier im Dschungel Yunnans vor sich hin verwittert war, leistete es kaum Widerstand, als Wong es öffnete. Die drei traten ein und wurden von Düsternis und angenehmer Kühle empfangen.
      Plötzlich ertönte zu ihrer Linken ein Geräusch, das ihnen das Blut in den Adern gefrieren ließ, ein lautes Ratsch. Zhang wirbelte herum. Eine riesige, blutgetränkte schwarze Ranke schlug nach ihnen. Er konnte im letzten Moment zur Seite springen, doch sein Kollege Li war nicht schnell genug und wurde von der Monstertomate erwischt. Fest hielt sie ihn in ihren Klauen.
      „Schnell!“, schrie Wong und selbst in seiner Stimme schien die Angst mitzuschwingen. „Hier entlang, sagen die Pläne. Wir müssen die Quelle dieser Seuche finden und zerstören!“
      „Aber Li!“, erwiderte Zhang panisch und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die Mutantentomate, die seinen Kollegen so fest drückte, dass er kaum noch Luft zu bekommen schien. Es war schon seltsam. Vorhin noch, draußen im Dschungel, da hatte er seinen Kollegen am liebsten zurücklassen wollen. Und jetzt? Er hätte ihn hinter sich lassen und mit Wong laufen können, um zu versuchen, die Quelle des Übels zu zerstören. Sollte er? Er konnte es nicht. Fest entschlossen warf er mit aller Kraft seine Fackel nach der Mutantenpflanze, die ein ohrenbetäubendes Kreischen von sich gab, als das Feuer sie verzehrte. Sie lockerte den Griff und Li, der zum Glück nicht allzu hoch über dem Boden festgehalten worden war, plumpste wie ein nasser Sack herunter.
      „Li! Alles gut?“ Zhang stürzte zu seinem Kollegen.
      „Nein!“, schrie Wong mit aufgerissenen Augen.
      Vor Zhangs Augen bildeten sich Blasen auf Lis Gesicht. Brandblasen? Nein… sein Gesicht wurde immer roter, seine Augen schneeweiß, seine Hände zu Schlingen, die im nächsten Moment hervorschnellten, sich um Zhangs Hals legten und zudrückten, bis ihm schwarz vor Augen wurde.


      GAME OVER


      Wütend pfeffere ich das Spielbuch mit dem blöden „Du entscheidest selbst, wie die Geschichte weitergeht!“-Aufkleber in die Ecke. Pff. Mochte ich eh noch nie, diese Bücher.





      Ein nachweihnachtlicher Trip (Crèx)



      Ein nachweihnachtlicher Trip



      Laut schleifend schleppte sich der Sattelzug über den dunkel geteerten und rauen Asphalt, kleine Staubwölkchen hinter sich aufwirbelnd, die das Licht der gerade im Rücken aufgehenden Sonne zu mindern versuchten. Links der großen Maschine zischte die Leitlinie in kurzen regelmäßigen Abständen an den 18 massiven, mit silbernen Alufelgen bestückten Reifen vorbei. Der sechsachsige Flachbettauflieger hatte einige wundersame Päckchen geladen, die in unterschiedlichen Farben durch den braun-roten Staub glitzerten, ähnlich wie der kräftige rote Lack des Frontlenkers, der sich mit der Aufschrift „Coca-Cola“ zierte. Die laute Luftkühlung des 750 PS starken Volvos wurde nur von AC/DC übertönt, welche hämmernd aus der Fahrerkabine dröhnten.
      Im Glas der schwarzen Sonnenbrille des Fahrers reflektierte sich der schwarz in blau übergehende Himmel im Westen Arizonas. Genüsslich nahm er einen Zug von der Zigarre, die sonst lässig mit dem linken Arm aus dem offenen Fenster hing und pustete die folgende Rauchschwade in die Kabine, durch welche sie dann über die hölzernen Armaturen auf die mit Kunstleder überzogenen Sitze tänzelte.
      Von hinter den Sitzen aus hustete jemand, im kleinen Bett der Fahrerkabine liegend, heftig durch eine Mundfessel. Der Brustkorb unter dem weiß-siffigen Unterhemd zog sich einige Male, begleitet von einem Wimmern, krampfartig zusammen. Der kleine, auf einem Bücherstapel sitzende Fahrer reichte sich die Zigarre in seine rechte Hand und schnippte deren Asche hinter sich in das Gesicht des im Bett gefesselt und geknebelten Mannes.
      „Halt’s Maul, Weihnachtsmann! Bald hast du’s geschafft“, brüllte der kleine grün gekleidete Elf mit der Zigarre im Mund und lachte boshaft, lauter als die Höllenglocken aus dem Radio. Doch das Lachen wurde abrupt von einem Knall unterbrochen. Der Laster kam von der Straße ab, rollte durch den roten Sand, über zwei oder drei Kakteen und kam schließlich auf einem erhabenen Sandhügel zum Stillstand.


      Pixel setzte sich seine Zipfelmütze wieder auf sein blond-wuscheliges Haupt. Durch die unsanfte Fahrt wurde er und die fünf Bücher, die gerade noch als Sitzerhöhung gedient hatten, durch die gesamte Fahrerkabine geschleudert. „On the Road“ hatte die Sonnenbrille auf dem Gewissen, die Zigarre aber übte Vergeltung und zündete es an. Pixel riss einen der Vorhänge herunter und versuchte das Feuer auf dem Buch auszuklopfen, doch schon das Kunstleder sowie der Bart des Weihnachtsmannes standen in tobenden Flammen. Nachdem dieser den Vorhang einige Male in das Gesicht gedroschen bekommen hatte, fing auch das Stück Stoff Feuer und Pixel musste zugeben, dass es ganz schön schwer war durch den schwarzen Rauch noch etwas zu erkennen. Unüberhörbar waren jedoch die Schmerzensschreie des Weihnachtsmannes, dessen Mundfessel und Haare inzwischen verbrannt waren.
      Da Pixel die Situation zu heiß geworden war, flüchtete er sich aus der Beifahrertür und ließ den alten Mann zurück. Die Flammen schlugen schon aus den Fenstern des Volvos und gingen, begleitet von einem tosenden und knackenden Geräusch, in schwarze Rauchschwaden über. Die Schreie und „Highway To Hell“ verstummten zeitgleich, als eine große und gleißende Stichflamme durch die Kabine jagte. Pixel wünschte sich er hätte eine Sonnenbrille aufgehabt.


      Es war September gewesen. Weihnachten war schon lange vorbei und viele Kinder wurden zum letzten Fest schwer enttäuscht, denn Pixel hatte den Weihnachtsmann gekidnappt. Es war noch lange in den Medien. „Weihnachtsgeschenke bleiben aus“, „Weihnachtsmann vermisst“ und „Mysteriöser Coca-Cola Truck verwüstet Kleinstadt“ zierten noch allzu oft die Schlagzeilen in lokalen Zeitungen. Das Geschenkeausteilen wurde Pixel schnell zu eintönig und er wollte selbst das Steuer in die Hand nehmen. Problem war nur der Weihnachtszauber, der auf ihm und allen seinen Elfenkollegen gelegen hatte, der es Elfen nicht ermöglichte, den Weihnachtsmann zu verletzen. Nach einem kalten Entzug ohne Rückfall, war Pixel jedoch bereit gewesen es mit ihm aufzunehmen.
      Da sich sein einziges Problem gerade in Luft aufgelöst hatte, zumindest Haut und Haar davon, war er nun endlich wirklich frei und konnte tun und lassen wie ihm beliebte. Die Gewissensbisse, die ihn plagten, weil er gerade den Weihnachtsmann getötet hatte, den er eigentlich in Phoenix an ein Kaufhaus verkaufen wollte, steckte er weg, wie das Smartphone ohne Empfang, welches er sich gerade wieder in die Hosentasche gleiten ließ.


      „Danke, Jack Kerouac“, seufzte Pixel, der sich nun am Straßenrand durch die Hitze schleppte, „für dieses brandheiße Buch.“


      So schön seine neu erlangte Freiheit war, so sehr trauerte er auch dem Volvo FH16 hinterher, der langsam hinter ihm am Horizont verschwand. Ohne eine Mitfahrgelegenheit konnte es noch Tage dauern bis er die nächste Stadt erreichte. Glücklicherweise konnten Elfen ihren Stoffwechsel so regulieren, dass sie tagelang ohne Nahrung und Wasser auskamen, aber angenehm wäre das trotzdem nicht gewesen. Er fühlte sich wie an den Verbannungsort Sibirien zurückversetzt, quasi das Bootcamp für Elfen, die nicht gehorchten. Pixel wurde einmal dorthin geschickt, hunderte Jahre her, als das Camp noch aktiv war, bevor es von der Vereinten Elfengewerkschaft geschlossen wurde. Damals bekamen sie tagelang weder zu essen noch zu trinken und mussten untertage Uranbergbau betreiben. Das Uran wurde mit dem Polarexpress gute 4.200 Kilometer nach Finnland transportiert, wo es zur Energiegewinnung im Atomkraftwerk, auf dem Firmengelände des Weihnachtsmannes diente. Nach der Schließung des Camps lohnte es sich kostentechnisch nicht, richtige Arbeiter im Bergwerk einzustellen und so fing man an, mit dem Polarexpress Kinder zu entführen, die dann stattdessen zur Energiegewinnung verbrannt wurden. Das rentierte sich gleich doppelt: Weniger Kinder zu beschenken und mehr Energie pro Quadratmeter Körperoberfläche pro Kind im Gegensatz zu Uran. Das behauptete zumindest Wichtgang Häuble, Kostenanalytiker aus der Finanzabteilung der Weihnachtswerkstatt.


      Ein Boxer-Motor, der sich schnell von hinten näherte, unterbrach Pixels nostalgischen Gedankengang. Er wandte sich der Lärmquelle zu, die quietschend neben ihm zum Stehen kam. Ein wohl selbstgebautes Motorrad, das stark an eine Harley-Davidson erinnerte, stoppte den Lärm, als die wirklich kleine und beflügelte Fahrerin den Zündschlüssel zog.
      „Hey, hör mal zu“, sagte die in schwarzer Lederjacke gekleidete Fee, während sie mit ihren Flügeln auf Pixel zu flatterte, „ist das dein Schrotthaufen da hinten?“, fragte sie beinahe schnippisch, die eine Hand in die Hüfte gestemmt und mit der anderen in die Richtung aus der Pixel kam zeigend. Den Rauch konnte man der Entfernung wegen nicht mehr sehen.
      Pixel schaute die Straße hinunter, sich am Kopf kratzend. „Welcher Schrotthaufen?“, fragte er unwissend, ehe er ihr wieder in die Augen blickte.
      „Na dieser ausgebrannte Truck. Der mit dem ewig langen Auflieger.“ Sie wirkte hektisch aber gesammelt und redete sehr schnell. „Hallo?“
      „Nein, so einen habe ich nicht gesehen.“ Wenn Pixel log, klopfte er normalerweise mit der rechten Fußspitze einige Male auf den Boden, unterdrückte dies aber gerade ganz bewusst.
      „Verflixt! Ich dachte du wärst es.“ Die leichtgläubige Fee schlug sich, sichtlich verärgert, auf die zusammengebundene schwarze Jeans, nachdem sie sich die Beine überschlagend in den Motorradsitz zurückfallen ließ. „Du siehst nett aus. Ich bin Fee“, sagte sie plötzlich euphorisch, mit ausgestreckter Hand aus dem Sitz auf Pixel zuspringend.
      Die Fee war nicht halb so groß wie der durchschnittliche Weihnachtself, der es immerhin auf einen Meter und drei Zentimeter brachte. Auch wenn Pixel die magische Ein-Meter-Grenze gerade so packte, war sein Gegenüber immer noch beachtlich klein. Er streckte ihr Daumen und Zeigefinger entgegen und schüttelte ihre Hand. „Sehr erfreut, ich bin Elf.“
      „Blöder Name. Was soll’s? Was tust du hier? Kann ich dir helfen? Hast du Durst?“, prompt kramte Fee aus einer der Motorradtaschen einen Trinkschlauch hervor und hielt ihn Pixel unter die Nase. „Hier trink! Hab ich selbst gemacht.“
      „Nein danke, ich wäre heute schon fast gestorben“, wies Pixel die Fee falsch lächelnd zurück, „stattdessen könnte ich eine Mitfahrgelegenheit gebrauchen.“
      Fee ließ den Trinkschlauch fallen, den Pixel reflexartig auffing und an seinem Gürtel befestigte, schoss spiralförmig in die Höhe und schnippte einmal mit den Fingern. „Klar. Natürlich. Super! Du kannst mir helfen“, rief sie erfreut und schoss im Sturzflug vor sein Gesicht. „Zusammen. Wir finden den Schuft. Den mit dem Truck. Jetzt ohne Truck. Du weißt schon.“ Zappelnd hüpfte Fee in der Luft aufgeregt auf und ab. Weißer Schaum sammelte sich vor ihrem Mund und sie stürzte zu Boden, auf dem sie sich im Sand hin und her wälzte.


      Voller Tatendrang wollte Pixel Fee helfen, traute sich aber nicht sie anzufassen, da sie gerade anfing mit den Kiefern zu beißen. Ihr in einem Dutt zusammengemachtes hellbraunes Haar, wirbelte auf und fegte unter heftigen Kopfbewegungen durch den Sand, theatralisch sprühte sie dabei den Schaum aus ihrem Mund in die Luft. Ihr linkes Auge zuckte stark, während das rechte beinahe herauszufallen drohte. Die blau schimmernden Flügel flatterten wild und unkoordiniert, ebenso die Gliedmaßen. Pixel fühlte sich in den Elfen-Hilfe-Kurs zurückversetzt. Zwar nicht in den letzten, den hatte er blau gemacht, sondern den vorletzten. Der Kurs musste betrieblich alle 100 Jahre wiederaufgefrischt werden. Er erinnerte sich zurück und musste feststellen, dass er für diese Situation nicht ausreichend Knowhow in der Elfenhand hatte. Also zückte er das Smartphone. Klasse, drei Balken! Pixel rief die Kontaktliste auf und suchte unter G. Grumpel, Videoanruf… Das Smartphone tutete drei Mal, dann ein grummeliges „Wer da?“ und Grumpels knollige Nase erschien auf dem Display.
      „Grumpel, hallo? Kannst du mich sehen?“ Pixel hielt sich die Kamera in verschiedenen Abständen vor sein Gesicht.
      „Ah ja, ich seh was. Wer ist denn am Apparat? Pixel? Donnerwetter!“ Grumpels ganzes Gesicht erschien nun im Bild. Er formte ein O mit seinem Mund und machte große Augen. „Hätt ich ja nich gedacht, dass wir uns mal wiedersehen. Wo bist denn gerade?“
      „Ja du, Grumpel, lange Geschichte. Jedenfalls gerade in Arizona. Also Amerika, du weißt schon.“
      „Nich dein Ernst!“, staunte Grumpel, „erzähl, wie bist du da hingeraten? Und warte, weißt du was vom Weihnachtsmann? Der ist nämlich auch spurlos verschwunden.“
      „Weihnachtsmann? Nein, ich war’s nicht, ehm, ich meine ich weiß nichts.“ Pixel klopfte mit der rechten Fußspitze auf den Boden.
      „Okay, merkwürdig“, sagte Grumpel leise und murmelte noch etwas Unverständliches.
      „Wie geht’s dem Stammtisch?“ Pixel wechselte schnell das Thema.
      „Pass auf, hier bei uns hat sich einiges verändert, seit der Weihnachtsmann fehlt. McElfenhack, der alte Wichtel, hat jetzt das Sagen hier. Er hat die Weihnachtswerkstatt dicht gemacht. Schuften jetzt für den Drecksack. Weißt du noch Sibirien…“
      „Ja. Musste vorhin mal dran denken.“ Pixel fuhr es nostalgisch kalt den Rücken hinunter.
      „Wegen was rufst du eigentlich an?“
      „Ähh, achso, klar. Warte einen Moment.“ Pixel schaltete auf die Hauptkamera des Smartphones um und richtete sie auf Fee, welche noch krampfend und Schaum speiend am Boden lag.
      „Oh, so ein Glück!“, meinte Grumpel. „Ganz schön selten so ne Fee. Hast du zufällig ein kleines Fläschchen dabei, in der du sie aufbewahren kannst?“
      „Grumpel, nein! Ich will ihr helfen“, sagte Pixel, beinahe entsetzt.
      „Quatsch. Die kratzt ab. Dauert nicht mehr lange. Ich glaube das Gezappel wird schon weniger. Und aus ihren Flügeln kannst ne klasse Suppe machen,“ schwärmte Grumpel.


      Tatsächlich hatte Pixel schon einmal, in einem Ranzrestaurant „Zum erbrechenden Oger“ nahe der Weihnachtswerkstatt, eine Feenflügelcremesuppe mit Rentiergulasch gegessen. Feenflügeln sagte man hinterher, dass sie eine deutlich aufputschende Wirkung und Halluzinationen nach dem Verzehr hervorriefen. Das konnte Pixel bestätigen. Erst tanzte er, mit einem gefühlten Puls von 200, über das Mobiliar des Lokals, einen ganzen Tag lang. Er stieß mit seinem schwungvollen Tanzbein links und rechts die Wichteleintöpfe und Koboldbraten mit Trollklößen von den Tischen und schwang an den Kronleuchtern zwischen ihnen hin und her. Dann war da dieser pinke Elefant, der ihn nachts auf die Straße lockte und sie sprangen grölend und singend durch die kleine Altstadt. Schließlich hatten sie im Dorfbrunnen Sex, zumindest glaubte Pixel das, bis er von der örtlichen Elfenpolizei festgenommen wurde. Sie brachten ihn in die Ausnüchterungszelle, in der er noch tagelang seinen Rausch ausfeierte. Den pinken Elefanten hatte er seitdem nie wiedergesehen und das war vielleicht auch besser so.


      Fee war nach einem letzten kräftigen Aufbäumen plötzlich komplett regungslos.
      „Hab ich es nicht gesagt? Jetzt ist sie hinüber,“ meinte Grumpel stolz.
      Wenn Pixel aber etwas aus dem Elfen-Hilfe-Kurs mitgenommen hatte, dann war es neben dem kostenlosen Schlüsselanhänger und den Gummibärchen auch die Herzdruckmassage.
      „War schön dich mal wieder zu sehen Grumpel, mir ist da grad was eingefallen,“ verabschiedete Pixel sich von seinem Kollegen und beendete das Telefonat.
      Er legte Smartphone und grüne Zipfelmütze beiseite und kniete sich neben Fee. Pixel zögerte. Erst drücken und dann pusten, oder andersrum? Nein, erst Bewusstsein prüfen. Er nahm einen naheliegenden Ast und stupste das kleine Geschöpf mehrmals vorsichtig an.
      „Hallo? Bist du tot?“ fragte er.
      Keine Antwort. Ihm blieb keine Wahl, er musste jetzt handeln. Also legte er den Ast beiseite und entschied sich für Pusten, da er Angst hatte ihren kleinen Körper zu zerquetschen. Er packte ihren Kopf im Zangengriff zwischen Daumen und Zeigefinger, überstreckte ihren Nacken, um die Luftröhre freizumachen und legte seine Lippen über ihre Lippen und Nase, weil sie so klein war.
      Wörtlich genommen hatte er schlagartig eine kleine Hand ins Gesicht bekommen. Fees Flügel flatterten und sie stürmte in die Luft. Wie betäubt fiel Pixel auf seinen Hintern und hielt sich die Wange, aber für ihn gab es keine Gnade. Sie stürzte sich schreiend auf ihn und trat wiederholt mit ihren nackten Füßen in sein Gesicht, was ein klatschendes Geräusch erzeugte.
      „Halt Stopp! Was soll das?“ Er wedelte mit geschlossenen Augen in der Luft herum, bekam Fee zu packen und umklammerte sie mit seiner rechten.
      „Ihhh, du wolltest mich küssen! So eklig,“ entsetzte sie sich und spuckte zwei Mal auf den Boden. „Vergehst du dich an jedem der wehrlos ist?“
      „Wehrlos?“ Pixel hielt sie ein wenig fester und stand auf. Er beäugte sie schief. „Ich dachte du wärst tot. Das sollte eine Wiederbelebung werden.“
      „Tot und Wiederbelebung? Schwachsinn! Ich hab nur Tollwut.“
      Schnell ließ Pixel Fee los und wischte sich hektisch die Hände an der Hose ab. „Ist das ansteckend?“
      „Weiß nicht,“ sagte Fee und verpackte ihre Haare wieder in einen Dutt. „Auch egal. Komm jetzt. Steig auf. Wir müssen los!“ Sie packte Pixel mit beiden Händen am Ärmel und zog ihn Richtung Motorrad. „Etwas die Straße runter. Eine Tanke. Vielleicht ist er da. Der Schlawiner. Komm!“
      Sie plumpste auf den Sitz ihres Motorrads. Es war nicht groß genug für einen Menschen, aber ein kleiner Elf und eine noch kleinere Fee hatten genug Platz darauf. Die Lenker waren groß und geschwungen, sodass sie bis an Fees Sitzplatz reichten. Pixel entschloss sich ihr zu folgen, da er keine Lust hatte bei der Hitze zu laufen. So setzte er sich hinter sie und Fee startete den Boxer-Motor. Wo gerade noch das Motorrad war blieb nur eine große Staubwolke zurück.
      Pixel wusste nicht wie schnell sie fuhren, aber weil es ihm beinahe die Zipfelmütze vom Kopf wehte, war es für seinen Geschmack etwas zu schnell. Er hielt sie mit einer Hand und sich selbst am Sitz fest. Es war schwer zu atmen, weil der Fahrtwind die Luft an ihm vorbeischob. Wenn er doch mal einen Atemzug schaffte, hatte er meistens zusätzlich eine Prise Sand und Feenstaub in der Lunge. Er fragte sich, ob der Inhalt des Trinkschlauchs, den er noch am Gürtel trug, ihm wohl etwas den Rachen freispülen könnte. Eine wahrlich blöde Idee. Zum einen schoss die Flüssigkeit durch die Turbulenzen aus seiner Nase wieder heraus und verteilte sich in der Lunge, zum anderen schmeckte das dickflüssige Gesöff sehr widerlich.
      „Was ist in dem Schlauch?“, rief Pixel so laut er konnte Fee ins Ohr.
      Sie antwortete mit einem herzhaften Lachen.


      Ob sie noch etwas sagte konnte Pixel nicht mehr ausmachen. Der Lärm des Boxer-Motors wurde zu einem langen anhaltenden, melodischen Dröhnen, das in einer Dauerschleife immer wieder dieselben Noten spielte. Über die vorbeiziehende Kulisse legte sich vom Himmel bis zum Asphalt ein kräftiger Schleier aus orangenen Wolken, durch die Blitze aus rotfarbenem Laser zuckten. Pixel überkam ein vertrautes Glücksgefühl und wurde ganz locker. Die dröhnende Melodie spielte ihm ein bekanntes Wiegenlied, zu dem sich die Umgebung rhythmisch bewegte. Aus den Wolken tauchte jemand auf, den er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Er tanzte auf einem der Laserblitze und winkte Pixel mit seinem Rüssel zu.
      „Das ist das Fledermausland!“, trötete der pinke Elefant, der die feschsten Tanzmoves draufhatte, die Pixel je gesehen hatte. „Aber Vorsicht mein Freund. Vorsicht vor den Fliegen. Sie sind überall.“
      Der Elf brauchte eine Sekunde, um zu verstehen. Er drehte seinen Kopf langsam. Die riesige Schlange, auf der er ritt, wühlte sich durch die Wolken. Wie in Pacman jagte sie riesige Fliegen, die sie in einem Bissen verschlang. Überall um Pixel herum summte es, auch wenn sich keine Fliege in direkter Nähe befand. Er wollte, dass die Schlange alle Fliegen auffraß. Weil er kein Wort über die Lippen brachte, tätschelte er ihr auf den Rücken und zeigte in die Luft. Die Schlange sagte ihm etwas, aber es war Pixel egal. Er stellte sich auf ihre Schuppen und fing an zu rennen. Die Blitze zuckten noch um ihn, verkohlten manchmal eine Fliege und ab und zu tanzte der pinke Elefant auf ihnen. Pixel kam auf dem Kopf der Schlange zum Stehen. Die Aussicht war grandios. Durch die orangenen Wolken konnte man am Horizont einen Palast entdecken, der auf einer schwebenden Insel erbaut wurde.
      „Treibstoffmangel“, sagte die Schlange.
      Aus der Höhe kam etwas auf Pixel zugeflogen. Wie fixiert, ließ er es auf sich hinabkommen. Er kassierte den Schlag, der überdimensionalen Fliegenklatsche in sein Gesicht. Das Programm endete wie ein ausgeschalteter Fernseher.


      Als Pixel erwachte, dämmerte es bereits. Die orangenen Wolken waren verschwunden und vom pinken Elefanten fehlte jede Spur. Er lag auf einer Matratze, die jemand an den Straßenrand gelegt hatte. Direkt vor ihm ragte ein Schild in die Höhe auf dem „Route 66“ geschrieben stand.
      Der verkaterte Elf setzte sich auf, als er den Klang von Werkzeug in der Nähe hörte. Die Sonne stand tief, die Straße war leer und die verwachsene Tankstelle war klein und augenscheinlich verlassen. Neben dem Gebäude war ein aufgebocktes 46er Chevy Cabriolet, an dem Fee gerade einen Reifenwechsel durchführte.
      Pixel rappelte sich auf und schlenderte zu ihr hinüber. Die Umgebung war kahl und Wüste eben. Die zwei Zapfsäulen waren aufgebrochen und viele Scheiben des Tankstellenladens eingeschlagen.
      „Hey, Elf!“, begrüßte ihn Fee, als er neben sie trat. Sie legte den Kreuzschlüssel beiseite und klopfte sich den Dreck von den Händen. „Rausch ausgeschlafen?“
      „Was war da drin?“ Pixel nahm den leeren Trinkschlauch vom Gürtel und streckte ihn Fee entgegen.
      Sie hielt sich eine Hand vor den Mund und kicherte verlegen. „Verrat ich nicht.“ Fee nahm den Trinkschlauch und warf ihn lässig in das Cabrio. Gleichzeitig leuchtete der Chevy pink auf und schwebte von den Ziegelsteinen, die ihn getragen hatten, auf den Boden. Die pinke Aura um den Wagen verschwand wieder. Auf der Fahrerseite des Wagens saß jemand. Ein Mensch. Er hatte eine fahle Haut und schwarzes, leicht gelocktes, schulterlanges Haar. Sein Hawaii-Hemd war etwas löchrig. Vollständig regungslos starrte er Pixel an, den Kopf auf die Seite geneigt.
      „Oh, darf ich vorstellen.“ Fee deutete mit flacher Hand auf die Person. „Das ist Rango. Ihm gehört der Chevy. Und er will uns helfen. Rango, das ist Elf. Ein Freund von mir.“
      Rango zeigte keine Reaktion. Er starrte immer noch unbewegt Pixel an.
      „Fee, bist du sicher, dass der nicht tot ist?“
      „Kann sein. Macht ihn das zu einem schlechteren Menschen? Ich glaube nicht!“ Fee brüstete sich entsetzt, woraufhin der tote Mann einen Daumen nach oben zeigte.
      „Makaber,“ meinte Pixel nur.
      „Er weiß wo wir den Halunken finden. Er wird uns morgen fahren.“
      Die Leiche nickte bestätigend.
      „Na großartig. Solange ich endlich von hier wegkomme, soll mir alles recht sein.“
      „Hinter der Tanke. Rango sagt, da ist ein Pool.“ Fee deute hinter das Gebäude. „Wir wollen noch etwas entspannen. Kommst du mit, Elf?“
      Pixel zuckte mit den Schultern und meinte: „Warum nicht?“
      Rango öffnete unbeholfen die Fahrertür und humpelte aus dem Wagen. Er zeigte wieder einen Daumen nach oben.


      Es war wohl das ungewöhnlichste Nacktbaden der Geschichte. Ein Elf, eine Fee und eine Leiche, die nackt in einem Pool hinter einer Tankstelle in Arizona, den Sonnenuntergang genossen.





      Relics: Getragen vom Wind (TheMadZocker)



      Relics: Getragen vom Wind



      Säulen aus Marmor, Schätze aus Gold und Relikte, die ihre Götter priesen. All das ward das Markenzeichen des alten Griechenland. Wo Legenden im Sport geboren und Traditionen beibehalten wurden. Es waren Tage der Freude, Tage einer vielversprechenden Zukunft.
      „Das ist ein Desaster!“
      „Immer mehr entfernen sich von uns!“
      „Die Welt verfällt langsam ins Chaos...“
      Alle sprachen sie nacheinander. Erst mürrisch, dann rufend, dann nachdenkend. Die Stimmen vermischten sich alle untereinander, und doch war es ruhiger, als es einst mal war. Momos, jener mittig des großen runden Tisches stehend, schaute sich um und zählte die leeren Sitze. Eins, zwei... Einst waren es zwölf, die hier in der Chefetage des Olymp saßen, und heute sind es gerade einmal fünf, die verblieben.
      „Wieder mussten wir einen aus unseren Reihen entbehren, um unsere verlorenen Kinder und Verbündeten wiederzufinden. Bald sitzt hier keiner mehr!“
      „Hermes ist ein hervorragender Finder. Er wird uns bald frohe Kunde bringen, da bin ich sicher!“
      „Suuuuper, sieben Jahre sind auch noch nicht lang genug! Letztes Jahr hörte ich nämlich genau denselben Satz, und das Jahr davor auch, und das Jahr davor davor eben-“
      „Hermes verschwand erst vor zwei! Erzähl' also nicht so'n Quatsch!“
      Die optimistische Athena, und der streitlustige Ares. Momos konnte nur mit geschlossenen Augen seufzen. Als er danach zu Zeus im Zentrum des Tisches direkt vor ihm sah, dessen Sitz etwas erhöht auf einer Plattform aus Marmor weilte, konnte er sich weiterhin nur fragen, wie der oberste Gott nur mit seiner Wange auf seiner Faust abgestellt dasitzen konnte. 'Bemühe dich doch mal um Ruhe, großer Vater!“ rief Momos' Verstand.
      „N-nun lass uns doch lieber weitermachen, alles klar?“
      „Schnauze, Poseidon!“ riefen beide im Chor. Der Meeresgott ließ sich mit erhobenen Händen wieder in seinen Sitz fallen.
      „Und das alles ist sowieso nur deine Schuld!“ sagte Ares und deutete mit seinem Finger auf Momos. „Du standest der Verräterin Aello gegenüber, und was hast du getan!? Du und deine nutzlosen Moorsoldaten!? NICHTS!“
      So sehr Momos seine Männer gegen diese tiefe Beleidigung verteidigen wollte, gegen den Gott des Massakers und dabei einen der Großen Zwölf die Stimme zu erheben kann ein böses Nachspiel haben; für ihn und seine Männer.
      „Aber, aber, einem engen Freund gegenüberzustehen ist alles andere als eine leichte Aufgabe.“ erwiderte Aphrodite direkt mit sanfter Stimme und einer Hand auf Ares' Unterarm platziert.
      „Pah! Wenn er sie wie geordert weggesperrt hätte, wären wir jetzt nicht in diesem Schlamassel und hätten mehr Infos. Die Vorzeichen waren eindeutig!“ antwortete Ares und plumpste mit verschränkten Armen zurück auf seinen Stuhl.
      Momos ballte seine Hände zu Fäuste: „Großer Rat, ich kann Aello finden, ich kann-“
      Der Soldat sah Ares schon Luft holen, da donnerte auf einmal Zeus' Stimme mit einem lauten „Nein!“ durch den Raum. Endlich erhob sich der mächtige Donnergott, mit der Unterstützung seines Zepters und schritt die wenigen Stufen zum Tisch hinunter. „Aello zu finden bringt nichts, sie ist verloren.“ Momos tat einen Schritt zurück, seine Augen zuckten erst und rissen sich dann noch weiter auf. „Es ist wahr, dass wir unsere alten Verbündeten wiederfinden müssen. Doch wenn die Wurzel allen Übels vernichtet ist, bin ich mir sicher, dass alle verlorenen Seelen zurückkehren werden.“ So sehr Momos dagegen etwas sagen wollte, gegen das Urteil von Zeus anzukommen wäre unmöglich. Deswegen konnte er nur hoffen, dass der Donnergott recht behalten würde. „Legionär Momos, ich ziehe Euch von dieser Angelegenheit ab! Euer Urteilsvermögen ist eingeschränkt und lasst Euch zu sehr von Euren Gefühlen leiten. An Eure Stelle wird Hemera treten und damit Eure Einheit stellvertretend übernehmen. Um die Wiederbeschaffung der Relikte kümmern sich weiterhin die Pegasusritter; Aello zu jagen und ihr den Flammenring wieder abzunehmen wird zu ihren Aufgaben hinzugefügt.“
      Momos Herz blieb beinahe stehen.
      „Ich? E-ein Reservist!? Aber, großer Zeus, ich-“
      „Ich. Habe. Gesprochen!“ sagte er und ließ das Ende seines Zepters auf den Boden fallen, was einen lauten Donner durch den Raum hallen ließ. „Ich erkläre dieses Stammtischtreffen für beendet!“


      Sichtlich niedergeschlagen machte sich Momos zurück auf den Weg zu seiner Kaserne. Durch die meterhohen Flügeltüren aus Gold ging es hinaus in den riesigen Garten der Götter. Die weißen Stufen hinuntergelaufen ging es auch direkt zu einer Ansammlung mehrerer großer Blumenwiesen. Die zu Momos' Rechten war bestückt mit etlichen Dahlien, Vergissmeinnichte, Stockmalven, sowie vielen anderen Sommerblumen, die im hellen Licht des Olymp getränkt waren. Dazu noch viele Untergebene niedrigen Ranges der Streitmacht von Zeus, die alle konzentriert ihrer Gartenarbeit nachgingen.
      Mit gesenktem Kopf und schmerzendem Herzen ging Momos die Steingänge zwischen den Wiesen entlang. Das fröhliche 'Guten Morgen' eines Freundes, der gerade einige der verwelkten Blumen stutzte, überhörte er sogar. Der grimmige Blick Momos' verwehrte jenem Freund einen weiteren Versuch auf eine freundliche Begrüßung.
      Momos seufzte. Als er sein Gemach betrat, grüßte ihn die Dunkelheit, woraufhin er direkt eine Kerze anzündete. „Muss das?“ fragte eine genervte weibliche Stimme, gefolgt von einem Gähnen, was dem Kreischen eines Vogels gleichkam. „Die Sitzung ist nun einmal beendet.“ entgegnete Momos in einer ähnlichen Tonlage und trug die Kerze zum Ursprung des Geräuschs. Vom leichten Kerzenschein beleuchtet offenbarte sich eine Frau mit schwarzen Federn am Körper, sowie ebenso schwarzen Flügeln, langen violetten Haaren und Krallen als Hände und Füße wie ein Adler. Kopfüber hielt sie sich mit einem Fuß an einer Lanze fest, die oben auf zwei hölzerne Dachplanken platziert wurde, und mit dem Anderen eine halbleere Flasche Sekt. Ihre Arme baumelten lose vor sich hin, ihre Handrücken berührten den Boden.
      „Hasse mir was mitgebracht?“ fragte die Harpyie.
      „Nein.“
      „Das ist... schade.“ Beim Versuch, sich etwas zu richten, rutschte die Vogeldame plötzlich ab und landete mit dem Gesicht voraus auf dem Boden, die Sektflasche überlebte, verlor aber Flüssigkeit. „Uff.“
      Viel schien ihr das aber gar nicht auszumachen, denn nachdem sie sich langsam aufrichtete, nuckelte sie vergnügt weiter an der Flasche.
      „Und? Wie lief's?“ fragte sie irgendwann. „Beschissen!“ antwortete Momos energisch. „Bin nun Reservesoldat, Hemera übernimmt nun meine Position, und Aello wird von den Pegasusrittern gejagt.“
      „Wir dürfen also nicht... nach meiner Schwester suchen?“
      „Nein. Wir bleiben hier und polieren Rüstungen...“
      Momos setzte sich nun an seinen Schreibtisch und stellte die Kerze ab; r hatte gerade wirklich keine Lust, den großen Kronleuchter an der Decke anzuzünden. Seine Freundin Kelaino ebenso wenig, die gerade die letzten Tropfen aus der Flasche zog.
      Neben der Stille war nur noch das Tappen von Momos' Finger auf das Holz des Tisches zu vernehmen. Schneller und immer schneller tappte er, sein Gesicht verfinsterte sich, bis: „Pah! Ich werde doch nicht hier versauern!“
      Kelainos spitze Ohren zuckten. „Selbst nach den Worten des ach so krassen Big Boss?“
      „Zeus kann mich mal!“ antwortete er energisch. Ein breites Grinsen bildete sich auf Kelainos Gesicht. „Jawohl! Anarchieeee!!“ Im nächsten Moment flog auch schon die Flasche gegen die Wand und zerbrach in tausende kleine Stücke. Momos' Herz stoppte abermals und augenblickliche Stille hielt Einzug. Stille. Niemand reagierte, auch keine Stimmen von Außerhalb. Momos atmete erleichtert aus. „Müssen noch nach Katerini. Neuen Stoff kaufen.“ sagte Kelaino mit einem selbstgefälligen Grinsen. „Du bezahlst!“


      Auf der Erde war es Nacht. Die Straßen waren verlassen, leichter Wasserdampf stieg aus den Gullydeckeln hervor und die Laternen beleuchteten die Straßen.
      In einem alten Mazda fuhren Momos und Kelaino mit 30 durch die Nachbarschaft. Momos fröstelte etwas: „Scheißteil. Scheiß Winter. Müssen dringend mal das Gebläse reparieren lassen.“
      Kelaino unterdessen kuschelte sich in ihren grauen Hoodie; zusammen mit ihren Federn hatte sie einen ideal gewärmten Körper. „Memme.~“ entgegnete die Harpyie mit einem frechen Lächeln. Plötzlich knallte der Motor, doch kamen sie glücklicherweise nicht zum Stillstand. „Ich hoffe, du hast 'ne gute Haftpflicht...“ warf die Dame hinterher.
      Kurzerhand am Straßenrand geparkt, zog Kelaino sich die Kapuze ihres Hoodies über und ging mit dem Legionär zum Kofferraum, um in weiße Laken eingewickelte Gegenstände rauszuholen, die sie jeweils schulterten, als würden sie einen Camping-Ausflug machen. „Da lang.“ sagte Momos, Kelaino folgte und lief neben ihm her.
      Nicht allzu viele Schritte brauchten sie, bis sie eine Gruppe von Typen sahen, die direkt auf sie zukamen. Doch als das Duo unter den Schein der nächsten Laterne liefen, stoppten die anderen Junge abrupt und wechselten die Straßenseite. Die Befiederte schaute fragend hinterher, allerdings konnte sie erkennen, dass sie sich erst nach ihrem Anblick dazu entschieden, zu türmen. Momos musste schmunzeln. Das feine Gehör der Harpyie schnappte noch ein paar geflüsterte Worte auf, und ihre Fragen wurden beantwortet:
      „Haste die geseh'n!?“
      „Jo, die ist glatt 'n ganzen Kopf größer als wir, vielleicht sogar noch größer!“
      „Verdaaaaamt, über 2 Meter war die Frau also?“
      „Und ihre Haut erst: Genauso tot und grau wie ihr Hoodie!“
      Kelaino lachte sich ins Fäustchen; krasse Komplimente! Sie liebte es, wenn sie auf die Erde niederfuhr und allein durch ihre Präsenz ihre Ziele abschreckte.


      Am Friedhof angekommen und vorbei an einer halb zerrissenen Plakatwerbung für Schuldenrückzahlungen, schritten sie durch geöffnete Gittertüren. Dem Kiesweg entlang zu einer Holzhütte folgend, verschwendete Momos keine Zeit und klopfte an dessen Tür. Und kaum hat diese sich geöffnet, schoss ein Hund mit schwarzem Fell heraus und schmiegte sich an die Fußgelenke der Harpyie. Dem Hund folgend trat nun ein Mann in braunen Lumpen, einem ungesunden Buckel und einem klar sichtbaren Glasauge heraus. „Was wollt ihr?“ grüßte er mit einer rauen Stimme, die nur einem alten Mann gehören konnte. „Sehr freundlich...“ murmelte Momos. Kelaino allerdings winkte dem Alten zu und sagte mit einem Grinsen: „Juten Abend, Boris!“
      Der Mann, dem dieser Name offensichtlich gehörte, schaute zur großgewachsenen Vogelfrau auf. „Ah, ja. Kelaino. Und der Milchbubi hier vorne?“
      Momos machte sich gar nicht erst die Mühe, darauf einzugehen; immer wieder dasselbe. „Hör zu, Boris.“ sagte er und nahm seine Kappe ab, sodass sich seine mittellangen schwarzen Haare wieder in alle Himmelsrichtungen verteilen konnten. „Wir müssen in die Unterwelt.“
      „Aha, zum Hades. Ja ja, warum sollte man mir jemals aus Spaß an der Freude einen Besuch abstatten?“
      Murmelnd ging der mürrische alte Mann wieder in seine Hütte, während Momos mit verschränkten Armen auf ihn wartete und Kelaino und der Hund vergnügt ihre Nasen aneinander rieben.
      Aus der Hütte hörte man Glas zerspringen, einen Holzstab umfallen, eine Trittleiter öffnen und einen Boris, der nur Momente danach auf seinen Rücken fiel. Nja gut, die letzten beiden Ereignisse konnte Momos durch den leicht geöffneten Türschlitz erkennen. „Dann mal Abmarsch.“ sagte Boris, schulterte seine Schaufel und schloss die Tür schließlich von Außen ab.
      Boris ging humpelnd voraus, sein Hund lief neben ihm her und Momos und Kelaino bildeten das Schlusslicht. Momos seufzte hörbar, ob der Tatsache, dass der Zugang zum Hades so weit weg liegen musste. Ganz am anderen Ende des Friedhofs, verdammt! Die Entfernung war jedenfalls größer, als der Weg vom Auto bis zur Hütte. „Mecker nich'!“ rief Boris über seine Schulter, als wenn er die Gedanken des Momos lesen konnte. Der Blick des Legionärs versteifte sich wieder, ob der Bemerkung des alten Mannes.
      „Sind da.“ sagte Boris plötzlich, und das Duo des Olymp fand sich vor nacheinander verschlossenen Gittertüren wieder. Es waren 6, um genau zu sein, damit auch ja niemand in diesen Bereich vordringen konnte. Vom Gürtel löste der Totengräber seinen ekelhaft großen Schlüsselbund und ging die Schlüssel einzeln mit zittrigen Fingern durch. Momos seufzte abermals, Kelaino hockte sich unterdessen auf den Boden.
      Endlich durch alle Tore durch, umgab sie eine hohe Hecke, und ein einzelner Gang, der zu einem einsamen Grab führte. Es sah aus, als wäre es seit Jahren nicht gepflegt worden; der von Ranken überwucherte Grabstein hing auf halb acht und die weiße Vogelkacke war penetrant auffällig. Boris machte sich dran, die Erde des Grabes weg zu schaufeln. Kelaino war unterdessen wieder mit dem Hund beschäftigt.
      „Warum wollt ihr eigentlich zum Hades?“ unterbrach Boris plötzlich die Ruhe, die bisher nur von ein paar einsamen Krähen behindert wurde.
      „Wir wollen Aello finden.“
      Der Totengräber nickte leicht. „Ah, ja. Ich hörte von der Tragödie.“
      Momos zog eine Augenbraue hoch. „Ach ja? Woher?“
      „Heheh. Ein paar Pegasusritter belästigten mich schon um die Nachmittagszeit herum.“
      Stimmt, die gab's ja auch noch. „Aber ich konnte ihnen keine Antwort geben. Wie kommt ihr darauf, im Hades eine zu finden?“
      Momos machte eine kurze Pause, sorgend, dass Boris sie verraten würde. Aber er war niemand, der so aus dem Nähkästchen reden würde...
      Erst zögerte er. „...Tartaros.“
      Boris schmunzelte. „Der Herrscher der Unterwelt, also...“
      Die Sorge, es ihm verraten zu haben, nahm Momos langsam aber sicher ein, womit er erst nicht gerechnet hatte. Bis er irgendwann: „A-aber sag' den Olympier nichts darüber, ja?“
      „Heheh, dafür bin ich ein viel zu kleines Rad im Uhrwerk. Keine Sorge.“


      Die Erde ward endlich weg, und alle konnten sie die freigelegte steinerne Treppe hinunter. Dunkelheit überkam sie, nur der Inhalt beider weißer Laken gab ein schwaches Licht ab, sowie Boris' Fackel. Unten angekommen, entledigten sich die olympischen Streiter ihrer Straßenkleidung und öffneten die Laken. In Kelainos war lediglich ihre Lanze, ansonsten hatte sie nur leichte Unterbekleidung aus Stahl, die ihre empfindlichsten Stellen bedeckte. Momos hingegen hatte eine volle goldglänzende Rüstung, sowie einen Einhänder und einen Schild.
      „Ihr tut gut daran, so ausgerüstet hierhin zu kommen. Viele der Geister hier sind rebellisch.“ meinte Boris. Der Hund neben ihm wuchs um das Vierfache und gebar weiterhin 3 Köpfe, und sein Gebell kam nun dem rauen Schrei eines wilden Löwen gleich. Behielt aber neben den in Rot schimmernden Augen sein unschuldiges Lächeln bei. Die Köpfe richteten sich alle zu Kelaino, welche jeden einzelnen abwechselnd streichelte. „Jaaa, wir kommen ja bald zurück.~“
      „Platz, Zerberus!“ Der Hund gehorchte auf des Totengräbers Befehl.
      „Im tiefsten Punkt des Hades werdet ihr ihn finden. Erst über den grünen Fluss, dann hinter der roten Tür.“ sagte Boris und deutete in die ungefähre Richtung. „Viel Glück.“
      „Danke.“


      Den Fluss zu überqueren und durch die großen roten Flügeltüren zu kommen war leicht. Doch nun standen sie da, in einem mit Ketten dekorierten Raum, der ansonsten leer war. Lediglich ein tiefes Loch in der Mitte war da zu ihren Füßen, in das die Ketten hineinführten.
      „Ich werde lieber mit Tartaros rede-“
      „Daaaa bin ich dir voraus, mein Lieber!“ unterbrach Kelaino Momos und beeilte sich, einen Strick um ihren Speer zu binden. „Diese Beziehung neu aufzubauen ist wahrlich zu früh.“ schmiss sie hinterher.
      Beide überprüften sie zuletzt die Stabilität des Stricks am Speer. Als sie es für gut befanden, schritt Kelaino ein paar Schritte zurück, nahm Anlauf und befestigte mit einem kräftigen Speerwurf die Lanze an der Decke, und ließ danach den endlos scheinenden Strick das Loch hinunterfallen.
      „Bitte sehr.“ sagte die Harpyie und machte eine einladende Armbewegung, bevor sie sich auf ihre vier Buchstaben setzte. Momos machte sich auf.


      Die Geschichte des Amboss war also nicht gelogen, welcher neun Tage bis ganz nach unten brauchte. Momos brauchte sieben, um die Echos gequälter Schreie zu hören. Am zehnten Tag machte er die Quelle aus: Ringsum, am inzwischen geweiteten Loch, in den Wänden, waren Zellen mit unzähligen Seelen, die wie graue Leichen aussahen. Am 15. Tag war er endlich ganz unten angekommen. Momos schaute sich um. Die Fackeln an den Mauern entzündeten sich und offenbarten seinen Gastgeber. Alle Ketten, die mit dem Seil zusammen nach hier runter hingen, verliefen unter den steinernen Sitz seines Gastgebers. Stechende rote Augen schauten ihn ernst an, und eine Präsenz von beinlangen schwarzen Haaren erhob sich von seinem Thron. Das Knacken von brechenden Knochen begleiteten seine Bewegungen.
      „Hmmm...“ ein Raunen ging durch die Luft, Momos schluckte. „Besuch...“ Die Stimme war finster und tief, Momos tat einen Schritt zurück. „Möchtest du...“ Momos' Herz klopfte stärker. „... einen Tee?“
      „Äh...“ Momos fand nicht die Worte, um darauf zu antworten.
      „Na komm...“ führte Tartaros mit träger Stimme weiter aus und machte sich auf zu einem in Stein gehauenes Regal, in dem verschiedene Getränke und andere Substanzen standen, und jede seiner Bewegungen wurde von diesem Geräusch brechender Knochen begleitet.
      „Jasmin, Kamille, Pefferminz... griechischer Bergtee? Nein, zu gewöhnlich.“
      Der strahlende Olympianer konnte nur stillschweigend dabei zusehen, wie der Peiniger verlorener Seelen sich nicht auf eine Teesorte festlegen konnte; einen klaren Gedanken zu fassen war unmöglich. Und der Blick in seinen Augen veränderte sich nicht, doch statt ein eher ernstes Bild abzugeben, kombiniert mit dieser Stimme, würde er Tartaros' Blick nun als „“träge“ oder „müde“ bezeichnen.
      „Ah, Schafgarbentee. Wunderbar.“
      Das Aneinanderreiben von Gestein war zu vernehmen, und als Momos sich umsah, stand auf einmal ein Tisch aus Stein vor seinen Füßen.
      „Was, äh, also-...“ stammelte Momos. Er schüttelte den Kopf. „Gut. Tartaros, ich-“
      „Oh, wo bleiben meine Manieren. Nimm doch platz.“
      Ein kurzes Gefühl von Schwindel überkam Momos und taumelte nach hinten, nur um ohne einen Schritt zu tun auf einen ebenso steinernen Sitz fallenzulassen.
      „Woher-“
      Im Kopf des Legionärs herrschte gähnende Leere. Tartaros stellte inzwischen zwei Teetassen aus weißem Porzellan auf den Tisch und füllte sie mit heißem Wasser, bevor er schließlich die Teeblätter hinzugab. Die schwarzhaarige Gottheit nahm ebenfalls platz. „Weiter unten hab' ich auch Bäder aus Lava. Eignet sich hervorragend zum Nacktbaden. Wenn du also Lust hast...“
      „Nei-. *seufz* Hör mir kurz zu! Meine Zeit ist knapp.“
      „Oh...“ Tartaros senkte den Kopf. „Das... ist schade.“ Er nahm nun seine Tasse in die Hand. „Wenn man tausende Jahre lang nur verlorene Seelen zum Foltern nach unten geschmissen bekommt, sehnt man sich nach etwas... lebendigerer Aufmerksamkeit. Gute Gesprächspartner sind sie jedenfalls nicht...“
      Tartaros rührte seinen Tee um. „Also, was verdanke ich deine Anwesenheit?“
      Momos atmete noch einmal tief durch und versuchte, die Events von gerade zu vergessen. „Alles klar. Aello hat uns verraten, und wir wollen sie finden.“
      „Mhm, mhm.“ Wie ein geübter Therapeut entgegnete er mit zustimmenden Geräuschen die Probleme des Momos. „Gut... Wer war Aello noch gleich?“
      'Hab ich mich da gerade verhört?' dachte sich Momos. „Eine der Harpyien-Schwestern.“
      „Ach ja...“
      Tartaros schaute runter. „Du solltest langsam mal auf deinen Tee achten.“
      „Konzentrier dich!“
      „...Sorry.“
      Auf die laute Entgegnung Momos' kreischten die Seelen in ihren Käfigen lauter als sonst. Tartaros nahm eine der Ketten vom Boden, zog kräftig dran, und ein lautes Rumpeln ließ sie wieder sofort verstummen.
      „Und warum kommst du damit zu mir?“
      Ab diesem Zeitpunkt gab Momos auf, Tartaros' Erinnerungsvermögen zu vertrauen.
      „Deine Ketten erstrecken sich doch um die ganze Erde. Du weißt immer über alles Bescheid. Darüber hinaus hast du doch die längste Zeit mit den Harpyien zusammengearbeitet!“
      Kurze Stille kehrte ein, wo Tartaros Löcher in die Luft starrte. „Da ist was dran...“
      Und wieder rutschten Momos' Nerven in den Keller. „Ja, also... ich kann dir auch nicht sagen, wo Aello ist. Sorry...“
      „Was!?“ rief Momos und sprang auf, die Seelen schrien. Die Kette ließ sie abermals verstummen.
      „Jetzt beruhige dich.“ meinte Tartaros träge und drückte Momos von der Schulter aus zurück auf den Sitz. „Du musst dringend ruhiger werden. Hier...“
      Der Foltergott entfernte mit einem Löffel die Teeblätter aus Momos' Getränk und schob die Untertasse in seine Richtung. „Das hilft.“
      „Gib endlich Ruhe mit deinem Tee! Ich habe mir so viel von deinen Informationen versprochen! Du kannst mich doch jetzt nicht mit einem 'Ich hab nichts' abspeisen!“
      „Du tust ja so, als hätte ich das Sorgerecht für sie, und dabei war sie nur eine einfache Seelenjägerin, die mir alle zu Bestrafenden lieferte...“ Tartaros nahm einen Schluck. „Ich kenne zwar nicht den Aufenthaltsort von Aello, aber sehr wohl kenne ich deine Gefühle für sie. Aus diesem Grund... hat dich Zeus doch von diesem Fall abgezogen?“
      Momos erstarrte und schluckte, Tartaros fuhr fort: „Du bist auch hierher gekommen, weil du den Hades für ihr Verschwinden verantwortlich machst, nicht wahr?“
      Momos widersprach nicht. „Es gab zwar eine Zeit, wo Hades' Habgier die Runden über die Erde zog, doch seit Medusa ziert sein Antlitz die Tiefen Hallen als bloße Statue, und die Harmonie zwischen Olymp und Hades wurde wiederhergestellt. Kumpel, das is' nich' groovy von dir, yo!“ fügte Tartaros hinzu und drehte während des letzten Satzes seine Hand mit ausgestrecktem Daumen und kleinen Finger um die eigene Achse.
      „Wenn du Aello finden willst, suchst du am besten dort, wo sie als nächstes hin möchte.“ Der Herrscher der Unterwelt trank seinen Tee zu Ende und erhob sich zum Schluss.
      „Und wo, bitteschön?“ fragte Momos.
      „Kein Plan.“ Tartaros zuckte mit den Schultern. „Du kennst sie besser als ich, sie wird dir doch wohl irgendeine Art Hinweis gegeben haben.“
      Aellos Abschiedsworte hallten plötzlich wieder in Momos' Kopf, als sei er in einer Kirche: „Die Welt ist ein Tempel von Schätzen!“, und dann machte sie sich Richtung Osten auf...
      zurück in der Realität bemerkte er Tartaros neben sich mit seiner vollen Tasse Tee. „Du bist immer so aufbrausend... Du brauchst eine Balance, mein Freund.“ Und vom einen Moment zum nächsten berührten sich ihre Torsos und der Foltergott legte seinen Arm und Momos' Schultern, während er mit der anderen Hand sanft den Tee in des Legionärs Mund schüttete. Der Olympianer konnte nicht reagieren, ob der ungewöhnlich forschen Art des schwarzhaarigen Gottes. Erst, als die Tasse komplett leer war, konnte sich Momos hustend vom Griff seines Gegenübers befreien. Ketten raschelten, und abermals stand Tartaros neben ihm. Ein ruckartiger Druck verriet ihm, dass eine Kette fest um seinen Bauch geknotet wurde. „Damit kommst du schneller hoch.“ sagte Tartaros und ging direkt zu einer Umarmung über, bevor er leise in Momos' Ohr flüsterte: „Du bist mein einziger Freund...“
      Ein letzter Kuss an der Seite Seines Halses markierte Tartaros' Abschied. Momos wurde doch tatsächlich rot, wollte aber mit aller Kraft das eben geschehene leugnen. „Seh'n uns.“ sprach der Foltergott kurz mit einem Zwinkern und zog kräftig an einer der Ketten. Der Legionär schnellte nach oben, sodass er schon nach wenigen Sekunden den Sichtkontakt zu den sämtlichen eingesperrten Seelen verlor. Doch anstatt sich zu fragen, wie er nur schneller fliegen als fallen konnte, überlegte er, wie er diese Begegnung Kelaino schildern würde...
      I wasn't playing baseball, no!
      I wasn't playing football, no!
      I wasn't playing basketball, noo!
      I was playing Class War!

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    • Die LVA Trier (BadBadJellyBean)



      Die LVA Trier



      Augen auf. Zumindest eins. Das andere ist noch verklebt. Ich sehe meinen Atem. Frostblumen am Fenster. Es ist scheißkalt. Augenreiben. Beide Augen auf. Presslufthammer im Kopf. Guten Morgen! Ich krieche aus dem Bett. Schleppe mich Richtung Küche. Frühstück vielleicht? Kühlschranktür auf. Ich sehe: eine Karotte (verschimmelt), eine Flasche Doppelkorn. Dann halt ein Frühstückskorn. Runter damit und eine Aspirin dahinter.


      Wie viel Uhr ist es wohl? Ich hebe den linken Arm. Uhr weg. Ich hol mein Handy aus der Hosentasche. Akku leer. Zurück ins Schlafzimmer zum Ladegerät. Handy startet. 23 Benachrichtigungen. Spam - weg. Spam - weg. Mutter - weg. "Heute 14 Uhr LV". Wie viel Uhr ist es? 11 Uhr. Puh, noch genug Zeit. Dann erst mal aufs Klo.


      Hose runter. Hinsetzen. Und jetzt? Mein Handy ist im Schlafzimmer. Es wird langweilig. Meine Augen schweifen durch den Raum und bleiben an einer rosa eingepackten Klopapierrolle hängen. Ich greife danach und fange an zu lesen: "Prinzessin Lillifee Prinzessinnenpapier - Mit Rosenblütenextrakt und Aloe Vera. Perfekt für einen Prinzessinnenpopo". Ich halte kurz inne und durchsuche mein Gehirn nach einem Grund, warum ich so etwas besitze. Vielleicht die Putzfrau? Nein, kann nicht sein, ich habe keine Putzfrau. Einbrecher vielleicht? Scheint mir auch eher unwahrscheinlich. Ach ja, letzte Woche im Supermarkt gab es beim Ausgang einen Stapel mit kostenlosen Proben davon. Ich muss wohl eine Rolle mitgenommen haben. Praktisch, denn ich merke gerade, dass mein Papier leer ist. Taktischer Toilettenpapierrollenwechsel. Oh, tatsächlich sehr weich. So muss sich wohl die Queen fühlen. Auf jeden Fall besser als das, was ich sonst nutze. Das ist eher wie gehäckselte Zahnstocher. Aber das bekommt man wohl, wenn man Toilettenpapier bei der Arbeit mitnimmt.


      Genug Lillifee. Runter vom Klo. Duschen. Anziehen. Handy ist zu 23% geladen. Muss reichen. Aus dem Haus zum Kiosk an der Ecke. Der Kioskbesitzer spricht mich an:
      "Un, Karl-Heinz?"
      "Joa. Un bei dir?"
      "Joa. Das übliche?"
      "Joa."
      Damit ist das Gespräch beendet. Ich erhalte meine Bildzeitung, er sein Geld. In der Auslage erblicke ich ein Buch: "Von Russland nach Santa Maria delle Grazie - Meine Reise mit dem E-Scooter". Das neue Buch von Hape Kerkeling. Intelligenter Mann. Ich sollte mal mehr von dem lesen.


      Ich gehe weiter. Jetzt kommt der Hunger aber doch langsam wieder durch. Ich gehe in die nächste Bäckerei. Eine Biebelhausener Mühle. Wie alle Bäckereien. "Ein Streuselteilchen auf die Hand, bitte". Für 2,80 wechselt das Gebäckstück den Besitzer, stilvoll platziert auf einem pappenen Rechteck. Raus aus dem Laden. Hungrig nehme ich den ersten Bissen. Nachschauen, ob ich nicht die Pappe erwischt habe. Statt des Teilchens. Leider nicht.


      Ich versuche, mich durch visuelle Reize vom trockenen Mund abzulenken. Rechts von mir ist ein großes Schild: "Stadtstrand Trier: Nacktbaden erlaubt". Mein Blick wandert weiter und verweilt auf einem alten Wahlplakat, das so oft überklebt wurde, dass die neuen Schichten unter ihrem eigenen Gewicht abgeblättert sind. Auf dem Plakat ist zu lesen: "AfD - Mit uns kommt der Weihnachtszauber wieder zurück nach Deutschland". Ich schaue mich um und muss zugeben, dass es schon weihnachtlich aussieht mit dem Schnee überall. Diese Pracht Mitte Juli zu erleben, ist zwar ungewöhnlich, aber nichts desto trotz haben sie schon ihr Versprechen gehalten. Allgemein konnte man nach der Wahl 2020 nicht sagen, dass sie sich nicht an ihre Versprechen gehalten hätten. Ich selbst habe meine Arbeit als LVB auch nur durch die Verfassungsänderungen bekommen können.


      Ich ziehe meine Marke aus der Tasche und betrachte die Aufschrift in altdeutscher Schrift: "Lebensverkürzungsbeamter". Darunter meine Dienstnummer: 5569332E. Das Leder darunter ist schon leicht abgewetzt. Wie lange mache ich das ganze schon? 10 Jahre? Nein, 15 Jahre. Es war 5 Jahre, nachdem die AfD mit 80% der Sitze in den Bundestag einzog. Ein paar Grundgesetzänderungen später war die Todesstrafe wieder eingeführt. Oder besser gesagt die Lebensverkürzung eingeführt. Ich war Anfang 20 und ohne Job. Da kam mir die Arbeit gelegen. Und nun mache ich das schon seit *PLATSCH*.


      Ein Schneeräumfahrzeug hat mir gerade eine große Ladung Schneematsch übergeschaufelt. Ich stehe erstmal da und weiß nicht so recht, was ich mit der Situation anfangen soll. Auf einem Dach gegenüber krächzt ein Rabe. Oder lacht er? Mein Teilchen liegt auf jeden Fall im Schneematsch. Sieht immer noch trocken aus im Gegensatz zu mir. Mir ist kalt. Ich entscheide mich, zur Arbeit zu gehen.


      Zehn Minuten später stehe ich zitternd vor einem großen Betonkasten, nicht unähnlich einem IKEA. Über dem Eingang thront die Aufschrift "Lebensverkürzungsanstalt Trier" in riesigen Lettern. Ich gehe hinein. Hier ist es wenigstens warm, wenn auch nicht viel gemütlicher. An der Pforte muss ich meine Marke gar nicht mehr vorzeigen. Ich mache es trotzdem. Wirkt offizieller. Den Gang runter rechts. In die Umkleide. Nasse Klamotten aus, trockene Uniform an. Naja, die Unterhose ist immer noch nass. Was soll man machen.


      Meine erste Aufgabe heute: Letzte Mahlzeiten aufzeichnen. Während ich an den Gefängnisgittern vorbei gehe, höre ich ab und an die Rufe der Insassen:
      "Kerkermeister!"
      "Mörder!"
      "Marionette!"
      Die meisten bekomme ich gar nicht mehr mit. Vor Zelle 512C bleibe ich stehen. Hinter der Türe erwartet mich ein älterer Syrer. Er muss schon länger hier sein. Ich richte mich auf und frage: "Letzte Mahlzeit?" Der Mann schaut mich kurz etwas traurig an, antwortet dann aber: "T-Bone-Steak mit Pommes und Coca Cola." Ich kreuze an: "Kassler mit Püree und Sauerkraut, dazu ein Bier." Türe zu. Auf zum nächsten. Nach fünf Minuten habe ich alle Zellen besucht. Sechs mal Kassler, drei mal Bratwurst.


      Auf dem Rückweg schaue ich noch mal ein wenig umher. Früher haben die Insassen diesen Gang "Green Mile" genannt. Heute ist es aber nur noch bekannt als der Grüne Kilometer. Anglizismen sind nicht mehr gerne gesehen.


      Einen weitern Gang entlang und dann links und ich bin in der LV-Zentrale. Meine Kollegen grüße ich mit einem kurzen Nicken und setze mich an mein Pult. Durch die Glasscheibe vor mir sehe ich den noch leeren Raum. Fast leer. In der Mitte steht ein Stuhl mit verschiedensten Lederbändern. Den Anblick mochte ich noch nie. Ich schaue lieber auf das Pult vor mir. Auf den großen roten Knopf in der Mitte. Und dann auf den kleinen grünen daneben. Was der wohl macht? Das frage ich mich schon seit Jahren. Jetzt fragen wäre aber peinlich.


      Der große rote Knopf ist schon besser als früher. Ich war ja dabei, als die neuen LV-Methoden ausgetestet wurden. Das war nicht immer schön. Wir hatten ja nicht so viel Erfahrung damit. Deshalb hieß es ausprobieren. Von traditionellen Ansätzen wie Spritzen und Strom bis hin zu etwas exotischeren wie Duellen bis zum Tode. Die Idee mit dem großen Stein hat besonders viel - wie der Amerikaner sagen würde - Splatter verursacht. Heute ist da nur noch der rote Knopf. Ich starre auf den Knopf.


      Eine Bewegung im Raum vor reißt mich aus der Trance und zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Zwei LV-Beamte bringen einen recht dünnen Mann mit dunklerer Haut in den Raum. Die Hautfarbe kann ich nur an den Händen festmachen, denn über den Kopf des Mannes ist ein schwarzer Stoffsack gestülpt. Die Beamten bringen den Verurteilten zum Stuhl und beginnen, ihn mit den Lederriemen festzubinden. Verurteilter. Zu was wohl? In seiner Akte wird wahrscheinlich so etwas wie "Vergewaltigungen" oder "Ehrenmord" oder so stehen. Für sowas sind die ja bekannt.


      Eine halbe Minute später ist der Mann fest verzurrt und die Beamten verlassen den Raum. Ich warte darauf, dass das Licht an der hinteren Wand von rot auf grün springt. Dann soll ich den roten Knopf Drücken. Grünes Licht. Roter Knopf. Idiotensicher. Wenn denn das Licht mal endlich grün würde. Das dauert aber lange. Der Mann auf dem Stuhl beginnt zu zappeln und sich zu winden. Er will sich aus den Fesseln befreien. Das ist unwahrscheinlich. Aber durch sein Ziehen und Winden beginnt sich der Sack auf seinem Kopf zu bewegen. Langsam aber sicher kommt das Gesicht zum Vorschein. Kann das nicht mal grün werden?


      Unter der Haube verbirgt sich das Gesicht eines recht jungen Mannes, kaum 18 Jahre alt. Seine Gesichtszüge sind verzerrt vor Anstrengung, seine Augen geschwollen vor Tränen. Aber so viel er sich auch windet, die Riemen geben nicht nach. Ich sehe den verzweifelten Blick in seinen Augen. Es ist, als ob er mir genau in die Augen schaut. Aber das kann nicht sein. Für ihn ist das nur ein Spiegel. Und trotzdem kann ich mich nicht von seinem durchdringenden Blick abwenden. Als ob er mir etwas sagen wollte. Als ob...


      "Karl-Heinz! Schläfst du?", ruft mein Kollege. Das Licht ist grün. Ich drücke den roten Knopf. Zap. Ein heller Blitz. Der Mann ist weg. Atomisiert. Wie die Augen. Die sind auch weg.


      Der nächste kommt rein. Licht grün. Zap. Nächster. Grün. Zap. Nächster. Grün. Zap. Feierabend. Umziehen. Bus nach Hause. Wohnungstür auf. Kühlschranktür auf. Korn auf. Und runter damit. Runter damit. Runter. Ins Zimmer torkeln. Aufs Bett. Augen zu.


      Ein neues Paar Augen schaut mich an. So eines von vielen. Aber diese hier sind neu. Das wird eine lange Nacht.





      Keine Panik! (pondo)



      Keine Panik!



      Im dunklen Zimmer hing die Lampe tief über dem Wohnzimmertisch und warf einen einsamen Lichtkegel darauf. Kuno saß vornübergebeugt auf der Stuhlkante, die Ellbogen auf die Tischplatte gestützt, und umklammerte seine Teetasse. Hände und Tasse ragten knapp in den Lichtschein, sein Gesicht lag im Dunkeln. Ebenso seine Gedanken. Sie kreisten um die vergangene Nacht.


      Kuno hatte in seinem Bett gelegen und schon fast geschlafen, als diffuse Klopfgeräusche sich unter seinen geschlossenen Lidern hindurch in seine Wahrnehmung geschoben hatten. Zunächst hatte er es ignoriert, sein rechtes Ohr verkrampft ins Kissen gedrückt und den Krach auf die Großstadt und betrunkene Hausnachbarn geschoben, und sich nach einer ruhigen Minute wieder entspannt. Aber dann ertönte dieses Klopfen wieder, lauter und dringlicher dröhnte es vom Hausflur her. Daraufhin stand Kuno mit einem Kribbeln im Nacken auf, warf sich ein altes T-Shirt über und ging zur Tür, ganz leise, und linste durch den Türspion.
      Ob jemand Hilfe brauchte?
      Niemand war zu sehen.
      Kuno seufzte auf. Er zog sich wieder aus, schob im Bett die Decke beiseite, für die es eh viel zu heiß war, und versuchte, wieder einzuschlafen. Erfolglos. In der nächsten Viertelstunde warf er sich hin und her, unfähig, die richtige Position zu finden. Erst schmerzte seine Schulter, dann konnte er auf dem Rücken liegend schlechter atmen. Sein Kissen warf er angewidert fort, weil der Geruch nach altem Schweiß ihm in die Nase stach, und starrte sodann an die Decke. So lag er da. Versuchte, das Laken nicht zu beachten, das ihm am Rücken klebte. Und konnte nichts dagegen tun, dass die Schwüle ihm einen dünnen Schweißfilm auf die Stirn trieb.
      Stille herrschte.
      Dann: Ein Poltern. Kuno ruckte auf und lauschte, als ahnte er es. Im Hausflur, auf seiner Etage klopfte jemand an die Türen. Schweißtropfen rannen ganz langsam seinen Rücken hinab. Er hörte in der Stube die Uhr zur vollen Stunde schlagen –
      BUMM. BUMM. BUMM. Jemand hämmerte jetzt an seine Wohnungstür. Kunos Herz schlug ihm in den Hals. Er sprang aus dem Bett, schlich zur Küche, nahm sich ein Messer. An der Tür guckte er erneut durch den Spion, doch wieder: war nichts zu sehen außer totaler Finsternis. Er harrte aus, horchte. Ihm war, als hörte er ein fernes Schnaufen, doch einige Momente später vernahm er ein entferntes Klopfen, einem erlösenden Trommelspiel gleich, das von irgendwo anders her durchs Haus drang. Mit leicht zitternden Gliedern lehnte er sich rücklings an die Tür und atmete auf. Vielleicht war es ein Stadtstreicher gewesen, der auf der Suche nach Hilfe und jetzt weitergezogen war. Er legte das Messer auf den Nachttisch, und als er wieder ins Bett stieg, fuhr ein kühler Luftstoß über seinen Körper. Obwohl er schweißbedeckt war, hatte er Gänsehaut bekommen. Sein Herz pochte. Nur allmählich gelang es ihm, wieder herunterzufahren und in einen Dämmerschlaf hinüberzugleiten. Als schließlich ein Vogel in seinem Kopf zu singen begann und er die Umwelt kaum noch wahrnahm … Da hörte er ein Rauschen. Wasser in einem Abfluss gurgeln.
      Kunos Augen flogen auf.
      Sein Herz pumpte wildes Blut in die Aorta, seine Ohren registrierten jede Nichtigkeit – in der Küche floss Wasser, in seiner Küche floss Wasser. Jemand drehte den Hahn just wieder zu. Und da waren Schritte. Die Schritte wurden schneller. Sein Herz verkrampfte sich, sein Brustkorb schnürte sich zu. Etwas knallte an die Tür, Kuno versuchte, sich aufzurappeln; die Tür zum Zimmer flog krachend auf, er fiel rücklings vom Bett, panikverzerrt blickte er sich um, doch – nichts.
      Kraftlos sank er, das Bein halb verdreht, zurück auf den Boden. Er war wieder einmal hereingefallen, hereingefallen auf seinen Kopf.
      Mühsam war Kuno wieder aufgestanden, hatte in die Küche und im Flur nach Fußabdrücken gesehen und sich schließlich eine Überdosis Whisky reingeschüttet. Trotzdem hatte ein lächelnder Toter in der Badewanne gesessen, ihm quer über den Flur beim Saufen zugesehen und zugewunken. Kuno hatte ihn nur angeblinzelt und sich wieder der Flasche zugewandt. Als die Flasche ausgetrunken war, hatte Kuno deliriert – und der Tote ihm noch eine gute Nacht gewünscht.


      Und jetzt saß er hier am Tisch. Der Tag war beschissen gewesen, er hatte unter Schlafmangel und extremem Kater gelitten und nichts geschafft, außer am Vormittag mit Fred zu telefonieren. Bei ihm konnte er sich entlasten, wenn sein Kopf ihm Streiche spielte, auch wenn es ihm peinlich war. Fred war seit dem Kindergarten sein bester Freund und mit ihm seither durch dick und dünn gegangen. Fred hatte all die Wirrnisse seiner Krankheit miterlebt und ausgehalten, ihn vor Mitschülern verteidigt und aus brenzligen Situationen gerettet. Dafür war Kuno ihm unendlich dankbar. Aber letztlich musste er alleine zurechtkommen. Nur waren die Attacken in vergangener Zeit schlimmer, nicht besser geworden.
      Er nippte an seinem Tee und stierte auf das kleine Döschen, das ihm gegenüber auf dem Tisch fast außerhalb des Lichtscheins stand. Zelarzephrin stand darauf geschrieben.
      Kuno hatte es mit Antidepressiva, Hypnose und Globuli versucht, war schon ein Dutzend Mal medikamentös neu eingestellt worden und eine Zeitlang der Ansicht gewesen, dass Drogen ihm halfen. Nach einer langen Opioidkrise hatte er jedoch einsehen müssen: Das Chaos in seinem Kopf brach sich immer wieder Bahn. Das Einzige, was half, die Dämonen auszusperren, es war – Zelarzephrin.
      Gut eine Stunde saß er am Tisch und starrte auf das kleine Döschen, hörte die Wohnzimmeruhr ticken und fühlte die stickige Schwüle, die sich noch nicht in die Sommernacht verabschiedet hatte. Was soll’s, dachte er schließlich. Was soll’s! Scheiß drauf! Eine halbe Zelarzephrin, auf die Couch und die Glotze anschalten. Er drehte das Döschen auf, nahm vorsichtig eine Tablette heraus, zerteilte sie und spülte die eine Hälfte mit dem Restschluck kalten Tees hinunter. Die andere Hälfte steckte er in seine Hemdtasche. Dann legte er sich auf die Couch und nahm die Fernbedienung in die Hand.


      Noch während er durch die Programme zappte und allenthalben berühmte Arschgeigen sah, die peinliche Scheiße im Fernsehen machten, merkte er, wie wenig Lust er hatte, sich dem Diktat des Müßiggangs zu beugen. Es trieb ihn hinaus, in die Welt, es war eine wundervoll laue Sommernacht! Auf dem Balkon sog er den nächtlich süßen Duft der Verheißung ein, dann schlüpfte er in seine Schuhe, ging die Sonnenallee hinab und sah, wie sie ihn anlächelten, die Frauen, die Männer, einfach alle. Es war eine wunderbare Nacht, eine, in der man spürte, dass alles richtig war. Der Späti-Verkäufer schenkte ihm sogar ein Bier, ein Prost auf diesen Hochwohlgeborenen! Und die BVG fuhr ihn, wohin er wollte, also fuhr er zum nächsten Freibad. Dort angekommen staunte Kuno nicht schlecht, wie hoch der Fernsehturm über den Alexanderplatz ragte, als würde er die Sterne kitzeln, und fragte sich, wieso dort oben nur gespeist werden konnte. Noch während er sich den Schlüpper vom Leib zog, dachte er, dass es das aufregendere Angebot wäre, unter diesem schönen Sternenhimmel einen Bungee-Sprung in 203 Meter Tiefe machen zu können. 203 Meter! Wie dem auch sei – er war beim Schwimmbecken angelangt. Was konnte man in einer heißen Sommernacht Besseres machen, als nacktbaden zu gehen? So stieg er ins Wasser, tauchte einmal im kalten Nass unter und legte sich dann mit den Schultern an den Beckenrand und trank genüsslich von seinem Bier. Er planschte ein bisschen herum, dann zog er sich aus dem Wasser und setzte sich auf die Betonfassung des Beckens. Ein paar süße Mädchen gesellten sich zu ihm und luden ihn ein, mit ihnen doch tanzen zu gehen. Im Berghain oder Q-Dorf, ganz egal. Aber hey du, fragten sie ihn, ob du verfroren seist und es dir gutgehe? Aber er hatte Medizin in Flaschenform dabei und nahm lächelnd ein paar Schlücke vom Bier, und so war das kein Problem. Gemeinsam tanzten sie die ganze Nacht.
      Als die Sonne die wunderschönsten Farben an den Horizont malte, setzte er sich wieder in die Straßenbahn und lächelte gerade der Morgensonne entgegen, da fiel ihm ein, er musste Sheila im Kindergarten besuchen, das hatte er seiner Nichte versprochen. Als er dort ankam, sagte die Kindergärtnerin Susi ihm, dass er zwar ein prachtvolles Glied habe, dass aber Sheila heute nicht komme. Und gerade, als er sagen wollte, dass er einfach warte, bis Sheila auftauchen würde, stürzte Fred in den Empfangsraum und packte ihn am Arm. Kuno entschuldigte sich noch wortreich, als Fred ihn hinauszog, dass er offenbar nicht bleiben könne, und dann, ja dann wurde er sehr müde.


      Am Morgen erwachte Kuno in seinem Bett. Sein Kopf brummte, davon abgesehen ging es ihm gut. Nur beim Versuch, Ordnung in die Erinnerungen an den gestrigen Abend zu bringen, wurde ihm etwas mulmig in der Magengegend. Er nahm sein Handy und wählte Freds Nummer, sich vage erinnernd, dass dieser ihn heimgebracht hatte. Fred ging ran.
      »Hey …«, sagte Kuno.
      »Moin«, sagte Fred in unbestimmtem Ton.
      »Ich, also …«, sagte Kuno.
      »Du hast dich medikamentiert, hm?«, fragte Fred.
      »Ja.«
      »Mann Kuno. Du weißt doch, dass das scheiße ist.«
      »Ich hatte eigentlich einen ganz guten Abend«, sagte Kuno zögerlich.
      Es ertönte ein Seufzen am anderen Ende der Leitung. »Du weißt nichts mehr, ja? Du hast mir von deinem ›ganz guten Abend‹ erzählt, als ich dich nach Hause gebracht hab.«
      »Na ja, ich weiß schon noch grob …«
      »Kuno. Du hast dich auf dem Alexanderplatz nackt ausgezogen, warst im Brunnen schwimmen und hast, nach wie vor nackt, Mädchen belästigt. Du hast geprahlt, dass du nie krank würdest, was von Eigenurintherapie geredet und in eine leere Bierflasche gepisst und daraus getrunken. Danach hast du sie bis zur nächsten Kneipe verfolgt, in der sie Zuflucht gesucht hatten – vor dir, wohlgemerkt –, und als der Türsteher dich nicht reingelassen hat, bist du in die nächste Schwulenbar gegangen und hast dort an der Stange getanzt. Ein Wunder, dass du da nicht rausgeflogen bist.«
      Kuno spürte, wie sein Handydisplay am Ohr feucht und rutschig wurde.
      »… und dann bist du nackt im Kindergarten deiner Nichte aufgetaucht und hast die Kindergärtnerin ermuntert, sich auch auszuziehen und sich doch mal deinem Ding zu widmen, statt den Kindergartenjungs. Du hast ihr gesagt, dass du auch gerne mal von ihr gewindelt werden würdest, wenn sie wisse, was du meinest. Und hast dabei gegrinst wie ein Affe. Du hast die Kids liebevoll ›die kleinen sprechenden Pilze‹ genannt, und dann über deine eigenen Witze über ungewollte Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten mit Eigenleben gelacht.«
      »Oh … nein.«
      »Ja, oh nein. Mann Kuno! Du kannst froh sein, dass die dich nicht wegen Exhibitionismus oder dergleichen hops genommen haben!« Fred klang hilflos. »Die Kindergärtnerin hat mich dann gerufen, war ja auch nicht das erste Mal!

      Kuno?«
      »Ich meld mich später«, erwiderte Kuno tonlos, und legte auf.
      Das war ein Tiefpunkt. Zelarzephrin machte ihn ungehemmter, das wusste er wohl, aber das … Er schlug die Bettdecke beiseite. Schmerzen der Scham drückten hart in seine Eingeweide, eine Weile konnte er sich nicht rühren. Musste er seine Schwester anrufen? Wie sollte er Susi je wieder in die Augen sehen können? Schließlich war sie allein der Grund dafür, weshalb er Sheila so gerne in den Kindergarten brachte und –
      Wasser lief, er hörte das Rauschen im Waschbecken. Jemand hatte das Wasser in seiner Küche angestellt. Oder war es schon die ganze Zeit aufgedreht gewesen? Kuno hörte ein Klirren und erstarrte. Als sei etwas in seinem Kopf zerbrochen. Gänsehaut jagte über seinen Körper. Er sog zwanghaft ruhig die Luft ein, atmete aus und ging dann langsam in die Küche.
      Der Wasserhahn lief nicht. Er drehte sicherheitshalber am Hahn, da hörte er ein Trippeln. Als er zum Flur blickte, sah er, wie eine kleine, gedrungene Person davonhuschte. Das Trippeln verflüchtigte sich zunächst. Dann hörte er es vom Stockwerk über ihm.
      Er ging wieder zurück in sein Schlafzimmer, konnte sich aber nicht mehr hinlegen. Er hörte ein Tapsen, die Kühlschranktür schlagen, wieder Wasser rauschen. Kuno drückte sich die Hände auf die Ohren und setzte sich mit geschlossenen Augen auf die Bettkante. Blieb eine lange Weile so sitzen. Und spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Er hatte das nicht verdient.
      Irgendwann stand er auf, wärmte sich sein Kirschkernkissen für den Nacken und legte sich wieder ins Bett, krampfhaft im Versuch, alle Gedanken zu verbannen. Er fiel in leichten Schlaf und zuckte doch schon wenig später hoch, als ihm aus der Ferne eine Explosion in die Ohren schoss. Er horchte auf, dann begann sein Bett zu ruckeln und zu beben. Kuno drückte seinen Rücken auf die Matratze, den Kopf aufs Kissen und presste die Augen zusammen. Als er ein Schnaufen neben sich hörte, presste er die Augen noch fester zusammen und biss die Zähne aufeinander, fing vor Wut an zu weinen und konnte einen gepressten, kehligen Aufschrei nicht unterdrücken. Eine metallische Faust schnitt ihm die Luft ab, sie schloss sich um seinen Hals und drückte ihm die Luftröhre zu. Er japste, riss die Augen auf, sah einen Schemen über sich, blinzelte zweimal – und da war der Schemen verschwunden, sein Bett wieder ruhig. In einem Augenblick der Totenstille glotzte Kuno ins Leere, dann sog er gierig die Luft ein. Die Anspannung im Kiefer ließ nach, mit abklingendem Zahnschmerz drehte er seinen Kopf zum Nachttischchen. Tränenverschmiert blickte er zum Döschen Zelarzephrin. Nahm es, schraubte es auf, warf zwei Pillen ein. Raus, nur raus, war sein einziger Gedanke, nur raus aus dem Schneider, als er sie enthemmt zerkaute.
      Kuno atmete auf. Augenblicklich verzogen sich die Wolken und gaben den Blick auf die Sonne frei. Es würde ein wunderbar sorgenfreier Tag zu Hause werden, dachte er noch, und spürte das Zelarzephrin schon hinter den Ohren und in seinen Knien.


      Er würde sich nur noch eine Mate kaufen. Mit einem Sprung aus dem Bett war Kuno wieder auf den Beinen, auf der Straße, hörte, wie die Vögel ihm ins Ohr zwitscherten, und sah, wie die Uteri all der hübschen Mädchen ihn anstrahlten. Freunde der Sonne, wäre es nicht schöner, unbekleidet durch die Welt zu gehen? Doch nein, dachte er, die Unterleiber, sie triggerten sein Unterbewusstsein an. Wieso? Dankend nahm er den Schwarztee vom Händler entgegen und schlenderte weiter. Ein Hauch spielte ihm um die Nase und plötzlich wusste er, wohin die Uteri ihn wiesen. Nach einem Taxi schreiend, fuhr er auch schon in die richtige Richtung – der Taxifahrer hatte ihm einfach dessen Taxi überlassen, die Welt konnte ein so gastfreundlicher Ort sein! Als er vor der Praxis von Dr. Gleimstein stand, legte er sein Haar zurecht und wischte sich noch ein bisschen Flüssigkeit von der Kleidung. Dass es auch schon wieder so ein heißer Sommertag war.
      »Chrm. Chrm-chrm. Chrm«, seine Stimme taugte. Er ging hinein, grüßte die Assistentin des Gynäkologen und sie hieß ihm, ins Behandlungszimmer zu gehen. Susi würde dort sein – wie es in ihrem Kalender gestern angemarkert gewesen war. Wundervoll! Kuno straffte den Rücken, streckte die Brust raus und betrat in freudiger Erwartung das Behandlungszimmer – doch das war nicht Susi, die ihn mit ihren Beinen im Stuhl wackelnd zu sich bat. Er drehte sich um und wollte verschwinden, ein bisschen Pietät musste ja sein. Doch Dr. Gleimstein hielt ihn fest, redete auf ihn ein und wollte ihn nicht gehen lassen. Dafür konnte es nur einen Grund geben – hatte der gute Mann etwa von seinen Zaubertricks gehört …? Verzückt nahm Kuno Spekulum und OP-Schere und zeigte ihm, wie er Menschen verschwinden lassen konnte! Zack! Dem neidvollen Gekreische aus dem Publikum brauchte ein bescheidener Mann nicht lauschen, und so verschwand er mit einem Lächeln und geworfenen Kusshänden aus der Praxis. Ihm war nach Tanzen und fremden Menschen, nach kühlem Bier und schöner Gesellschaft.
      Aber nach einem herrlich befreiten Tag sorgte er sich allmählich doch. Dunkel war es inzwischen geworden. Die Zelarzephrindosis, dämmerte ihm, erreichte seine präfinale Phase. Er lächelte. Wären nur alle Tage so lasterlos wie dieser. Jedoch war Susi nicht zu ihrem Arzttermin erschienen, ob ihr etwas fehlte? In diesem Augenblick versuchte Fred anzurufen, doch Kuno drückte ihn weg und machte sich auf den Weg. Das Taxi war ihm abhandengekommen, doch ein Autofahrer ließ sich überreden.
      Vor Susis Haus angekommen, ausgestiegen, sah Kuno, dass ihre Rollläden heruntergelassen waren. Er klingelte trotzdem. Wie spät konnte es schon sein? Ums Haus herum führte ein Weg in den Garten, und von dort sah er, dass bei manchen Fenstern das Rollo nicht geschlossen war und schwaches Licht brannte. Er sammelte ein paar Steinchen auf und warf sie gegen dasjenige Fenster, hinter dem er Susi vermutete. Er warf Stein um Stein, und – wie schön! – schließlich sah er eine Silhouette hinter der Scheibe.
      »Susi?!«, rief er. »Susi! Ich muss dir etwas sagen! Etwas Wichtiges! Susi?!«
      Die Gestalt hinter der Scheibe öffnete das Fenster einen Spalt, bis Susis entgeistertes Gesicht darin erschien.
      »Susi! Ein Glück, dass es dir gutgeht!« Mit stolzgeschwellter Brust ließ Kuno sich auf ein Knie sinken. »Susi! Es mag verwirrend klingen, aber, aber!, ich werde nicht länger hinterm Berg halten damit!« Kuno hörte verzückt, wie die Sirenen seiner Liebe durch die Nacht hallten. »Susi, es wird dir nicht neu sein! Aber –«, Kuno räusperte sich, er musste jetzt laut rufen, so laut waren die Sirenen, »– aber es war kein Zufall, dass ich Sheila ständig in den Kindergarten gebracht habe!« Ein kleiner Tumult brach aus, als ein kleines Publikum um die Ecke und in den Garten hinein eilte. Blau blinkendes Licht erhellte die Szenerie. Kuno sog die Sommerluft ein, stand auf und breitete die Arme aus. Alles war so eindringlich, so ergreifend.
      »Susi!«, rief Kuno inbrünstig. »Susi, ich liebe dich! Ja, ich liebe dich! Und ich werde immer für dich da sein, immer! Es wird keine – KEINE! – Typen mehr geben, vor denen du dich fürchten musst! Du –«, er brüllte jetzt über aufkommendes Stimmengewirr hinweg, »du brauchst NIE WIEDER ANGST ZU HABEN! Ich werde dich beschützen und –«, da drängte sich jemand an ihn heran, ein Mann in Uniform wollte ihm gratulieren, doch er riss sich los, »und ich werde dich immer unterstützen!« Die Menge war so begeistert, geradezu lautstark jubelnd, dass sie sich um ihn scharten und ihn zurückdrängten. Kuno versuchte, sich zwischen ihnen Gehör zu verschaffen, sich durch sie hindurchzuwinden, hin zu Susi –
      »SUSI!«, schrie er, »DU KANNST AUCH IMMER DIE HOSEN IN UNSERER BEZIEHUNG ANHABEN! ICH KOMME DAMIT KLAR, DASS ICH –«, autsch!, jemand hatte ihn geschlagen, sicher ein Versehen, er riss sich abermals los und stürmte zum Fenster, doch jemand schlang einen Arm um seine Hüfte, andere drängten sich wieder vor ihn, »– DASS ICH DAS KLEINE LÖFFELCHEN SEIN KANN, WENN DU WILLST, SUSI!« Seine Stimme überschlug sich, seine Stimmbänder rissen fast, »SUSI! DU KANNST IMMER DER GROSSE LÖFFEL IN UNSERER BEZIEHUNG SEIN! DAS IST OKAY FÜR MICH!!«
      Da traf ihn ein Schlag auf den Kopf, und er wurde bewusstlos.


      Im Vernehmungsraum gelangte Kuno wieder zu Bewusstsein, konnte verorten, wer und wo er war. Der Kopf tat ihm weh, ein Schuh fehlte, und als seine Benommenheit sich lichtete und er bemerkte, dass seine linke Hand in Handschellen und seine Kleidung blutbesudelt war, überkam ihn ein Schüttelkrampf. Schnodder schoss aus seiner Nase und er fing haltlos an zu weinen und zu schreien.
      Ein übergewichtiger Polizist kam herein und legte ihm die Hand auf die Schulter. Kuno verstummte, doch sein Körper bebte.
      »Herr Kamas?«, fragte der Polizist. »Sie sind Herr Kuno Kamas, nicht wahr? Mein Name ist Torsten Markgraf, ich bin Kriminalhauptkommissar. Sie wissen, dass heute zwei Menschen getötet, zwei weitere verletzt wurden? Sie haben das Recht auf einen Anwalt.«
      Totenbleich versuchte Kuno, doch schaffte es nicht, etwas zu erwidern.
      »Wir haben den Eindruck, als hätten sie an einer Psychose gelitten. Sie scheinen jetzt aber wieder in der Normalität angekommen zu sein. Können Sie sich an irgendetwas vom heutigen Tag erinnern?«
      Kuno senkte den Kopf und fühlte, mehr aus Reflex, mit der rechten Hand seine Taschen ab. Sie waren leer, nur in seiner Brusttasche am Hemd war eine kleine Ausbeulung zu fühlen. Er schnäuzte sich mit einem gereichten Taschentuch, und stotterte: »I-ich hatte einen schlimmen Morgen, n-na ja, und d-dann …«
      Kriminalhauptkommissar Markgraf wartete geduldig. Stockend begann Kuno, ihm von seinen Problemen zu erzählen, und als die Schleusen erst geöffnet waren, erzählte er alles, was ihm seit dem Tod seiner Eltern, seit all dem Schwierigen widerfahren war. »Sie haben doch mein Smartphone!«, sagte Kuno. »Rufen Sie Frederik Rissow an, der wird Ihnen alles bestätigen, wir kennen uns seit dem Kindergarten!«
      Der Polizist verließ das Zimmer und kam wenige Minuten mit Kunos Smartphone wieder herein. Er hatte die Stirn in tiefe Furchen gezogen.
      »Gehen Sie einfach in die Liste der jüngsten Anrufe, Fred steht weit oben!«
      »Herr Kamas … In Ihrem Telefon ist kein Frederik Rissow gelistet. In Berlin gibt es keinen einzigen Menschen, der auf diesen Namen, Frederik Rissow, gemeldet ist. Es gab da lediglich ein Kind, das bei einem tragischen Unfall in einem Kindergarten ums Leben gekommen ist, vor vielen Jahren«, entgegnete der Kommissar und sah ihn mit hartem Blick an.
      »Aber … «
      »Herr Kamas, wir haben einen Psychologen angefordert, Sie bekommen im Laufe der Nacht noch medizinische Unterstützung. Bis dahin müssen wir Sie leider festhalten.« Und mit diesen Worten verließ er das Zimmer.
      Kuno saß da und starrte ins Nichts, hatte nur Leere im Kopf. Mechanisch tastete er wieder seine Brusttasche ab und zog die Tablettenhälfte Zelarzephrin heraus, die noch immer in seiner Hemdtasche geweilt hatte. Als er aufblickte, sah er den toten kleinen Freddi in der dunklen Zimmerecke sitzen. Lächelnd.
      Kunos Blick flog zurück zur Tablette. Hin zu Freddi, und wieder zurück. Freddi kicherte. Er kicherte und kicherte. Dann sagte Freddi mit hoher Stimme: »Ich habe dir immer helfen wollen, Kuno. Ich war immer für dich da.«
      Kuno wurde übel, er hatte das Bedürfnis, ihn zu erwürgen.
      Mit zitternden Fingern hielt er sich die Tablette vor die Augen.
      Normalität.
      Dass er nicht lachte.





      Achromasie (shadow mirror)



      Achromasie



      Hast du manchmal das Gefühl, dass egal was du tust, Es dir selber nicht genug ist?
      Und wenn doch etwas mal funktioniert, denkst du dir, das waren nur die Glückswürfel oder Jemand hat dir geholfen und ist eigentlich daran Schuld, dass du soweit erst gekommen bist. Immer eine Maskenschablone parat, um sich von seinem Erfolg freizusprechen.
      Keine Sorge, Es ist nicht immer der Dunning Kruger Effekt. Manchmal ist es auch einfach der nackte Selbstzweifel, der bei den steigenden Ansprüchen nicht ausbleibt.
      Doch will Ich euch nicht von unserem Hauptakteur abhalten, Ich stelle vor: Nikolas.


      „Garcon? Ich will noch einmal die Pasta Carbonara.“ 'Bitte, danke, gern geschehen' fügte Nikolas gedanklich hinzu und drehte sich auf dem Absatz um gen Küche. Er kritzelte das Gericht mitsamt Tischnummer auf einen Zettel und hing ihn auf für den Koch. 'Nur noch eine Stunde, dann ist der Tag endlich durch.' dachte sich Nikolas. Er bewegte sich voll falschem Elan vor das Bistro, um die Tische im Sonnenschein mit Getränken zu versorgen.
      Die Möwen kreischten über den Tischen. Es war ein schöner Tag für einen Spaziergang, aber die unsichtbare Leine des Gehaltes hielt ihn lieber hier. In einem abgelegenen Bistro an einem Pier. Zum Glück war es heute ruhiger als sonst. Bis auf den Koch und Nikolas war keiner da. Der Chef war auf Urlaub und hatte niemanden für die Zwischenzeit eingestellt. Tolles Teamwork, aber schließlich hat man ja Vertrauen in den Nikolas. Vertrauen bezahlt nur leider keine Miete.
      Mit einem beladenen Tablett bewegte er sich zurück nach draußen, die Kunden ungeduldig stierend. Es wäre ja doch einfacher, wenn er wen nur für die Theke da hätte, aber das war heute leider keine Option. Dann passierte das, was in Leistungsgesellschaft und Hektik immer passiert, eine Unaufmerksamkeit. Die Gläser barsten, verteilten klebrige Scherben überall. Nikolas war leider kein Superheld, der mit blitzschnellen Reflexen jedes Glas gefangen hätte, Nein er war immer noch nur der Kellner. 'Kellner ist doch nur sod'n Zwischenberuf. Wann lernst du mal Etwas anständiges?' echoten seine Eltern durch seinen Kopf. Er hatte es ja probiert, aber...
      Er fühlte sich über die Zähne. Der Aufschlag hatte ihm die Lippe aufgeschlagen. Nikolas richtete sich auf, entschuldigte sich mit blutigem Lächeln. Die Scherben waren schnell beiseite geschafft, neue Getränke besorgt, doch das klebrige Quietschen der Schuhe verblieb.
      Der unfreundliche Gast bekam auch endlich seine Nudeln, aber zur Unzufriedenheit des Kundens: „Aber da ist ja kein Hackfleisch drauf!“ - „Monsieur, Sie hatten Carbonara bestellt. Da ist kein Hackfleisch drauf“ - „Seien sie nicht so unfreundlich! Ich will mit ihrem Chef sprechen!“ 'Ich auch' dachte sich Nikolas. Noch Zwanzig Minuten. „Verzeihen Sie, aber der ist aktuell nicht greifbar. Kann ich vielleicht als Pardon ein Freigetränk anbieten?“ Der Kunde nickte stumm, als hätte er gewonnen. 'Unkultiviertes Unvieh, Ich könnte dir Vollkornnudeln mit Tütensoße vorsetzen und du könntest es nicht von guter Küche unterscheiden. Impastasyndrom pur.' behielt der Kellner lieber für sich.
      Die Kleingeldmaschine zählte vor sich hin, Nikolas blätterte Scheine gelangweilt. Überschlagen musste die Kasse stimmen. „Und?“ klang es aus der Küche „Kasse stimmt, kannst heim. Ich schließ' gleich ab.“ Das meiste war verstaut, nur der Bierhahn war noch offen.
      Nikolas saß draußen und wartete auf Fred. Frederik war ein Bekannter mit dem Er sich verabredet hatte. Sie schwadronierten häufiger über Gott und die Welt über ein Glas Bier am Pier.
      „Niko, aus welchem Komposter haben Sie dich den gezogen“ Fred schlug mit einem freundlichen Handschlag ein. Nikolas erwiderte mit seinem blutigem Lächeln: „Das Übliche. Deshalb auch heute keinen Agentenfilm im Kino.“ - „Besser so. Der soll eh öde sein. Hast du eigentlich...“
      Manchmal fand Nikolas es auch schön, dem Smalltalk nur beizusitzen. Weniger zum Zuhören, sondern sich sanft berieseln zu lassen. Fred faselte irgendwas von Inzest in der Nachbarschaft, vielleicht auch einfach der Onkel, der in ein Fass gefallen war. Sanfte Wogen im Tausch für den Stress des Tages mit Bier als Katalysator.
      Mittlerweile war es dunkler geworden, das Meer zeigte sich in einem schönen violett.
      Fred war wesentlich stärker getroffen als Nikolas, der gerade am zweiten Bier nippte.
      Ersterer fragte: „Wie kommt es eigentlich, dass du dich für ein Mindergehalt dir die Zähne wund arbeitest, hab dich immer für cleverer gehalten. Aber nach 2 Jahren hast du immer noch nichts offen stehen. Wenn du irgendwie eine Frau und Kinder hättest, könnte ich's ja noch nachvollziehen.“
      'Nicht das schon wieder' dachte sich Nikolas und formte mit seinen Händen einen pantomimischen Henkersknoten, mit dem Er sich auch kurz baumeln ließ. „Entschuldige, Fred, Hätte mich eine vor Fünf Jahren gefragt, ob ich mit ihr Nacktbaden gehe, hätte ich ja gesagt. Aber so etwas gibt es für einen ollen Kellner wie mich nicht. Gehöre wohl eher in die Klapse als ins Familienleben. Keiner will mich, keiner braucht mich. Ich gehöre einfach nicht dazu.“ Nikolas kam ruhig und entschlossen auf die Beine. Die aufgestauten Emotionen quollen hervor, schnürten ihm den Hals zu. Wie schwarzer Rauch krochen Sie aus Mund und Nase, umhüllten seinen Kopf. „Weißt du, und das ändert sich dieses Leben nicht mehr. Warum sollte Ich mich dann quälen mit dem Mist. Nur hier bleiben, um einen anderen reich zu machen? Nein, Danke. Ich geh derweil mal Baden. Wird mich wohl keiner rausfischen bis morgen.“ Er legte die Schlüssel auf den Tisch. „Denk nur dran abzuschließen bevor du heimgehst.“
      Kurz danach sprintete er los. Mit einem kurzen Satz würde er die Absperrung überqueren und wäre in den schwarzen Fluten des nächtlichen Meer. Weggewaschen all die Verantwortung, Wünsche und Zweifel. Nur, dass er das Wasser nicht erreichte.


      Nikolas erwachte. Das war etwas, das er nicht erwartet hatte. Schmerz war da. Verbände und Gips hatten ihn eingeschnürt. Eine Frau in weisser Kleidung sagte etwas, aber es wirkte verwaschen auf Nikolas: „Ah, Guten Morgen. Wir waren eigentlich fertig mit der Visite. Trotzdem, Sie sind ein ziemlicher Glückspilz. Dafür, dass Sie mit einem Auto kollidiert sind mit der Geschwindigkeit, ist ein gebrochener Arm echt ein Klacks. Wir können Sie mit einer Schiene sogar bald entlassen. Wir wollen Sie ja schließlich nicht vom Leben abhalten.“ Sie lachte kurz und ging.
      Der schwarze Rauch war wieder zurück. „Willkommen zurück. Du hast das Wasser nicht erreicht und bleibst dafür hier, im Warteraum der Hölle. Zurück in Schmerz und Einsamkeit, zurück in die Zügel der Gesellschaft. Welch göttliche Intervention. Du weißt, was das heißt? Egal wie häufig du es probierst mir zu entkommen, hol ich dich zurück. Nichts kannst du richtig, nicht mal das Sterben kriegst du hin. Musst vermutlich hier bleiben bis zum jüngsten Gericht! Und du kannst mich nicht mal mit irgendwem teilen oder vertreiben.“
      Nikolas antworte nicht. Er hatte keine Antworten mehr. Leise flossen Tränen der Frustration über sein Gesicht.





      Aller Anfang ist schwer (CaptSiggi)




      Charakterliste


      Festung
      Chronologin Adira Miguno Isacal Rodiel
      Assistentin Borda Bida Eriba Lago
      Soldaten Hauptmann Adivo Domares
      Portierwache Onario Nolde Dorato Ogarz
      Reservist Ivotu Brage Aklus


      Twitoria (Norden)
      Lady Ubela Florola Fugera Evola Legas
      Lady Unna Nigora Agres
      Ulknudel Ligor Yanel


      Werdspale (Osten)
      Yuppie Ufera Nagul Itra Konores Oltre
      Seelenberuhiger Idorf Gatso Grebel Ikelo


      Semanob (Süden)
      Fräulein Lora Ogosa Yuga Drain
      Zauberkoch Emal Protepus Horon Radu Ogol


      Swertreit (Westen)
      Weibliches Oberhaupt Nasares Staw
      Barde Borikus Jebelak Brakir



      Aller Anfang ist schwer



      Zu einer Zeit in der sehr viel Unruhe die Geschehnisse der Welt begleiteten, stand das große fünftägige Königstreffen der mächtigsten Nationen an. Die Zusammenkunft der vier großen Königreiche fand alle vier Jahre statt und wurde geprägt von Diskussionen und Disputen zur aktuellen politischen Lage in der Welt und der Ausrichtung bis zur nächsten Konferenz. Das Aufeinandertreffen wurde wie immer auf neutralem Boden abgehalten. Somit hatte niemand irgendwelche Vorteile und Druckmittel.


      Als Austragungsort der Konferenz stand die uneinnehmbare Festung der Chronologin Adira Miguno Isacal Rodiel im Mittelpunkt. Unter ihren Anhängern ist sie auch als die große Historikerin bekannt. Dieser Ort zeichnete sich dadurch aus, dass er im Zentrum der vier großen Nationen lag. Zudem war er dafür bekannt, dass Adira sich neutral gegenüber allen Nationen verhält und für Frieden steht. Ihre Passion lag darin die Historie aller Länder aufzuarbeiten und zu forschen. Es war ihr ein Anliegen, dass es allen Menschen der Welt besser gehen sollte. Sie konnte ein Gefolge um sich herum aufbauen, welches die gleichen Interessen wie sie verfolgte. An ihrer Seite befand sich ihre treue Assistentin Borda Bida Eriba Lago. Diese kümmerte sich, um alle Belange und hielt Adira den Rücken, so gut es ging, frei.


      Nach und nach trafen alle Herrscherinnen der Königreiche ein. Zuerst erschien die Königin aus dem östlichen Werdspale, Yuppie Ufera Nagul Itra Konores Oltre. Begleitet wurde sie von ihrem Seelenberuhiger Idorf Gatso Grebel Ikelo. Sie war bekannt für ihre Engstirnigkeit und ihr Durchsetzungesvermögen. Sie führte eine harte, aber faire Regentschaft. Das nächste anreisende Königreich kam aus dem Süden und hieß Semanob. Dabei handelte es sich um Fräulein Lora Ogosa Yuga Drain mit ihrem Zauberkoch Emal Protepus Horon Radu Ogol. Ihr Volk schwärmte von ihrer Schönheit und Gutmütigkeit. Direkt im Anschluss erschienen Lady Unna Nigora Agres und Lady Ubela Florola Fugera Evola Legas. Sie waren beide Schwestern und herrschten Hand in Hand über Twitoria im Norden. Ulknudel Ligor Yanel unterhielt die beiden stets auf ihrer Reise, da sie Langeweile hassten und ständig Beschäftigung brauchten. Geduld war keine ihrer bekannten Tugenden. Als letzte tauchte das weibliche Oberhaupt Nasares Staw aus Swertreit mit deutlich Abstand am Treffpunkt der Konferenz auf. Ihre Ruhe und Sorglosigkeit wirkte sich auch merklich auf die Menschen westlich der Festung aus. Als Unterstützung hatte sie Barde Borikus Jebelak Brakir an ihrer Seite.


      Nach dem Eintreffen aller Oberhäupter fingen die Portierwache Onario Nolde Dorato Ogarz und der Reservist Ivotu Brage Aklus der Festung an über die Gäste zu diskutieren. Onario war verwundert, dass alle Königreiche plötzlich von jungen Frauen regiert werden. Beim letzten Königstreffen, waren dies alles noch Männer gewesen, die über die Länder regiert hatten. Dieses Zwiegespräch hatte auch Soldaten Hauptmann Adivo Domares wahrgenommen. Dieser klärte die Wachposten auf, dass kurz nach dem letzten Köngistreffen alle Könige auf mysteriöse Art und Weise verstarben. Daraufhin hatten ihre Töchter jeweils die Herrschaft über das Land übernommen und führen es seit jeher. Die Tode der Könige hatte die Zwietracht zwischen den Völkern gebracht und Misstrauen gestreut. Die jeweils anderen Staatsoberhäupter wurden des Mordes beschuldigt. Jedoch konnte keinem etwas nachgewiesen werden. Die Wachen zeigten sich verwundert, dass diese Zusammenkunft stattfand trotz der Skepsis gegenüber den Völkern. Adivo teilte den Wachposten mit, dass dieses Treffen nur dank Adira durchgeführt wird, da sie sich bemühte den Frieden zwischen den Völkern wiederherzustellen und einen Krieg mit sinnlosem Blutvergießen zu verhindern.


      Es näherten sich die Abendstunden. Die Königinnen bezogen ihre Schlafgemächer. Ufera bestand darauf ein Turmzimmer zu bekommen. Das war eine ihrer Bedingungen, um an diesem Treffen teilzunehmen. Ihr war es wichtig einen Überblick zu haben, über das was innerhalb und außerhalb der Festung geschah. Außerdem wollte sie allen zeigen, dass sie über den anderen stand. Idorf hat bemerkt wie seine Herrin schon wieder aufbrausend wurde. Deshalb hat er versucht sie mit einer entspannenden Massage zu beruhigen. In einem der anderen Zimmer unterhielt Ligor mit Witzen, Albereien und Showeinlagen seine beiden Gebieterinnen Unna und Ubela. Er weiß, dass sie schnell gelangweilt und ungemütlich werden, wenn er nicht alles gibt und die beiden gutmütig stimmt. Ihm war bewusst, dass ein schlechter Auftritt seinen Tod bedeuten könnte. Aus einem weiterentfernten Zimmer konnte man laute Gesänge vernehmen. Borikus trällerte ein Lied nach dem anderen und Nasares genoss es seiner Stimme zu lauschen. Das wirkt sehr entspannend auf sie. Lora wartete alleine in ihrem Zimmer und begutachtete ihre Schönheit im Spiegel. Nach einiger Zeit betrat Emal ihr Gemach und brachte das von ihm zubereitete Abendmahl. Auch die anderen Damen bekamen zu ähnlichen Zeiten ihre Speisen von jeweils einer Dienstmaid aufs Zimmer gebracht. Es klopfte an den Türen und die Maiden kündigten sich an: "Ich habe das Abendmahl für Ihre Durchlaucht dabei".Da die kommenden Tage sehr lang und anstrengend sein werden, entschieden alle zeitig schlafen zu gehen.


      Am nächsten Morgen genossen alle Damen ihr Frühstück und wurden anschließend in den großen Konferenzsaal geleitet. Dort wartete bereits Adira auf die Hoheiten und begrüßte diese. Während sie dabei bereits am runden Tisch saß, deutete sie mit einer ausschweifenen Handbewegung an, dass sich doch alle setzen sollten. Borda übernahm dabei die Platzierung der Gäste an den jeweils vorgesehen Stühlen. Adira konnte den Herrscherinnen ansehen, dass keine den anderen trauen würde. Das Ableben ihrer Väter hatte jede von ihnen noch im Kopf und jede war sich sicher, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging.


      Es ergab sich ein zäher erster Konferenztag an dem keine wirklichen Fortschritte erzielt werden konnten. Das Misstrauen an die anderen Königreiche war einfach zu groß und jede Königin war nicht bereit irgendwelche Kompromisse einzugehen. Adira war sehr darauf besonnen die Wichtigkeit dieses Treffens immer wieder hervorzuheben und wie bedeutend es für die Könige sei im Wohle ihrer Völker zu handeln. Jedoch war diese Bemühung nicht mit Erfolg gekrönt. Am Ende des Tages wurde keine einzige Vereinbarung getroffen.


      Als alle wieder auf ihre Zimmer zurückgekehrt waren, zeigte Adira ihre Verstimmung. "Bei Odin, was stimmt nur mit diesen sturen Weibern nicht? Sie haben sich doch früher so gut verstanden". Borda war sehr erschrocken, da sie ihre Herrin Adira noch nie so erlebt hatte. Normalerweise war sie eher der ruhige Typ. Zudem zeigte sich Borda verwundert. Sie war zwar nun schon sechs Jahre die Assistenten von Adira, aber ihr war nicht bewusst, dass Adira die Herrscherinnen bereits länger kannte. Borda fragte nach, woher sie denn wüsste, wie die Königinnen früher waren. "Jetzt habe ich es. Borda, du bist ein Genie", sagte Adira und verschwand freudestrahlend aus dem Raum. Dabei ließ sie Borda irritiert stehen.


      Der zweite Konferenztag ging genauso los, wie es Adira erwartet hatte. Alle Parteien hielten sich wieder bedeckt, keiner gab mehr Informationen preis als nötig und die Diskussionen drehten sich immer wieder im Kreis. Man merkte ihr richtig an, dass sie deshalb schon wieder wütend wurde, aber dank ihrer Assistentin wusste sie genau, was zu tun war. Sie richtete sich auf, haute mit ihren Handflächen auf den Tisch und wurde plötzlich sehr laut. "Wisst ihr eigentlich, dass ihr euch wie kleine Kinder verhaltet?", waren ihre Worte. Nach einer kurzen Pause ergänzte sie: "Könnt ihr euch noch an das vorletzte Königstreffen erinnern? Da habt ihr euch zum ersten Mal alle kennengelernt. Ihr ward damals auch alle hier und habt euch gelangweilt. Aber es gab ein Ereignis, das hat euch alle verbunden und zu Freundinnen gemacht." Plötzlich kam es allen wieder in Erinnerung und sie antworteten zeitgleich: "Das Nacktbaden". Sie konnten sich ein Lachen nicht verkneifen.


      Die Damen fingen wie wild an alte Anekdoten zu erzählen von diesem Badeerlebnis.


      Ubela: "Wisst ihr noch als wir uns unsere Körper genau erkundet haben und Lora uns ihr Pilzkönigreich präsentiert hatte? Das war schon irgendwie eklig."


      Lora: "Ja, das hatte mir dieser Bastard von einem Küchenjungen damals angehangen. Aber zum Glück konnten mir Adiras ausgebildeten Ärzte helfen. Sie meinten, dass das Zeug Syphilis oder so hieß. Ziemlich verrückt. Ich weiß noch, wie Nasares damals meinte, dass sie zwangsverheiratet werden sollte. Was wurde eigentlich daraus?"


      Nasares: "Du meinst wahrscheinlich meinen Cousin. Das war die Idee von meinem Onkel. Er meinte, dass er der beste Mann für mich wäre. Aber ich konnte mich wehren diesen Teil der Familie voller Parasiten anzuheiraten. Mein Vater ist zwar in einem Inzestnest aufgewachsen, aber für mich ist das nichts. Er ist so schmierig und abstoßend."


      Borda murmelte leise vor sich hin: "Boah. Das wären bestimmt super Einschaltquoten, wenn man das verfilmen würde."


      Alle drehten sich zu Borda um, weil sie nicht verstanden, was sie sagte, aber Adira beruhigte alle schnell: "Ignoriert sie bitte. Sie hat manchmal Wahnvorstellungen und redet dann wirres Zeug. Das beruhigt sich aber wieder."


      Nasares wendet sich zu Unna und Ubela: "Da fällt mir ein. Wie kommt es eigentlich, dass ihr beide gemeinsam regiert? Eigentlich wäre doch eigentlich Unna berechtigt die alleinige Herrschaft zu führen."


      Unna: "Ich liebe meine Schwester und ich will einfach keinen Erbstreit mit ihr. Darum teile ich alles mit ihr und das gleiche gilt auch umgekehrt. Wir haben beide unsere Schwächen, aber auch Stärken. Kombiniert ergeben wir ein richtig starkes Team und treffen Entscheidungen nur gemeinsam. Deswegen kam es mir auch nie in den Sinn ohne meine Schwester Ubela regieren zu wollen."


      Die Gespräche gingen in dieser Art und Weise noch bis zum Abend weiter. Adira war sehr erleichtert und erhoffte sich für die restlichen drei Tage erfolgreichere Diskussionen und eine neue Verbundenheit zwischen den Herrscherinnen. Dies sollte auch im Sinne der Völker sein und zum Wohle alle führen. Am Ende des Sitzungstages schlug Adira vor, dass doch das Nacktbaden wiederholt werden sollte und alle stimmten freudestrahlend zu. Also zogen sich alle kurz auf ihre Zimmer zurück, machten sich fertig und trafen sich erneut im Badebereich. Es kamen nostalgische Gefühle bei allen Damen auf und sie genossen den Abend gemeinsam. Nackt.


      Der dritte Tag begann sehr vielversprechend am runden Tischen. Man merkte die Motivation und das gesteigerte Vertrauen der Königinnen untereinander an. Die Verhandlungen schritten gut voran und es konnten neue Abkommen zwischen den Königreichen getroffen werden. Bis zur Mittagspause verlief alles reibungslos. Adira war sehr froh über den Verlauf des Königstreffen, auch wenn die ersten beiden Tage keine Fortschritte brachten.


      Eine Weile nach der mittäglichen Pause gingen die Gespräche weiter. Es wurde über neue Handelsrouten diskutiert. Auch sollten alte Handelsstrecken wieder etabliert werden. Deshalb fragte Ufera bei Lora an, ob sie nicht wieder ihre Schätze aus den Bergwerken mit ihrem Volk teilen würde. Daraufhin erwiderte Lora, dass das nicht möglich sei. Die Produktion und der Verkauf von Schmuck stieg seit Loras Amtsantritt immer weiter an, weil die Bewohner von Semanob ebenso seither ihrer Königin in Sachen Schönheit nacheiferten. Außerdem teilte Lora mit, dass sie keine Materialien, welche sich zur Waffenproduktion eignen würden, in ein Land exportieren würde, welches ihren Vater getötet hatte. Sie behauptete, dass es eindeutige Beweise gab. Der Mord musste von jemandem aus Werdspale vollzogen worden sein. Ufera zeigte sich entsetzt über diese Beschuldigungen und wies die Vorwürfe vehement zurück. Nie würden sie einen Königreich hinterrücks angreifen, geschweige denn heimtückisch ein Attentat planen. Ihr Volk litt selbst unter dem Tod ihres geliebten Vaters. Dabei verwies sie darauf, dass ihr Vater nach einem Treffen mit dem König von Twitoria auf mysteriöse Weise seinen Tod fand. Die vorwurfsvollen Blicke wanderten zu Unna und Ubela, doch auch diese beteuerten ihre Unschuld. So ging es reihum immer weiter und weiter. Jedes Königreich beschuldigte ein anderes Königreich eines Intrigenspieles. Jede Beruhigungsversuch von Adira lief ins Leere und die Situation eskalierte. Es wurde lauter im gesamten Raum und der eben erlangte Frieden drohte erneut zu wanken. Nahezu zeitgleich erhoben sich alle Königinnen und richteten letzte Worte an die anderen Staatsoberhäupter.


      Unna und Ubela: "Ab sofort herrscht Krieg. Wenn es einer von euch auch nur wagen sollte sich unserem Königreich zu nähern, dann werdet ihr die gesamte Kraft unserer Armee zu spüren bekommen."


      Nasares: "Wir werden uns nicht weiter so von euch behandeln lassen. Auch wir haben unseren Stolz und wissen uns zu verteidigen."


      Ufera: "Sobald ich einen von euch gefangen nehme, droht euch die Guillotine. Eure Köpfe werden rollen."


      Lora: "Ihr werdet keine Chance haben. Soetwas wie mit meinem Vater wird unser Königreich nie wieder erleben. Ihr solltet euch lieber gut vorbereiten."


      Mit diesen Worten verließen die Königinnen der Konferenzsaal und auch die Festung in Richtung Heimat. Adira wurde sprachlos zurückgelassen. Sie war fassungslos, wie sich das ganze entwickelt hat. Statt eines Treffens, welchen den Frieden in der Welt wiederherstellen sollte, wurde ein neuer viel größerer Krieg angezettelt als er je auf dieser Welt stattgefunden hatte. Alle ihre Pläne und Bemühungen zerfielen vor ihren Augen in Scherben.





      Auf dem Weg zur Erleuchtung (CAMIR)



      Auf dem Weg zur Erleuchtung



      Es begann damit, dass Erna ihre Sexualität entdecken wollte. Walküren waren von Natur aus asexuell, aber sie war jetzt seit über einem Jahr keine Walküre mehr. Sie war schon immer neugierig gewesen und ihre jetzige Existenz beinhaltete so viele Wunder und Rätsel. Je länger sie unter den Menschen lebte, umso mehr war die Überzeugung in ihr gereift, dass diese „Sexualität“ eine wichtige Rolle für das Zusammenleben zu spielen schien. Manchmal drehten sich Männer auf der Straße nach ihr um und Alexander musste ihr dann später erklären, sie habe diesen Männern wohl gefallen. Sie verstand all das zwar nicht, aber wenn es Alexander so sagte, musste es wohl so sein.
      „Gefalle ich dir auch?“, hatte sie einmal nach einer solchen Begegnung gefragt. Alexander war ja schließlich auch ein Mann.
      Er hatte gelacht.
      „Erna, du wirst kaum einen Mann finden, dem du nicht gefällst.“
      „Und was bedeutet das?“, hatte sie weiter gefragt.
      Alexander war daraufhin rot geworden und hatte etwas von ‚miteinander schlafen‘ gestammelt und als Erna ihm daraufhin vorgeschlagen hatte, sich auch einmal gemeinsam schlafen zu legen, hatte er sie an den Händen genommen und ihr gesagt, er wolle sie nicht ausnutzen.
      Als Erna in den nächsten Tagen nicht lockergelassen hatte, mehr über das Mysterium zu erfahren, hatte Alexander ihr kurzerhand ein Buch dagelassen: Ohne Burnout zum Blümchensex – Alles was Sie über Sexualität wissen sollten.
      „Lies erst einmal das“, hatte er gesagt. „Vielleicht kann es deine dringendsten Fragen beantworten.“
      In dem Buch waren viele Bilder von ausgezogenen Menschen zu sehen, die lustige Turnübungen veranstalteten oder möglicherweise gemeinsam zum Nacktbaden gehen wollten. Nachdem sie es verschlungen hatte, befand Erna, das alles sehe zwar seltsam, aber auch interessant aus. Allein aus wissenschaftlicher Neugierde heraus wollte sie sich an einen Praxisversuch wagen. In den nächsten Tagen wurden ihre Überlegungen, wie sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzen sollte, zu einer regelrechten Manie.


      Als kurz darauf das Arbeitsamt anrief, um Erna eine neue Stelle anzubieten, ahnte niemand die Tragweite der kosmischen Ereignisse, die an einem einzigen Ort zusammenlaufen sollten: in einem Nachtclub namens Funkensturm. Dort sei für Erna eine Stelle frei. Als Hostess. Das Etablissement sei sehr stolz auf seinen gepflegten Darkroom. Das Wort Hostess hatte Erna jedenfalls noch nie gehört, da es weder in ihrem deutschen noch in ihrem altnordischen Wortschatz vorkam. Sie vermutete aber, dass es irgendetwas mit husten zu tun hatte und war deshalb verwundert, was ihre Aufgabe genau sein sollte.
      Am Tag des Vorstellungsgesprächs klingelte bei Erna das Telefon.
      „Hallo?“, nahm sie den Hörer ab.
      „Guten Tag, spreche ich mit Erna…?“ Der Mann am anderen Ende der Leitung machte eine Pause, wie als wartete er darauf, dass sie etwas einfügte.
      „Ja“, sagte Erna.
      „Erna und wie noch?“, fragte die Stimme.
      „Óðinsdóttir,“ sagte Erna.
      „Hier spricht Dick Johnson, Geschäftsführer des Funkensturm. Wir werden nachher das Vergnügen miteinander haben. Damit wir Ihre… Qualitäten besser einschätzen können, möchte ich Sie bitten, etwas Kurzes anzuziehen.“
      „Ah, ich verstehe“, sagte Erna. Wenn sie den Herrschaften etwas husten sollte, musste sie sich natürlich vorher erkälten.
      Sie legte auf und packte ihre Sachen zusammen und je mehr sie an das Vorstellungsgespräch dachte, umso mehr Lampenfieber bekam sie. Ihre letzte Arbeit war etwas unrühmlich geendet und sie wollte einen guten Eindruck machen.
      Sie holte schließlich ihr ehemaliges Walkürenkleid aus dem Schrank, das im Wesentlichen aus einer Brünne bestand und noch am ehesten den Vorgaben entsprach und verließ das Haus.


      „Interessant, höchst interessant“, begrüßte Herr Johnson Erna, als sie sein Büro betrat. Er musterte sie von oben bis unten. Um ihn herum hingen Bilder von nackten Menschen in verschiedenen Posen und sie war sich immer unsicherer, weswegen sie husten sollte. Diese Leute sahen viel mehr aus wie die Abbildungen aus Alexanders Buch.
      „Sind Sie zufälligerweise Cosplayerin?“, fragte er dann. Erna vermutete, dass er damit ihre Kleidung meinte und bejahte deshalb. Das war immer noch besser, als zuzugeben, eine gefallene Walküre zu sein.
      „Frau äh…“, Johnson blickte in Ernas Unterlagen und runzelte die Stirn. „Odinsdotter?“
      „Einfach nur Erna“, wollte Erna behilflich sein. Die Feinheiten altnordischer Namensgebung wollte sie ihm ersparen.
      „Frau Erna“, fuhr Johnson dann fort. „Ihre Aufmachung wird den Kunden mit Sonderwunsch sicher besonders gut gefallen. Könnten Sie dieses Kostüm auch während der Arbeitszeit tragen?“
      Erna nickte einfach nur. Der Mann musste sich ja etwas dabei denken.
      „Haben Sie sonst noch irgendwelche besonderen… Talente oder Hobbies?“, fragte Johnson weiter.
      „Zurzeit möchte ich herausfinden, was Sexualität ist“, sagte Erna ernst. Der Mann ihr gegenüber erbleichte erst und fing dann an zu schwitzen.
      „Das wissen Sie nicht?“, fragte er und nahm ein Taschentuch, um sich über die Stirn zu wischen.
      „Noch nicht“, sagte Erna. „Deswegen möchte ich es ja herausfinden.“
      Johnson hüstelte. Dann dachte er nach. Und schließlich grinste er.
      „In gewisser Weise trifft sich das gut. Sie sind sozusagen am richtigen Ort gelandet. Wir hier im Funkensturm sind auch stets bemüht, unseren Mitmenschen zu helfen, ihre Sexualität zu entdecken. Wir würden Sie dafür bezahlen, diese Dienstleistung anzubieten.“
      „Ich bekomme Geld und lerne, was Sexualität ist?“, fragte Erna zur Sicherheit.
      Johnson nickte eifrig. Er schien jetzt geradezu beflissen zu sein, sie einzustellen.
      „Und wie ist es mit Gesundheitsrisiken?“, fragte sie weiter. In Alexanders Buch war etwas darüber gestanden, dass „ungeschützter Sex“ zu Krankheiten und sogar zu Kindern führen konnte. Ob sie anfällig für Menschenkrankheiten war, hatte sie bisher noch nicht überprüfen können, wollte aber das Wagnis nicht eingehen. Odin war alles zuzutrauen.
      „Wir sind ein sauberer Club und testen unsere Mitarbeiter monatlich“, versicherte Johnson und rieb sich die Hände. „Sämtliche Behandlungskosten übernehmen wir.“
      Zur Sicherheit stellte Erna noch jene Frage, die ihr Alexander für solche Fälle beigebracht hatte.
      „Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen müsste?“
      „Keine Teilnahme an einer Gewerkschaftsversammlung, keine Aktivitäten, die dem Ansehen des Funkensturm schaden könnten und keine Unverschämtheiten zu Kunden.“
      Erna nickte. Sie war niemals unverschämt. Da ihre beruflichen Aufstiegschancen gerade begrenzt waren, unterschrieb sie schließlich ihren Vertrag.
      Als sie später Alexander von dem Gespräch erzählte, hatte dieser nur gemeint, sie solle auf sich aufpassen und ihr angeboten, sie an ihrem ersten Arbeitstag zu begleiten. Sie hatte ihn umarmt und ihm versprochen, vorsichtig zu sein.


      Eifrig hatte Erna am nächsten Abend ihre erste Schicht – wie gewünscht in Walkürenrüstung – angetreten. Es war ungewohnt für sie, erst dann zu arbeiten, wenn es dunkel war, aber das Funkensturm öffnete seine Pforten, wenn andere Geschäfte schlossen.
      „Wunderbar, einfach wunderbar!“, hatte Johnson sie begrüßt und seine Hand auf ihr Hinterteil gelegt.
      „Ich zeige Ihnen dann noch kurz die Räumlichkeiten, damit Sie sich später zurechtfinden. Nach Ihrer Schicht erwarte ich Sie in meinem Büro, damit ich Ihnen noch „Nachhilfe“ erteilen kann.“ Er kicherte dabei und Erna zog eine Augenbraue hoch.
      „Wieso sagen Sie mir nicht jetzt alles, was ich wissen muss?“, wollte sie wissen.
      „Ich glaube, dafür würde die Zeit sowieso nicht mehr reichen.“ Er kicherte wieder.
      Das Funkensturm verfügte über einen Spiegelsaal, eine Bar mit Bühne, den besagten Darkroom und einen „Minigolf“-Parcours, wie Johnson Erna wissen ließ. Auf ihre Frage, was es damit auf sich habe, erklärte er nur, er würde es ihr beizeiten erklären.
      Dann führte er sie in eine dunkle Kammer. In der Wand befanden sich Löcher in verschiedenen Höhen, neben denen Lampen angebracht waren, und in der Mitte stand ein Hocker.
      „Bis ich alle Formalitäten erledigt habe, versehen Sie Ihren Dienst bitte hier.“
      Verwundert sah Erna sich um.
      „Und was soll ich tun?“
      Johnson räusperte sich. „Kunden werden im Laufe des Abends ihre besten Stücke durch diese Gloryholes stecken.“ Er wies auf die Löcher. „Ihre Aufgabe ist es, die Herren zu befriedigen.“
      Erna erinnerten Johnsons Ausführungen entfernt an eine beliebte Foltermethode von Odin. Er hatte Krieger, die sich auf dem Feld unehrenhaft verhalten hatten, dergestalt bestraft, indem er ihnen ihre Männlichkeit eingemauert hatte. Aber vielleicht hatte sich in den vergangenen 1000 Jahren ja etwas geändert? Langsam ging sie umher und befühlte mit ihren Händen die Wand. Sie schien aus Holz zu sein.
      Johnson schien ihre Verwirrung nicht entgangen zu sein.
      „Was ist denn noch?!“, fauchte er ungehalten.
      „Wie befriedige ich?“, fragte Erna.


      Mit Fortschreiten der Nacht hatte Erna zwar etwas mehr Erfahrungen mit ihrer Tätigkeit gesammelt, aber deren Sinn immer noch nicht verstanden.
      „Warum tust du dir das an? Bist du so tief gesunken?“, hörte sie eine sonore Stimme hinter sich.
      Erna würde diese Stimme überall erkennen, aber sie wollte Loki seinen Triumph nicht gönnen, weswegen sie sich umso stärker auf ihre momentane Arbeit konzentrierte.
      „Ich lerne“, zischte sie. „Lass mich in Ruhe.“
      „Weiß Odin, was du da treibst?“
      „Odin hat mich verbannt. Er hat keinerlei Einfluss mehr auf mein Leben!“
      „Ist das so?“ Loki schien zu kichern. Dann wurde er ernst. „Hast du Fonris gesehen?“
      Erna wurde schlecht.
      Fonris, ein kleines bissiges Kerlchen, das hauptsächlich aus einem Maul und richtig scharfen Zähnen bestand, war in gewisser Weise Lokis Enkel. Als Vater von Fenris, der wiederum der Vater von Fonris war – und ein beißwütiger Wolf obendrein – hatte Loki eine Art Verwandtschaftsbeziehung mit dem Wesen, auch wenn Erna es bisher vermieden hatte, darüber nachzudenken.
      Erna wollte sich nicht vorstellen, was passieren konnte, wenn Fonris im Funkensturm sein Unwesen trieb.
      „Wir müssen ihn finden!“, rief sie, sprang auf und stürmte zur Tür hinaus. Dort fiel sie direkt in Dick Johnsons Arme.
      „Ich habe alles vorbereitet!“, rief dieser theatralisch. „Sie werden die Sensation des Abends sein – die Auktion auf die ‚Jungfräuliche Walküre‘ wird meine Umsätze verzehnfachen.“ Damit begann er, Erna hinter sich herzuziehen.
      „Sie verstehen nicht!“, rief diese verzweifelt. „Bitte lassen Sie mich los, es ist wichtig!“
      Johnsons Griff um Ernas Arm wurde noch fester.
      „Nichts ist wichtiger als das!“, zischte er.
      „Belästigt er dich?“, fragte Loki, der es sich an der Decke gemütlich gemacht hat.
      Erna schüttelte panisch den Kopf. Sie wollte Lokis Hilfe nicht. Sie wollte nie wieder Hilfe oder Besuch von irgendjemanden aus ihrem alten Leben.
      „Du musst dir das nicht gefallen lassen, weißt du? Du bist noch immer ein Übermensch im Vergleich zu denen. Warum lässt du dich so behandeln?“
      Wie aus dem Nichts fiel eine Melone von der Decke und zerbarst auf Johnsons Kopf. Erna schrie auf, bis sie erkannte, dass die rote Masse, die überall spritzte, Fruchtfleisch war. Trotzdem lag ihr Arbeitgeber regungslos auf dem Boden.
      „Dieser Idiot hat genervt!“, kicherte Loki und ließ sich von der Decke fallen. Erna war sich nicht sicher, ob Johnson diese Behandlung wirklich verdient hatte und kniete sich neben ihm hin.
      „Ich habe ihn schon nicht umgebracht, Erna“, stöhnte Loki genervt auf. „Dein weiches Herz war schon immer deine größte Schwachstelle.“
      „Aber du hast ihm wehgetan!“, rief Erna empört.
      Loki schnalzte abschätzig mit der Zunge. „Er wollte dir wehtun, verstehst du das denn nicht?!“
      Langsam stand Erna auf und dachte kurz nach. Dann schüttelte sie den Kopf.
      Loki seufzte genervt. „Ich erkläre es dir ein anderes Mal. Jetzt lass uns Fonris suchen!“
      Damit war Erna einverstanden und gemeinsam hasteten sie durch die engen Gänge des Nachtclubs.
      Sie fingen an der Bar an, wo bereits die ersten Gäste saßen und Getränke zu sich nahmen. Erna ignorierte sie und kroch auf allen Vieren unter den Tischen umher, in der Hoffnung, Lokis Enkel zu finden. Sie bekam nicht mit, wie Hände sie berühren wollten, in letzter Sekunde aber zurückschreckten, wie als hätten sie sich verbrannt.
      „Ist das eigentlich schon alles gewesen?“, fragte Erna, als sie Loki unter einem der Tische traf.
      „In Bezug auf was?!“, knurrte dieser.
      „Sexualität. Ich saß in einem tristen Raum und habe nichts anderes gemacht als während meiner Zeit bei euch, wenn Odin wollte, dass ich Auðhumbla die Kuh melke. Und das durfte ich wirklich oft tun. Ich fand das sehr langweilig.“
      „Erna…“, setzte Loki an, wurde dann aber ob der übergriffigen Hände ärgerlich. „Verdammt noch Mal, könnt ihr eure Finger mal bei euch lassen?!“, brüllte er und warf den Tisch von unten um. Männern wurden die Gläser aus der Hand geschlagen und man ging auf respektvollen Abstand zu Erna und Loki.
      „Erna, hier ist nicht der richtige Ort, um etwas über Sexualität zu lernen, egal was man dir erzählt hat. Niemanden hier interessiert, wie du dich fühlst. Sie wollen alle nur deinen Körper benutzen und es ausnutzen, dass du so wenig darüber weißt.“
      „Oh“, sagte Erna traurig.
      „Sie hätten es verdient, wenn Fonris ihnen ein bisschen einheizt.“
      „Wir sollten ihn aber trotzdem finden, meinst du nicht auch?“
      Loki wollte gerade etwas antworten, da ging das Licht aus. Kurz darauf hörte man Geschrei und das Klirren von Glas.
      Erna hatte mehrmals das Gefühl, als ob jemand nach ihr greifen oder sie schlagen wollte, aber die Schläge liefen immer ins Leere. Sie floh aus der Bar, stellte aber kurz darauf fest, dass es anderswo genauso finster war.
      Langsam stolperte sie zu dem Raum mit den Löchern in der Wand zurück, weil dies der einzige Ort war, den sie einigermaßen kannte. Kurz bevor sie ihn erreicht hatte, wurde sie vom Licht einer Taschenlampe geblendet. Schützend legte sie die Hand vor ihre Augen, als sie eine bekannte Stimme vernahm und das Licht woanders hingelenkt wurde.
      „Erna bist du das?!“, hörte sie Alexander rufen.
      „Alexander, was machst du denn hier?“, entgegnete sie überrascht.
      „Ich wollte sichergehen, dass dein erster Arbeitstag gut verläuft“, erwiderte Alexander verlegen.
      „Dem da, dem kannst du trauen“, flüsterte Loki in der Dunkelheit. „Der respektiert dich!“
      „Es ist ein Desaster“, seufzte Erna resigniert. „Mein Vorgesetzter ist bewusstlos, der Strom ist ausgefallen und ich weiß immer noch nicht, was Sexualität ist.“
      Sie überlegte, ihm von Fonris zu erzählen, entschied sich dann aber dagegen. Es war sowieso schon alles viel zu kompliziert. Sie tastete sich zu Alexander vor und war dankbar dafür, als er sie ohne Worte ihn die Arme nahm. Sie schloss die Augen und ihr war, als ob sie im selben Moment hinter der Tür des „Gloryhole-Raums“ ein Beißgeräusch und einen Schrei hörte.
      „Ich glaube, ich habe ihn gefunden“, hörte sie Loki sagen. „Ich lasse euch Turteltauben dann mal allein“.
      „Turteltauben?“, fragte Erna verwirrt und Alexander lachte. Dann küsste er sie. Zuerst zaghaft, dann, als sie seinen Kuss erwiderte, leidenschaftlicher.


      Während Alexander Erna half, eine ihrer dringendsten Fragen zu beantworten, blieb die Zeit im Funkensturm nicht stehen. Zwar war es einem eiligst herbeigerufenen Elektriker gelungen, den Strom wiederherzustellen, doch als das Licht anging, bot sich den verstörten Nachtclubbesuchern ein Bild komplettester Verwüstung.
      Die Zeugenaussagen, die die hinzugezogene Polizei von verschiedenen Personen aufnahm, halfen ebenfalls nicht, Licht in die verfahrene Lage zu bringen: Der Besitzer des Nachtclubs war bewusstlos mit einem Kaktus in seinem entblößten Hinterteil gefunden worden, um ihn herum lagen die Überreste einer Melone; verletzte Männer behaupteten, in ihren Penis gebissen worden zu sein, während sie die Dienste einer durchlöcherten Wand in Anspruch genommen hatten; die für diese Tat verdächtige Person im Walkürenkostüm war entkleidet beim Liebesspiel mit einer Person männlichen Geschlechts gefunden worden und zu allem Überfluss gingen die Aussagen über die Verursacher der Zerstörung komplett auseinander. Während die einen einen überdimensionierten Wolf gesehen haben wollten, schworen die anderen, es sei eine Horde Mutanten gewesen, die das Funkensturm in seine Einzelteile zerlegt habe. Auch von Odins wilder Jagd war die Rede gewesen. Leider erwies sich die Filmentwicklung der Aufnahmen der Überwachungskameras aufgrund des Stromausfalls als wenig sachdienlich, sodass nicht restlos aufgeklärt werden konnte, was sich in jener schicksalhaften Nacht abgespielt hatte. Da die Stammgäste des Clubs im Allgemeinen als Koksnäschen verschrien waren, war man sich unsicher, wie vertrauenswürdig ihre Aussagen waren und stellte die Ermittlungen nach einiger Zeit ergebnislos ein. Erna war in all dem Tumult bedauerlicherweise erneut arbeitslos geworden.
      Als sie sich in den Tagen nach der Verwüstung bei Dick Johnson nach seinem Gesundheitszustand erkundigen wollte, lernte sie ein paar neue Vokabeln der deutschen Sprache. Es tat ihr leid zu hören, dass sie „ein verdammtes Teufelsweib“ sei, von dem Johnson wünschte „er hätte es nie getroffen“ und dass sie ihn „komplett ruiniert“ habe mit ihrem „verdammten unschuldigen Walkürengehabe“.
      „Was ist ein Teufelsweib?“, fragte sie Alexander, der auf der Couch auf sie wartete, als sie vom Telefonieren zurückkehrte.
      „Du!“, sagte er, lachte und küsste ihre Nasenspitze.
      „Das hat Dick Johnson auch gesagt“, erwiderte sie nachdenklich. „Ist das nun gut oder schlecht?“
      „Wenn er es zu dir sagt, ist es das beste Kompliment, das du dir denken kannst“, kam die amüsierte Antwort. Dann strubbelte Alexander durch Ernas Haare und nahm sie in den Arm. Und die Welt wurde ein kleines bisschen besser.





      Kapitel 14 (Sirius)

      Disclaimer: Sirius hat die Pflicht-Asso ("Nacktbaden") NICHT verwendet.




      Kapitel 14



      »Welches Jahr haben wir?«
      Zoë überlegte sich kurz, ob sie schreien sollte angesichts einer so selten dämlichen Frage. »Ja, welches wohl? Das aktuelle, du Genie! Schau halt auf dein Scheißtelefon, wenn du’s nicht selbst packst, aber laber mich nicht an wegen sowas.«
      Sie warf Gabriel sein iPhone zu, das neben ihrem auf dem Tisch lag. »Guck selber.«


      Gabriel, der sich in einen übergroßen Sitzsack versenkt hatte, bekam das Endgerät nicht zu packen und es klatschte neben ihm auf den Boden.
      »Ey! Du hast es kaputt gemacht!«
      Zoë drehte sich zu ihm um. »Nein, du hast es nicht gefangen. Not my fault. Daddy kauft dir doch eh ’n neues.« Gabriel hob es wieder auf.


      Es vergingen ein paar Minuten, in denen keiner der beiden etwas sagte. Man vernahm leises Tippen auf Bildschirmen und ein leises Rumoren im Hintergrund.


      »Funktioniert noch.«
      »Was?«
      »Das Handy. Funktioniert noch.«
      »Ah.«


      Zoë kratze sich am Oberschenkel.


      »Warum touren wir überhaupt im Winter? Wer geht im Winter auf Konzerte?«


      Gabriel schaute hoch zur Decke.


      »Im Ernst, warum sollte ich im Winter irgendwo hinwollen? Da ist es überall kalt.«


      Zoë nahm einen Schluck aus einer nicht etikettierten Flasche. »Du machst dich kaputt«, sagte Gabriel. »Ich bin so froh, dass ich von dem Zeug weg bin.« Zoë schaute kurz zu ihm rüber. »Dafür bist du den halben Tag stoned.« Sie setzte zu einem weiteren Schluck an. »Außerdem halt ich das aus. Du nicht.«


      Der Raum, in dem sie sich befanden, war spärlich eingerichtet. Es hingen viele Fotos an den Wänden, von Stars und Sternchen. Manchmal von Unbekannten. Unter manchen Fotos hingen laminierte Texte, die sehr bunt gestaltet waren und von weitem anmuteten wie die Cocktailkarte eines neu eröffneten Restaurants. Sie dokumentierten Zeit und Ort der festgehaltenen Ereignisse. Künstler X im Jahr Y, hier war er bei uns. Wahnsinn.


      Die Tür schwang auf. Oder knallte auf. Normalerweise knallten Türen nur zu, aber Andrew Miller hatte die Kunst perfektioniert, Türen aufzuknallen. Musste man erstmal schaffen.


      »Gott im fucking Himmel!« Gabriel fuhr vor Schreck hoch und vergaß für einen Moment, dass er keine Unterhose trug. Und auch keine Hose. »Musst du Pisser mich so erschrecken!«


      »Gab, zieh dir was an! Zoë«, er zwinkerte ihr zu und machte ein Fingerschnippen in ihre Richtung, »zieh dir was aus!« Auf dem Flur hinter ihm liefen eilig Menschen mit technischem Equipment hin und her. »Eure große Show beginnt gleich! Ihr kennt den Text, ihr habt die Performance drin, jetzt müsst ihr nur noch abliefern.«


      »Andy, ich hab so keinen Bock heute.« Gabriel ließ sich zurück in seinen Sitzsack fallen und schaute wieder auf sein iPhone. Andrew lehnte sich gegen die Wand und schaute sich im Raum um. »Junge, du kannst dir solche Starallüren nicht mehr lange leisten. Also sei keine Diva und schaff deinen Arsch auf die Bühne, anstatt hier rumzuhängen!«


      »Ich kann nicht! Mir wird kotzübel von diesen dämlichen Kindern! Die stehen da und jubeln mir zu und verstehen absolut nichts! Ich möchte nicht performen, ich möchte mein Erbrochenes auf deren Köpfen!«


      »Jungs?«


      »Gabriel, wir machen das hier nicht zum Spaß. Klar sind Kinder dumm, aber das ist ja das Geile daran. Die kaufen alles. Die oder deren ahnungslose Eltern. Bewährte Management-Weisheit: Blöde Kunden sind die besten Kunden!«


      Zoë räusperte sich auffällig laut. »Jungs!«


      Sie zeige zur Tür. Dort stand ein Junge, der in der einen Hand einen Stift und in der anderen seine Eintrittskarte hielt. Er trug ein T-Shirt, auf dem Gabriel und Zoë zu sehen waren und der Schock stand ihm ins Gesicht geschrieben.


      »Oh!« Andrew drehte sich zu ihm um und ging in die Hocke. »Hallo, Kiddo! Wie könne-«


      »Aaaaaah!« Der Junge schrie plötzlich laut auf. »Ich hasse, hasse, hasse euch!« Er warf seine Sachen auf den Boden und rannte weg, den Flur hinunter.


      »Klasse«, sagte Zoë. »Wegen dir denkt der Kleine jetzt, dass wir Hochstapler sind.«


      »Oh, boo hoo!« Andrew schlug die Tür zu und zuppelte sich seinen Anzug wieder zurecht. »Als ob ihr mit Leidenschaft hinter eurem Output stehen würdet. Ich kenn euch.« Er zeigte auf Zoë. »Du fandest das neue Album scheiße.«


      »Ich mochte einen Song. Den vorletzten. Der war okay.« Sie wandte sich wieder ihrem Handy zu.


      Andrew hob das T-Shirt auf. Es zeige das Cover des vorletzten Albums. Damit waren sie richtig gut in die Charts eingestiegen. Zwei Wochen meistverkauft. Auf allen Kanälen. »Da müssen wir wieder hin, da ist der Kaviar, und wenn wir’s nicht schaffen, gibt’s bald wieder nur Bohnen mit Speck«, sagte er und warf es auf den Tisch neben sich. »Wir müssen so groß werden, wie es Colin Zeiss gerade ist.«


      »Die Musik, die er macht, ist langweilig«, entgegnete Gabriel. »Da schläft man doch bei ein.«


      »Als ob euch das interessiert. Jedenfalls«, fuhr Andrew fort, »ist der Mann ein verdammtes Phantom. Und die Leute lieben es. Er hat eine ganze Tour absolviert, ohne ein einziges Mal selbst aufzutauchen. In jeder Stadt wurden die Songs von einem anderen lokalen Künstler performt. Das ist nicht nur mysteriös, das ist gleichzeitig auch authentisch und geerdet und fuck, der Typ verkauft sein mittelmäßiges Zeug wie geschnitten Brot. Das hätte unser Gimmick sein können. Versteht ihr? Unser Gimmick! Das wäre Gratis-Zaster noch und nöcher gewesen!«


      »Andrew, das funktioniert nicht. Die Leute kennen uns«, versuchte Zoë einzuwenden. Aber Andrew war schon drei Schritte weiter. »Ja ja, weil sie wissen, dass ihr es seid. Stellt euch vor, es würde plötzlich überall eine mysteriöse Band auftauchen, in kleinen Venues, schmale Gigs ohne viel Promotion, aber mit einer Wahnsinnsshow. Wir machen euch so auf, dass euch keiner erkennt und am besten wäre es, wenn ihr parallel noch eure normalen Shows weiterspielt, damit keiner auf die Idee kommt, dass ihr das seid. Und dann spielt ihr Musik, die euch die Leute nie abkaufen würden. Und dann kommt das Highlight, denn wenn wir dann irgendwann die Pressemeldung rausschicken, dass ihr das seid, werden die Leute sagen, boah krass, ich wusste nicht, dass diese Teenie-Idole auch so klingen können.« Er holte kurz Luft. »Ihr müsstet dann irgendwas Rockiges spielen, ich kenn einen guten Produzenten in Nashville, der gibt euch diesen Sound zwischen Underground und Mainstream-Appeal. Vielleicht bisschen düster, müssen wir dann sehen. Diese ganzen Rockmuttis werden das so schlucken.«


      Gabriel und Zoë schauten ihn an.


      »Keine gute Idee?«


      »Andrew, lass es sein. Als du uns das letzte Mal rebranden wolltest, mussten wir Rap Battles im Kabelfernsehen machen. Können wir vielleicht einfach mal bei einer Identity bleiben und die durchziehen?«


      Andrew schnaufte. »Ihr Kids merkt das vielleicht nicht, aber ich werfe euch den Erfolg hinterher. Ohne mich wüsstet ihr gar nicht, was ihr machen würdet. Könnt ihr denn irgendwas außer euch verkaufen?«


      Zoë und Gabriel sahen einander kurz an und dann zurück zu Andrew.


      »Okay, okay. Sorry, war bisschen hart. Gerade jetzt vor der Show.« Er lächelte bemüht. »Aber real talk, wenn ihr in fünf Jahren nicht in irgendeiner Sozialwohnung sitzen und Dosenravioli fressen wollt, dann müssen wir am Puls des Marktes sein. Das ist hier kein Selbstläufer.«


      Zoë schnaufte. »Andrew, es ist ja wirklich toll, dass du dir darum so viele Gedanken machst. Aber du jagst da echt Fabelwesen hinterher. Manchmal haben die Leute halt Bock auf Sachen und manchmal nicht. Das kannst du nicht beeinflussen.«


      Andrew schaute sie irritiert an.


      »Der Markt«, sagte er dann mit ernster Miene, »ist hart umkämpft. Und wir müssen in der erbarmungslosen Jagd nach dem neuesten Trend der Apex Predator sein. Die Spitze der Nahrungskette. Wie ich immer zu sagen pflege: Wenn du es von jemand anderem erfährst, bist du schon zu spät dran. Das gilt für alles im Leben.«


      Gabriel und Zoë schauten ihn indifferent an.


      »Haha!« Andrew lachte künstlich laut auf »Ihr wisst, wie das ist! Da dreht man einmal den Buschfunk auf und schon stehen die Dosentelefone nicht mehr still. Der ganze Urwald will an die Bananen! Uga uga!« Er kratzte sich unter den Armen in einer Art und Weise, die an Affen erinnern sollte. Es sah nur dumm aus. »Ach Kinder, ihr habt es so einfach. Den Stress, unter dem ich konstant stehe, könnt ihr euch gar nicht vorstellen.« Er schnalzte mit der Zunge und stemmte die Hände in die Hüften. »Aber ihr wisst ja, was ich immer sage: Die M&Ms fahren BMW, aber die Smarties liegen erste Klasse!«


      Zoë blickte kurz von ihrem Handy auf. »Andrew, das hast du original noch nie gesagt, seit wir uns kennen.«


      Andrew grinste breit. »Umso besser! Nur Innovation treibt uns voran! Wer will denn heute den gleichen Mist sehen und hören wie morgen? Oder gestern? Keine Sau! Keine gottverdammte Sau will das.« Er fuchtelte mit dem Zeigefinger vor seinem Gesicht herum. »Das ist mein Tipp für euch, von mir, heute. Gratis.« Er hob noch einmal mahnend den Zeigefinger. »Business Class.«


      Es klopfte an der Tür. »Ah! Das muss Janis sein!« Gabriel vergrub sich in seinem Sitzsack, während die Tür langsam öffnete und eine adrette junge Frau den Raum betrat. Sie trug ein schwarzes Kostüm, hohe Schuhe, ein glasiges Lächeln und sie war offensichtlich bereit, ihren Auftritt zu absolvieren.
      Andrew schlang direkt ihren Arm um sie. »Janis! Gut schaust du aus! Ich muss sagen, ich freue mich immer noch irrsinnig, dass wir dich als Support für die Tour gewinnen konnten! Wir haben gerade über dich gesprochen.«
      »Nein, tun wir nicht und nein, haben wir nicht«, murrte Gabriel tonlos.
      Sie gluckste. »Gab, du bist immer so witzig. Es macht wirklich so viel Spaß, mit euch unterwegs zu sein. Ich erlebe hier die tollsten Sachen! Und meiner Karriere hilft das auch total! Ich habe superviele neue Follower dazugewonnen, seit wir das hier machen.« Sie kraulte Andrew das schüttere Kopfhaar. »Und das alles nur dank meines kleinen Schatzis hier.«


      [21:10] [Gab] bring mich bitte um
      [21:10] [Gab] ich hass die alte so


      »Hey, Janis.« Zoë schaute zu ihr hoch. »Warst du nicht neulich mal bei den Eno Awards? Ist cool da? Oder eher nicht?«


      Janis winkte ab. »Könnt ihr voll vergessen. Alles ist super shiny und die Leute sind glatter als der glatteste Aal, den ihr euch vorstellen könnt Eine einzige gottverdammte Glitterparty. Gekocht in einer Suppe aus Scheiße. Glitzernder Scheiße.«


      Andrew räusperte sich und klopfte ihr auf die Schulter. »Ein sehr anregender Eindruck, Janis. Ich war schon immer ein großer Fan davon, wie einfach und doch auf den Punkt du die Dinge beschreibst.« Janis lächelte ihn an. »Ich weiß«, grinste sie und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Aber ehrlich, das war so oberflächlich da. Da dachte ich echt, ich kann nie wieder denken, so wenig, wie ich da denken musste.« Sie prustete kurz und grinste Andrew an.


      [21:12] [Gab] oh gott ist die dumm
      [21:12] [Zrises] :’)
      [21:12] [Gab] wenn andy da ist geht bei der das hirn aus
      [21:13] [Gab] ficken für karriere ok aber muss man so kackdumm sein
      [21:13] [ZRises] ¯\_(シ)_/¯


      »Janis, Liebling, ich würde wirklich noch gern weiter mit dir palavern, aber unsere Goldkehlchen hier müssen noch ein bisschen auf ihren großen Auftritt eingeschworen werden.« Er gab ihr einen Klaps auf den Po. »Also komm, raus hier.« Sie wandte sich zum Gehen, drehte den Kopf noch einmal zu ihm herum und hauchte ihm einen Kuss zu, bevor sie verschwand. Aus dem Flur hallte das Klackern ihrer Absätze nach.


      Andrews Handy klingelte.


      »Ja?«


      »Miller! Sie Arschkrampe! Wegen Ihnen weint mein Sohn!«


      »Mister Rogers! Schön, Sie zu spr- ja! Ja doch! Es tut mir aufrichtig leid! Gar kein Problem! Ja! Ja, sicher, gern! Alles klar, ja! Ihnen auch! Wiedersehen!«


      Er legte auf. »Fuck.« »Was ist?«, fragte Zoë.


      »Das war der Boss. Von der Location hier. Er sagte mir, er hätte seinen Sohn zu uns reingeschickt, damit er sich ein Autogramm abholen kann und … den Rest habt ihr ja mitbekommen.«


      Gabriel zog eine Augenbraue hoch. »Bekommen wir jetzt noch Gage?«


      »Ja, bekommt ihr.« Andrew atmete tief durch. »Also, in elf Minuten geht’s los. Ihr wisst, was zu tun ist. Ihr zieht euch jetzt um, dann geht ihr rechts den Flur runter, am Aufzug vorbei und anschließend seht ihr am Ende des Ganges links die Hintertür fürs technische Personal. Dort dann nochmal rechts lang und ein Stück geradeaus, dann seid ihr auf Position. Ich habe auch vorher mit Kate gesprochen, sie wird euch dort abholen und euren Auftritt genau timen. Ihr wisst ja, beim dritten Knall kommt ihr raus.«


      »Andrew, wir machen das nicht zum ersten Mal.« Gabriel erhob sich mit etwas Mühe aus seinem Sitzsack, streckte die Arme nach oben und gähnte laut. »Wir rocken das, wie immer.«


      »Daran habe ich keinen Zweifel. Ihr seid Profis«, sagte Andrew und ballte ihnen die Faust entgegen, »ihr schafft das. Jetzt entschuldigt mich, ich hol mir noch den letzten Kaffee für heute, nach der Show gibt’s nur noch Schnaps! Cheerio!« Er verschwand in den Flur und schlug die Tür zu.


      »Toll«, sagte Zoë in die eintretende Ruhe. »Abgeholt werden von Arschgeweih-Kate. Als wären wir hier die Kinder.«


      »Echt, hat die eins?«


      »Ja.«


      »Hat die auch noch was anderes?«


      »Häh?«


      »Na, du weißt schon, so … unten.«


      »Nein. Fuck, wie kommst du darauf?«


      »Ich hab da letztens von geträumt.«


      »Wovon?«


      »Sex mit Hermaphroditen.«


      Stille.


      »Zoë?« Gabriel sah zu seiner Schwester hinüber. »Zoë, sprichst du nicht mehr mit mir?«


      [20:55] [ZRises] du bist so ein arsch manchmal.
      [20:55] [Gab] ich sag ja nur wär mega einfach
      [20:55] [ZRises] was wäre daran überhaupt so toll?
      [20:55] [Gab] ja stell dir vor
      [20:54] [Gab] anal
      [20:54] [Gab] du bekommst von hinten einen riesenschwanz rein
      [20:54] [Gab] und dann liegt sie so auf dir und du spürst ihre gigantischen brüste auf deinem rücken
      [20:54] [Gab] wenn du deine arme bisschen nach oben verrenkst kannst du die noch kneten währenddessen
      [20:54] [Gab] mega heiss


      [20:52] [Gab] was
      [20:52] [ZRises] gab.
      [20:52] [ZRises] ich glaube, du schaust zu viel hentai.


      Gabriel nahm einen Schluck aus Zoës nicht etikettierter Flasche und ließ sich wieder in seinen Sitzsack fallen. »Ich hab keine Lust. Es ist immer derselbe Grind. Wir spielen was, die jubeln, Andrew ist unzufrieden.« Er wühlte in der Tasche, die neben ihm lag, nach einem Feuerzeug. »Ich zieh mir jetzt erstmal was rein, damit ich das überhaupt durchstehe.«


      Zoë rülpste.


      »Ich bin so froh, dass wir auf diesen großen Bühnen spielen«, sagte sie. »Stell dir vor, die wären näher an uns dran. Die würden so krass meine Fahne riechen.«


      »Sowas merken Kinder doch nicht. Außer die Eltern saufen.« Er zündete sich etwas fahrig einen Joint an. »Viele haben ihre Mütter dabei«, entgegnete Zoë. »Gott ey, ich hätt gern ’ne Mutter.«


      Es vergingen einige Sekunden, in denen es in dem kleinen Raum sehr still wurde.


      »Das Leben«, sagte Gabriel schleifend, nachdem er einen kräftigen Zug genommen hatte, »ist ein Riesenrad. Und wir sind in der Gondel ganz oben und das Rad ist kaputt.« Er schaute zu Zoë rüber. »Weißt du, was ich meine? Wir haben voll den Ausblick, aber wir kommen da nicht weg. Außer wir würden runterfallen. Und das wär …« Er dachte kurz über eine akkurate Beschreibung nach. »Das wär aua«, sagte er dann.


      »Danke, Gab. Ich hätte es auch ohne die Erklärung verstanden.«


      Während dieses Gespräch stattfand, musste Andrew Miller sich gegenüber den Journalisten, die vor der ausverkauften Halle zusammen mit zehntausenden Fans auf die große Show warteten, sich zu den ihm gegenüber wiederholt erhobenen Grooming-Vorwürfen rechtfertigen. Die Anklagen waren lautstark: Sexualisierung von Kindern, Ausnutzen einer Autoritätsposition, Vertrauensbruch. Sein Label hatte sich vor einigen Minuten in einer öffentlichen Stellungnahme von ihm distanziert, während er verschwitzt und noch etwas angeheitert versuchte, im grellen Scheinwerferlicht die vielen auf ihn einprasselnden Fragen zu beantworten. Er war schon oft aus der Sache rausgekommen, aber diesmal sah es nicht gut aus. Diesmal würden sie es nicht wieder vergessen.


      Gabriel hatte noch ein paar Züge genommen und die letzten Minuten gedankenverloren an die Decke gestarrt. Er schaute rüber zu dem Platz, an dem Zoë eben noch gesessen hatte.


      »Welches Jahr haben wir?«, fragte er in die Leere.


      Niemand antwortete. Er schaute auf sein Handy.


      Es war kaputt.
      I wasn't playing baseball, no!
      I wasn't playing football, no!
      I wasn't playing basketball, noo!
      I was playing Class War!
    • Ihr allerliebsten Lieblinge, die Stories sind frisch in meinem Gedächtnis und bis auf pondo und shad habe ich auch alle gelesen! Damit es nicht wieder so ein Reviewdesaster wie bei der letzten Runde gibt, hau ich jetzt einfach mal in die Tasten und gebe taufrisch meinen Senf dazu. Votum kommt, wenn ich alle gelesen habe, pondo und shad werden nacheditiert.

      Vaylin
      Deine Geschichte ist ein klassischer Fall von einer guten Idee, die durch holperige handwerkliche Umsetzung leidet. Du möchtest den Eindruck einer Reportage erwecken, die einem wunderbar absurden Phänomen auf die Spur kommen will. (Pluspunkte für Frankfurt/Main, ich habe emotionale Bindungen an diese Stadt!) Leider hältst du das aber stilistisch nicht durch durch Tempussprünge, Flüchtigkeitsfehler und Stilbrüche sowie Umgangssprache. Schade - die Mischung aus Zeitungssprache und absurd suizidalen Selbstmordpraktiken hätte gelingen können. Zurück bleibt eine Geschichte, die sich nicht entscheiden kann, was sie sein möchte und dadurch wirr wirkt.


      Yuniko
      Bei deiner Geschichte greift Ähnliches wie bei Vaylin: eine geniale Idee wird durch handwerkliche Fehler verwässert. Ich liebe Wolkenmeere und die mentalen Bilder, die sie hervorrufen, dazu noch Reminiszenen an Peter Pan und Link's Awakening und ich fand mich sofort in die Welt deiner Geschichte hineingezogen... bis ich durch eine ganze Reihe von Rechtschreib- und Grammatikfehlern wieder hinausgeworfen wurde. Man merkt die Eile und den fehlenden Korrekturleser ein bisschen, was mich ein wenig traurig zurücklässt, da ich gerne noch ein Weilchen in der Welt verblieben wäre, die du geschaffen hast. Gerade die Fortsetzung der Peter Pan Geschichte, fand ich sehr reizvoll. Zudem musste ich bei deinem Kapitän ein bisschen an den hier denken: Captain Shakespeare aus dem Film Stardust


      Wons
      Was soll man noch mehr dazu sagen? Ernsthaft! Die Killertomaten sind einer meine Lieblingsfilme aus Gründen die ungezählt wären, aufzuzählen. Sie in China vorzufinden hat mich über die Maßen entzückt. Auch die Mahjong-Hölle hat es mir angetan, genau wie die wunderbar unheldenhaften Helden. Ich hätte gerne noch ein bisschen mehr darüber erfahren, wie sie nach China kamen, wie der Stand der Zivilisation so generell ist und wie genau ihr Modus operandi war. So war es immer noch ein amüsanter Mix aus hard-boiled Kriegsfilmen und... Tomaten. Das Ende war besonders schön! Spoiler im Spoiler? YOU DIED!


      Créx
      Ein Wiedersehen mit Pixel macht Freude! Und die Geschichte hat mich sehr amüsiert. Sie hatte etwas von American Gods und die (Grüne?) Fee auf dem Motorrad fand ich wundervoll. Dein Weihnachtsmann-Verse ist irgendwie noch ein bisschen toller geworden und ich bin sehr gespannt, wohin die Reise des Wahnsinns noch gehen wird.


      MadZocker
      Ich finde es schön, dass du die griechische Mythologie als Hintergrund für dein kleines Abenteuer wähltest (und sie mit der modernen Zivilisation zusammenbringst) und die Harpyie war irgendwie süß. Ich fand es nur leider etwas wirr stellenweise, dafür gefiel mir Thanatos in seiner absoluten Randomness. Die Interaktion hätte ruhig länger werden können.


      BadBadJellyBean
      Ich schrieb ja schon im Discord, dass ich es wunderbar zynisch fand, das Zukunftsbild, dass du da entwirfst. Du schriebst du hattest keinen Plan, aber das merkt man der Geschichte nicht an, sie wirkt in sich rund und konsequent. Man ist immer nur so lange herzlos, bis man den konkreten Menschen sieht. Wo geht es hin, Deutschland? Pluspunkte für Trier.


      CaptSiggi
      Du fährst ein Insiderpersonenarsenal auf, das einem Mammutwerk wie Wheel of Time Konkurrenz macht. Es war natürlich schön von sich selbst in einer Geschichte zu lesen und High Fantasy ist immer großartig. Leider haben mich die unendliche Anzahl an Charakteren in der Kürze der Geschichte ein wenig überfordert. Ich verstehe, dass du deiner Prämisse treu bleiben wolltest, aber ich glaube, da wäre weniger eher mehr gewesen. Trotzdem interessiert es mich, wie es mit den Streitenden Königreichen weitergeht.


      Sirius
      Die einzige Geschichte bei der aus meiner Sicht Überschrift und Story keinen Zusammenhang haben. Ansonsten war es ein sprachlich solider Ausflug ins gelangweilte Bandmilieu mit rätselhaftem Schluss. Die Geschichte wirft Fragen auf und gibt sie an den Leser zurück. Sehr nett fand ich die Chat-Einlagen.


      shad
      Die Geschichte einer armen Sau, die kein Ziel im Leben hat. Sprachlich solide aber nicht einwandfrei erzählt. Leider war Nikolas für mich kein Sympathieträger - er gefällt sich zu gut in seinem selbst gewählten Elend. Auch fand ich es mehr als seltsam, dass er seinem Freund einen Selbstmordversuch ankündigt, einfach wegrennt, um diesen durchzuführen und der Freund rührt nicht einmal den Finger.Der Anfangsabsatz hat richtig Lust auf mehr gemacht, vom eigentlichen Plot war ich dann aber etwas unterwältigt. Ich weiß nicht, ob es wirklich an der Geschichte liegt, oder daran, dass mich Selbstmitleid momentan generell ankotzt. Tut mir leid. :(


      pondo
      Von Anfang bis Ende lieferst du einen Parforceritt, der nicht vorhersehbar ist. Sehr gut gefallen hat mir die Innensichtweise von Kuno auf die entsetzlichen Ereignisse, sodass man als Leser selbst überlegen muss, wie das, was er erlebt "tatsächlich" aussieht, sehr überzeugend auch die Gründe für die Medikamenteneinnahme. Der Plot-Twist am Schluss, auch wenn es ein altbekanntes Stilmittel ist inzwischen hat das Ganze abgerundet.


      Votum
      Dieses Mal habt ihr es mir echt schwer gemacht. Ich bin folgendermaßen vorgegangen, dass ich Geschichten mit sprachlichen Mängeln, sowie Sirius, weil er die Vorgaben nicht einhielt von vornherein aussortiere. So blieben am Schluss noch sechs Geschichten übrig. Davon besonders gut gefielen mir Wons, BadBadJellyBean, pondo und Créx, aus den oben genannten Gründen. Da Wons schon so häufig gewonnen hat, hab ich mich diesmal an ihrer Stelle für BBJB entschieden - da bleibt es ja in der "Familie" auch wenn ich die Killertomaten einfach toll finde. <3
    • Vielen Dank für die Geschichten und das schöne Vorwort und Nachwort!
      Ich habe zu jeder Geschichte ein paar Gedanken aufgeschrieben, Rezensionen sind es eher nicht.


      Sexy Selbstentzündung
      Spoiler anzeigen
      vielversprechender Anfang, plötzlich dachte ich, ich hab zu weit geblättert. Das war schade, es hätte richtig Potential gehabt.


      Schattenwal
      Spoiler anzeigen
      Als ich es las, prasselten grad Walexkremente an mein Fenster. Thanatos ist so richtig schön zynisch. Guter Humor!


      Die Wahrheit über die Kulturrevolution
      Spoiler anzeigen
      Du weißt, ich hasse Tomaten ja auch. Aber deine Geschichte war super und das Ende unerwartet.


      Ein nachweihnachtlicher Trip
      Spoiler anzeigen
      Was für ein kranker Ritt! Bei der letzten Geschichte hatte ich schon immer „Disenchantment“ vor Augen, aber diesmal noch mehr. Und das macht den Irrsinn noch besser als es eh schon ist!


      Relics: Getragen vom Wind
      Spoiler anzeigen
      Taucht da einfach Boris auf <3
      Da wandert man tief unter die Erde, sieht einfach einen gruseligen Typen und wird dann nach Tee gefragt xD Der Arme will doch nur etwas liebe und irgendwer missverstand es als foltern.


      Die LVA Trier
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      Ich liebe deine Geschichte, erst bekommt man vor lauter lachen Tränen in den Augen und dann wegen dem fiesen Ende. Zum Glück eignet sich Prinzessin Lillifee Toilettenpapier auch zum Naseschnäuzen.


      Keine Panik
      Spoiler anzeigen
      Genau mein Ding. Witzig und doch ergreifend. Fremdscham und Mitleid mit Kuno. Ich hätte gerne mehr gelesen.


      Achromasie
      Spoiler anzeigen
      Passender Titel für diese sehr melancholische Geschichte. Die macht mich sehr betroffen und ich leide mit..


      Aller Anfang ist schwer
      Spoiler anzeigen
      Super Idee mit den Namen und Orten. Leider fällt das lesen durch die komplizierten Namen sehr schwer, weil ich nie weiß wer das nun war, der da spricht. Ich hätte mir noch mehr Interaktion zwischen den Charakteren gewünscht, aber bei Zeitmangel ist es sicher schwer noch mehr zu schreiben. Ich bin trotzdem gespannt, wenn noch mehr kommt, denn der Stil gefiel mir.


      Auf dem Weg zur Erleuchtung
      Spoiler anzeigen
      Ach Erna, was die so erleben muss. Zum Glück hat sie Alexander an ihrer Seite. Vielleicht hilft er Erna bald endlich eine richtige Arbeit zu finden und lernt ein bisschen mehr in dieser schwierigen Welt der Menschen.


      Kapitel 14
      Spoiler anzeigen
      Oh Gott, was für furchtbare Leute :D Vermutlich ist das nichtmals weit hergeholt und exakt so möglich. Mich hätte interessiert, welche Katastrophen noch auf der Bühne und nach dem Auftritt passiert wären.
      forever alone
    • Neu

      Feedback-Zeit! Wie immer gilt, ich bin kein Literaturkritiker, ich schreibe mir nur meine persönlichen Eindrücke von der Seele, man möge mir nichts übel nehmen, danke!

      "Vaylin"

      Erster Eindruck: ???

      Inhalt: Auch nach mehrmaligem Lesen habe ich immer noch das Gefühl, die Geschichte nicht zu verstehen. Vielleicht gibt es nichts zu verstehen und es ist einfach genauso random, wie es auf den ersten Blick scheint? Dann drängt sich mir als Leser unweigerlich die Frage auf: ...und jetzt? Was soll die Geschichte mir sagen? Mit mir machen? Leider hat sie mir irgendwie gar nichts gesagt und gar nichts mit mir gemacht, außer mich zu verwirren. Was haben die Hippie-Ökos mit den brennenden Prostituierten zu tun? Warum muss Hans einen Stock im Arsch haben, um recherchieren zu können? Irgendwie fehlt mir der rote Faden und... keine Ahnung. Die Geschichte an sich ist nicht unbedingt unrund, sie hat ja einen klaren Anfang und durch den Stil ein relativ klares Ende, aber mir fehlt irgendwie die Pointe oder irgendein Sinn. Auch die Einstreuung vulgärer Begriffe erfüllte für mich leider keinen wirklichen Zweck und fiel mir daher störend ins Auge; ich hatte das Gefühl, das sollte irgendwie clever wirken, wirkte für mich aber eher gezwungen.

      Stil: Die Mischung aus Erzählung und Zeitungsstil ist eigentlich eine coole Idee, funktioniert aber für mich persönlich trotzdem nicht so gut, weil irgendwie Inhalt fehlt. Einige Sätze sind etwas wirr - es wirkt, als hättest du die Geschichte relativ schnell runtergeschrieben und hinterher nicht mehr drübergelesen?

      Assoverwendung: In der abgedrehten Randomness der Story fallen mir die Assos nicht auf, also gibt es zumindest für die Assoverwendung schon mal einen Pluspunkt. Anfangs dachte ich, "wolllüstig" sei eine Asso, weil du dieses Wort, so dachte ich, nie benutzen würdest, aber so kann man sich täuschen.

      Gesamteindruck: Vayliiin... ich muss dir ehrlich sagen, ich bin ein bisschen traurig. Ich hatte mich so auf deine Geschichte gefreut und bin etwas enttäuscht, dass du nicht an deine bisherige Genialität anknüpfen konntest. Nächstes Mal wird's besser! Ich glaub trotzdem noch an dich.

      Lieblingsstelle: Doch wie kommt es dazu, dass einige viele Leute "lit" so wörtlich nehmen?



      "Yuniko"

      Erster Eindruck: Was für eine schöne Einladung zum Träumen, der ich nur zu gern folge.

      Inhalt: Wie schon im Ersteindruck gesagt: Eine Einladung zum Träumen! Ich bin sowie ein Fan von Himmelsschiffen und Geschichten über solche, ich mag die Charaktere, ihre Ausflüge in mal lustige, mal traumhafte Gedankengänge. Thani und Elvira geben ein ganz wunderbares Team ab, ihre Dialoge sind glaubhaft und lustig, man kann sich richtig gut vorstellen, wie sie Jahr um Jahr auf der Suche nach dem Wal umherziehen. Auch die Verknüpfung mit Peter Pan fand ich sehr lieb und gelungen. Zwar hat die Geschichte gewissermaßen ein offenes Ende, was mich normalerweise eher stört, in diesem Fall jedoch finde ich es sogar gelungen. Es ist eben ein Ausschnitt aus einer langen Reise und funktioniert daher für mich persönlich als Kurzgeschichte. Sehr schön.

      Stil: Deinen Schreibstil an sich finde ich wunderschön. Die Mischung aus träumerisch und direkt finde ich äußerst gelungen. Es passt sehr gut zum Inhalt der Geschichte und sorgt so dafür, dass man richtig gut in die Geschichte eintauchen kann. Was mich manchmal leider etwas herausgerissen hat aus dem Lesefluss, sind Wörter, die du auseinander schreibst, obwohl sie eigentlich zusammengehören, z.B. "Traumgestalten". Aber das ist eine Kleinigkeit, die sich mit einmal Korrekturlesen sofort aus der Welt schaffen lässt.

      Assoverwendung: Astreine Assoverwendung, selbst das meiner Meinung nach doch schwierige Irrenhaus wurde sehr souverän untergebracht und stach gar nicht heraus. Find ich gut!

      Gesamteindruck: Eine Kurzgeschichte wie ein Auszug aus einem Traum, sehr schön, um sie zwischendurch zu lesen und für eine Weile in eine andere Welt einzutauchen.

      Lieblingsstelle: Einen Wal soll es geben in lila, blau und grau; gekleidet in ein Glitzkleid im Zenit; sodass es Sonne und Mond gleichsam zu ihm zieht.



      "Crèx"

      Erster Eindruck: Voll schade, dass der Weihnachtsmann so schnell hops geht.

      Inhalt: Als eine der Personen, die in der letzten Runde kommentiert haben, dass deine Weihnachtsgeschichte eigentlich nach einer Fortsetzung schreit, muss ich natürlich zuerst sagen: Cool, dass es eine Fortsetzung gibt. Die Umsetzung funktioniert für mich aber leider nicht so gut. An und für sich ist die Geschichte wie immer gut geschrieben und sie hat ihre Glanzmomente, aber alles in allem lässt sie mich auch mit diesem "...und jetzt?"-Gefühl zurück. Mir fehlt auch hier die Pointe. Pixel hat sich an die Fersen des Weihnachtsmannes geheftet, um herauszufinden, was der treibt - und dann tötet er ihn in der ersten Hälfte der Fortsetzung und ab da passiert irgendwie nicht mehr viel. Ich habe mich über das Wiedersehen mit Pixel und Grumpel (Grumpel, bester Elf!) gefreut, das Videotelefonat war für mich einer der eben genannten Glanzmomente, aber sonst? Die Fee fand ich persönlich einfach nur nervig (was vermutlich auch so sein sollte, aber irgendwie war das für mich nicht zielführend), sie stellte das Fahrzeug, erfüllte aber sonst eigentlich keinen Zweck. Die Tollwutszene wirkte auf mich irgendwie einfach nur gezwungen, als sollte sie random und dadurch lustig sein, was ich leider nicht so empfunden habe. Ab da plätschert die Geschichte dann vor sich hin und hat kein wirkliches Ende und auch sonst hat Pixel eigentlich nichts erreicht. Oder hab ich was übersehen?

      Stil: Am Stil gibt es wie immer nichts auszusetzen. Gerade am Anfang bringst du durch deinen Schreibstil die Roadtrip-Atmosphäre auch richtig gut rüber. Leider reicht der tolle Stil für mich nicht aus, um über den Inhalt, der mich irgendwie persönlich leider einfach nicht anspricht, hinwegzutrösten.

      Assoverwendung: Souverän gearbeitet. Der Verbannungsort Sibirien fiel mir auf, aber das ist bei dieser Asso glaub ich zwangsläufig so; sie war trotzdem sehr gut untergebracht.

      Gesamteindruck: Wie immer gut geschrieben und schöne Idee mit der Fortsetzung, aber leider lässt mich die Geschichte mit einem Gefühl von "War's das schon?" zurück.

      Lieblingsstelle: "Quatsch. Die kratzt ab. Dauert nicht mehr lange. Ich glaube das Gezappel wird schon weniger. Und aus ihren Flügeln kannst ne klasse Suppe machen", schwärmte Grumpel.



      "TheMadZocker"

      Erster Eindruck: Ma boi Mad wagt sich in neues Territorium vor - und das mit Erfolg!

      Inhalt: Was ich an deinen Geschichten ja immer schätze: Du probierst immer mal wieder was Neues aus. Ich war erstaunt, diesmal keine von dir selbst erdachte Welt vorzufinden, stattdessen bedienst du dich an griechischen Gottheiten, und ich muss sagen: Funktioniert! Sehr coole Charaktere mit sehr coolen Dialogen. Vor allem natürlich der Dialog in der Unterwelt mit Tartaros, großartig. Dass ausgerechnet Boris derjenige ist, der den Zugang zur Unterwelt öffnet, fand ich auch schön, das sehr unaufdringliche Crossover beider Welten funktioniert hervorragend. So macht die Geschichte großen Spaß zu lesen. Was mich aber gestört hat: Es ist auch nur ein Ausschnitt. Ich erfahre nicht viel; ich weiß, dass nach Aello gesucht wird wegen eines augenscheinlichen Verrats, aber mehr leider nicht. Ich erfahre nicht, warum genau sie verschwunden ist, warum sie gesucht werden soll, wo sie hin ist, was sie vorhat, ob sie gefunden wird. Aber natürlich würde die Beantwortung all dieser Fragen den Rahmen einer Kurzgeschichte total sprengen. Daher glaube ich, dass die Geschichte eigentlich nicht als Kurzgeschichte geeignet ist, sondern eher als 300-Seiten-Wälzer. Den würde ich natürlich nur zu gern lesen, also falls du den irgendwann schreibst, leg mir ein Exemplar zurück. So hat es mir trotzdem Spaß gemacht, die Geschichte zu lesen, vor allem, weil man richtig gut eintauchen konnte, insbesondere in den Unterweltszenen, aber es lässt mich doch leider mit zu vielen offenen Fragen zurück.

      Stil: Hat mir gut gefallen. Gute Immersion, flotte Dialoge, die Story trägt sich selbst und treibt sich selbst voran. Cool gemacht.

      Gesamteindruck: Die Story in aller Ausführlichkeit auf 300+ Seiten? Würd ich sofort kaufen.

      Lieblingsstelle: "Jasmin, Kamille, Pfefferminz... griechischer Bergtee? Nein, zu gewöhnlich."



      "BadBadJellyBean"

      Erster Eindruck: Haha, witzig! ... oh... OH... :(

      Inhalt: Wenn ich nicht wüsste, dass du tatsächlich einfach drauflos geschrieben hast und vorher nicht wusstest, in welche Richtung die Geschichte eigentlich gehen soll, dann würde ich es dir nie im Leben glauben. Die Geschichte ist einfach so eine runde Sache, dass man sich nur schwer vorstellen kann, dass sie nicht das Ergebnis eines sorgsam ausgetüftelten Plans sein soll. Deine Geschichte ist eine von den kürzesten, und doch eine der für mich ausdrucksstärksten. In so wenigen Wörtern vermittelst du so eine eindringliche Atmosphäre; ich ziehe den Hut. Am Anfang, als man neu in das Leben von Karl-Heinz reingeworfen wird, denkt man sich, ok, was ist das denn für ein Opfer, hat nur verschimmelte Karotten und Korn im Kühlschrank, weiß nicht mal mehr, wo er sein Klopapier her hat, alles ganz komisch. Es überwiegt das Lustige. Trotzdem fühlt es sich auch da schon im Hintergrund so an, als ob da noch mehr sei, was man noch nicht weiß. Das wird aber zunächst wie gesagt vom Lustigen etwas verdrängt. Prinzessinnen-Klopapier, der typische Trierer "Un?!"-Dialog, das neue Buch von Hape Kerkeling (würde mich nicht wundern, wenn er so was wirklich schreiben würde), die Bibelhausener Invasion, all das entführt uns weiter in die von dir geschaffene Zukunftsdystopie, die gleichzeitig so absurd ist, dass man lachen muss, und gleichzeitig so real möglich erscheint, dass einem kurz darauf das Lachen im Hals stecken bleibt und ein ungutes Gefühl von "Was wäre, wenn?" zurücklässt. Dann kommt Karl-Heinz bei der Arbeit an und wir erfahren etwas mehr über ihn, was er macht, warum er das macht - so halb. Die Atmosphäre hat sich verändert. Einerseits ist da immer noch ein stummes Lachen über die Absurditäten, so beispielsweise beim Aufzeichnen der letzten Mahlzeiten, wo die Frage nach den Wünschen der Gefangenen nur pro forma geschieht, weil ihnen am Ende ja doch die gute deutsche Traditionsküche aufgezwungen wird. Andererseits ist da dieses beklemmende Gefühl, dass all das bitte niemals Realität werden soll. Und dann das furchtbare Ende, bei dem plötzlich alles viel zu schnell geht. Wir erfahren von dem roten Knopf (und dem grünen, von dem wir nie erfahren, was er bewirkt, was aber gut so ist) und von der Entsorgung der sog. Verbrecher. Karl-Heinz hat einen kurzen scheinbaren Moment der Erleuchtung und in mir als Leser macht sich schon die Hoffnung breit, dass er jetzt den Anstoß bekommt, aus seinem inneren Gefängnis auszubrechen, zu sagen: "Das ist krank, was wir hier machen!" - und schon im nächsten Augenblick wird diese Hoffnung zerstört, Karl-Heinz drückt Knopf um Knopf um Knopf, der Alltagstrott geht weiter. Aber auch das ist gut so: Im echten Leben ist es nicht so einfach, aus einem solchen System auszubrechen. Karl-Heinz macht das schon so viele Jahre. Da wird er nicht einfach plötzlich damit aufhören. Und dann der kurze, schnelle Schluss: Karl-Heinz flieht vor sich selbst und den Augen zurück in die Alkoholsucht, um all das zu überstehen. Um am nächsten Tag wieder genauso verkatert aufzuwachen, seine Uhr zu vermissen, den Kühlschrank zu öffnen, nur Karotte und Korn zu finden. Das hat gesessen. Besonders gut gefallen haben mir die kleinen Details, die einem oft erst beim zweiten Lesen dann auffallen. Dass Karl-Heinz auch die Nachrichten seiner Mutter ignoriert, weil er vermutlich einfach nicht mehr die Kraft für normale zwischenmenschliche Interaktion hat. Dass er sich denkt, er sollte mehr von Kerkeling lesen - und dann trotzdem einfach weitergeht. Dass ihn die nasse Unterwäsche kaum stört - was ist sie schon im Vergleich zu den Dämonen, die ihn täglich verfolgen? All so was. Die Geschichte schafft etwas, das mich an Green Mile - was ja auch als Asso vorkam - erinnerte: Dass man Mitleid mit dem "Bösewicht" hat, weil man innerlich weiß, dass er eigentlich gar nicht böse ist. Die Geschichte hat mich sehr beschäftigt und mitgenommen, die Augen, die Karl-Heinz verfolgen, jagen mir immer noch einen Schauer über den Rücken.

      Stil: Noch mal: Schwer zu glauben, dass das deine erste Geschichte ist. Ich finde sie ganz hervorragend geschrieben. Perfektes Pacing. Runde Sache. Wie sich der Kreis vom Ende zum Anfang durch die kurzen, abgehackten Sätze schließt - groß.

      Assoverwendung: Sehr souverän gearbeitet. Mir fiel nur "Green Mile" auf, aber ich fand die Unterbringung trotzdem witzig. Ich fand es gut, dass du die Asso "Überwachungsstaat" rausgelassen hast; die hätte zwar thematisch reingepasst, hätte der Story aber etwas von ihrer subtilen Natur genommen, was schade gewesen wäre.

      Gesamteindruck: Definitiv eine der Geschichte, die mich sehr mitgenommen hat; ich fand sie großartig.

      Lieblingsstelle: "Von Russland nach Santa Maria delle Grazie - Meine Reise mit dem E-Scooter". Das neue Buch von Hape Kerkeling. Intelligenter Mann. Ich sollte mal mehr von dem lesen. Ich gehe weiter.



      "pondo"

      Erster Eindruck: Meine Fingernägel und meine Nerven überleben diese Geschichte nicht.

      Inhalt: Nach deiner letzten BFS hätte ich ja nicht gedacht, dass die nächste mich noch mehr mitnehmen und schockieren und gruseln lassen kann, aber das war dir offenbar egal und du dachtest dir, ich mach das jetzt. Gelungen. Die Geschichte hat mich so mitgenommen. Zuerst hat sie mich gegruselt, mich gleichzeitig fragen lassen, was wohl noch kommen wird, dann hatte ich so schlimmes Mitleid mit Kuno, vor allem, als er auf dem Bett sitzt und weint und sich denkt, dass er das alles nicht verdient hat; hat er ja auch nicht. Dann hat mich das kalte Entsetzen gepackt, als Kuno vor Susis Haus stand und ihr zubrüllte, dass sie nie mehr Angst haben muss, wo sie doch wahrscheinlich vor ihm am meisten Angst hat, und als sich nach und nach offenbarte, was in Kuno vorgeht und was mit Freddi passiert ist... Oh Mann. Und wenn man dann die Geschichte noch mal liest; der Tote in der Badewanne, das laufende Wasser in der Küche, die Besuche von Freddi, dann fügt sich alles so zusammen und lässt einen schockiert zurück, aber mit dem Gefühl, eine verdammt großartige Geschichte gelesen zu haben, die kein einziges Mal Grenzen überschreitet oder unglaubhaft oder überzeichnet wirkt. Und es ist einfach so traurig, dass man weiß, dass es für Kuno wahrscheinlich keine Rettung geben wird. Er tut mir immer noch sehr leid.

      Stil: Wie immer großartig und vielleicht sogar noch ein bisschen besser geworden. Der Stil trägt die Geschichte und treibt sie so voran, dass ich einfach nicht aufhören konnte, zu lesen, dass ich am liebsten einige Zeilen übersprungen hätte, um schneller zu erfahren, wie es weiter geht, aber dass ich doch immer wieder zurückkam, um mir keine Zeile entgehen zu lassen. Vor allem spiegelt der Stil immer perfekt die jeweilige Atmosphäre wider, ob das jetzt die Gruselatmosphäre am Anfang ist, wo man sich fragt, wer da im Haus herumschleicht, die gechillte abendliche Fernsehatmosphäre, die Hochs von Kuno, bei denen er sich wie der König der Welt fühlt,... großartig.

      Assoverwendung: Mir fiel keine auf. Ich glaube, es war gut, den Marzipaneinlauf wegzulassen, keine Ahnung, wie man den hätte einbauen sollen. Gut gearbeitet!

      Gesamteindruck: Eine schauerliche, mitreißende und ganz und gar großartige Geschichte.

      Lieblingsstelle: Kuno drückte sich die Hände auf die Ohren und setzte sich mit geschlossenen Augen auf die Bettkante. Blieb eine lange Weile so sitzen. Und spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Er hatte das nicht verdient.



      "shad"

      Erster Eindruck: Ach shad, man möchte dich in den Arm nehmen für diese bittersüße, traurigschöne Geschichte.

      Inhalt: Wiederum eine der Geschichten, die mich sehr beschäftigt und mitgenommen haben, dabei steh ich doch normalerweise auf Happy Ends, aber in dieser Runde ist mir irgendwie eher nach düsteren Geschichten, scheint mir. Beim Lesen hatte ich an vielen Stellen einen unangenehmen Kloß im Hals, weil ich mich mit dem Geschriebenen gut identifizieren kann. Das Gefühl, nichts Vernünftiges gelernt zu haben, nicht dazuzugehören, nirgends reinzupassen, irgendwie von der Gesellschaft gefangen zu sein; das sind so Sachen, die man gern verdrängt und die du mit deiner Geschichte rauskitzelst - was gut ist. Man will ja von dem, was man liest, berührt werden, ich zumindest. Den Anfang finde ich wunderschön, die Pier-Atmosphäre kommt bei mir zu 100% an, ich kann beim Lesen eintauchen und bin selbst am Pier bei den Möwen, die sich um die weggeworfenen Fritten streiten. Wirklich gut geschrieben. Den nervigen Kunden, wer kennt ihn nicht? Auch das kommt mir alles sehr bekannt vor. Nikolas' Gedankengänge konnte ich gut nachvollziehen. Auch den Dialog mit dem (imaginären?) Freund Frederik fand ich sehr gelungen (ich fand es ja lustig, dass du und pondo den gleichen Namen für eine Figur mit ähnlicher Funktion gewählt habt). Und das Ende? Wieder großartig. Weg sind der Pier, das Wasser, das Café, stattdessen leichte Verwirrung und die plötzliche Erkenntnis, was es mit dem Autounfall auf sich hat. Und die traurige Gewissheit, dass alles wieder von vorn anfängt, ohne dass Besserung oder Rettung in Sicht ist. Sehr traurig, aber eben auch sehr mitreißend und realistisch. Alles in allem: Runde Sache.

      Stil: Gefällt! Das Korrekturlesen hat der Geschichte wirklich gut getan, das solltest du ab sofort öfter in Erwägung ziehen. Eine interessante Idee, Anfang und Ende von einer Art höheren Macht oder innerem Dämon erzählen zu lassen, so wirkt es noch mal runder. Vom verträumten Anfang am Pier bis zur bitteren Erkenntnis am Ende finde ich die Geschichte stilistisch durch und durch gelungen.

      Assoverwendung: Der Dunning-Kruger-Effekt und die Maskenschablone fielen mir auf, aber die waren natürlich auch schwer. Trotzdem kann ich nicht sagen, dass sie gestört hätten. Das Impastasyndrom war, obwohl es ja gar kein richtiges Wort ist, echt gut eingebracht, da musste ich doch schmunzeln.

      Gesamteindruck: Eine Geschichte, die irgendeinen Nerv bei mir trifft und sich irgendwie beim Lesen in meine Seele gefressen hat, gruselig und schön zugleich.

      Lieblingsstelle: Die Möwen kreischten über den Tischen. Es war ein schöner Tag für einen Spaziergang, aber die unsichtbare Leine des Gehalts hielt ihn lieber hier.



      "Siggi"

      Erster Eindruck: Aww, die Namen! Sehr coole Idee!

      Inhalt: Ich fand den Inhalt durchaus vergnüglich zu lesen. Wie andere schon erwähnten: Die Sache mit den Namen. Ich liebe die Idee, finde aber auch, dass es ein wenig schwierig ist, zu folgen, da die Namen ja in der Geschichte selbst nicht mehr ausgeschrieben werden und man sich somit die Person nicht mehr herleiten kann. Es fiel mir auch etwas schwer, den Überblick zu behalten, aber wenn man sich mal darauf einlässt, kann man die Geschichte auch einfach so genießen, ohne immer groß bei den Namen zu überlegen. Ich bekomme leider ums Verrecken nicht heraus, wofür Twitoria steht, hoffentlich kann mich bei Gelegenheit jemand aufklären oder einen Tipp geben!
      Wie gesagt: Trotz der Namensschwierigkeit fand ich die Geschichte schön erzählt. Die Dialoge sind flott geschrieben, sodass keine Langeweile aufkommt. Besonders gut gefiel mir, wie durch die Erinnerung ans gemeinsame Nacktbaden (wtf?) scheinbar Frieden einkehrte, dann aber plötzlich die Situation doch wieder eskalierte und ein noch größerer Krieg heraufbeschworen wurde. Das macht definitiv Lust auf mehr; schade daher, dass die Geschichte schon zu Ende ist. Auch hieraus könnte man sicher eine viel längere Geschichte schreiben, in der man dann auch mehr Zeit hätte, die Charaktere kennenzulernen und sich ihre Namen zu merken.

      Stil: Hat mir gut gefallen und hat gut zur Geschichte gepasst. Der Stil ist schön schnörkellos und konzentriert sich darauf, die Geschichte zu erzählen, was hervorragend zu der Geschichte selbst passt.

      Assoverwendung: Auch hier ist mir keine ins Auge gestochen, also wurde gut gearbeitet.

      Gesamteindruck: Schön erzählte Geschichte, der etwas viel mehr Länge glaub ich gut getan hätte.

      Lieblingsstelle: "[...] Aber es gab ein Ereignis, das hat euch alle verbunden und zur Freundinnen gemacht." Plötzlich kam es allen wieder in Erinnerung und sie antworteten zeitgleich: "Das Nacktbaden."



      "CAMIR"

      Erster Eindruck: Gewohnte Erna-Absurdität trifft auf ein ernstes Thema - und es funktioniert!

      Inhalt: Zuallererst muss ich sagen, dass dies meine bisher liebste Erna-Story ist. Ich finde auch, dass bei der Erna-Reihe das mit den Fortsetzungen immer hervorragend klappt, weil die Geschichten in sich schlüssig und abgeschlossen sind und weder Vorerklärung noch Fortsetzung zwingend bedürfen.
      Hier gibt es jetzt zwei Komponenten, die ich ganz großartig finde: zum einen natürlich den gewohnten Erna-Humor und die damit verbundene Absurdität, zum anderen das Ansprechen eines ernsten Themas ohne nervig erhobenen Zeigefinger, du zeigst die Problematik, statt sie zu erklären, und das gelingt verdammt gut. Dass Erna ihre Sexualität entdecken will und damit Alexander erst einmal die Schamesröte ins Gesicht treibt, dass sie ausgerechnet in einem Darkroom bei dem Widerling Dick Johnson (Der Name!) anheuert, dass sie denkt, sie müsse den Herrschaften etwas vorhusten, das sind so die typischen kleinen Erna-Momente, in denen man einfach merkt, dass sie eben immer noch nicht ganz Mensch, wenn auch nicht mehr Walküre, ist. Man muss einfach lachen und Erna liebhaben. Aber hier kommt jetzt die zweite Komponente ins Spiel: Gerade weil Erna eben so unerfahren ist und vieles nicht weiß, kommen böse Menschen auf die Idee, sie auszunutzen, Johnson allen voran natürlich. Um sich selbst und seine ekligen Kunden zu befriedigen, nutzt er Erna schamlos aus - und alle sehen weg, keiner hilft. Es braucht erst einen Gott aus einer anderen Welt, Loki, um sie zur Rede zu stellen und damit endlich jemand für Erna einsteht und sie beschützt. Damit kann ich mich als Frau in unserer Welt (leider!) gut identifizieren und ich habe mir auch schon oft gewünscht, dass jemand wie Loki gekommen und den bösen Widerlingen mal auf die Finger gehauen hätte. Zum Glück gibt es ein Happy End und Dick Johnson bekommt zumindest einen Teil dessen, was er verdient: Eine Melone auf den Kopf und einen Kaktus in den Hintern. Bleibt zu hoffen, dass er sich jetzt eine unschuldigere Arbeit sucht, vielleicht in einem Büro oder so, und dass er Erna nie wieder mit seinen ekligen Griffelfingern nahekommt. Ebenfalls zum Glück gibt es als Gegenpol zu den ganzen Ekelpaketen ja Alexander, der Erna ebenfalls beschützen will und sie respektiert, sodass am Ende nicht die Aussage "Alle Männer sind Schweine" im Raum steht, sondern eher die Mahnung, vorsichtig zu sein und sich an die Guten zu halten. Das gefällt mir. Sehr gelungen. Bonuspunkte natürlich für Fonris!

      Stil: Wie immer super. Ich mag, wie man am Anfang in die Geschichte geworfen wird ("Es begann damit,...") und ich mag den gewohnten Erna-Stil. Besonders gut gefiel mir der Schluss, in dem die Wirrungen der Geschehnisse im Darkroom nur so halb aufgeklärt werden wie in einem Zeitungsartikel, da musste ich sehr lachen.

      Assoverwendung: In der Absurdität der Geschichte fiel mir nur eine einzige Asso auf, nämlich das Kokosnäschen, das hätte man vielleicht weglassen können. Ansonsten sehr souverän eingebracht, vor allem den Blümchensex.

      Gesamteindruck: Beste Erna-Story bisher, Absurdität trifft Ernst des Lebens, zum Glück mit Happy End. Rundum gelungen.

      Lieblingsstelle: Ohne Burnout zum Blümchensex - Alles was Sie über Sexualität wissen sollten.



      "Sirius"

      Erster Eindruck: Ganz schön viel Dialog, wie ungewohnt für Sirius!

      Inhalt: Wie schon erwähnt: ziemlich viel Dialog. Das fand ich ein bisschen schade, da ich ja weiß, wie außerordentlich gut du schreiben kannst, und das geht für mich immer ein bisschen verloren, wenn so viel Dialog da steht. Es ist natürlich an sich eine interessante Idee, die Geschichte vom Dialog tragen zu lassen, und das funktioniert schon auch, denn man kann folgen, aber... ich weiß nicht, trifft nicht ganz meinen Geschmack. Auch finde ich, dass die Dialoge sich ein wenig unnatürlich lesen. Nun bin ich natürlich nicht im ShOwBiZz(TM) tätig, aber ich glaube, kein Mensch redet so... oder? Die Charaktere sind ziemlich unsympathisch, aber ich glaube, das soll so, oder? Hat für mich auf jeden Fall gut gepasst. Dadurch fand ich ihre Dialoge aber auch etwas anstrengend zu lesen, muss ich sagen. Das Ende hat mir aber gut gefallen, ich dachte mir schon so was und es ergibt für mich auch Sinn. Trotzdem hat es mich leider irgendwie nicht berührt, schade.

      Stil: Wie gesagt, die Dialoge funktionieren und sind an sich gut geschrieben, aber ich vermisste die Teile dazwischen. Vor allem, weil ich weiß, wie gut du die kannst.

      Assoverwendung: Sirius! Du hast die Pflichtasso nicht eingebracht! Was war da los? Ansonsten fiel mir nichts auf, aber wie konnte das passieren?

      Gesamteindruck: Schlüssige Geschichte mit eindringlicher Message, aber mir persönlich gab sie leider irgendwie nichts.

      Lieblingsstelle: "Welches Jahr haben wir?", fragte er in die Leere. Niemand antwortete. Er schaute auf sein Handy. Es war kaputt.



      Wie immer danke an alle fürs Mitmachen. <3 Freu mich jetzt schon auf die nächste Runde.